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Berliner Zeitung | Berlin-Marzahn: Angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen: Staatsanwalt schaltet sich ein
20. January 2016
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Berlin-Marzahn: Angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen: Staatsanwalt schaltet sich ein

Etwa 250 Menschen wollten am vergangenen Montag in Marzahn wegen einer angeblichen Entführung und Vergewaltigung einer 13-Jährigen. Die Polizei verhinderte die Kundgebung.

Etwa 250 Menschen wollten am vergangenen Montag in Marzahn wegen einer angeblichen Entführung und Vergewaltigung einer 13-Jährigen. Die Polizei verhinderte die Kundgebung.

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Björn Kietzmann

Der russische Fernsehkorrespondent Ivan Blagoy, der in Berlin arbeitet, hatte für den Sender Pervij Kanal in einer Reportage über ein 13-jähriges Mädchen aus Marzahn berichtet, das angeblich von drei ausländischen Männern entführt und vergewaltigt wurde. „Er hat behauptet, in Deutschland vergewaltigen Migranten Minderjährige, und die Behörden tun nichts“, begründet Rechtsanwalt Martin Luithle aus Konstanz seine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen ihn.

In der vierseitigen Anzeige an die Berliner Staatsanwaltschaft heißt es unter anderem: Der Korrespondent habe in einer Weise, die geeignet sei, den öffentlichen Frieden zu stören, seine in Deutschland lebenden russischsprachigen Landsleute zum Hass gegen Flüchtlinge aufgestachelt und zugleich indirekt zur Gewalt und Willkürmaßnahmen gegen sie aufgefordert.

Russen demolieren Eingang eines Flüchtlingsheimes

Wie berichtet, war eine 13-Jährige, die aus einer deutsch-russischen Familie stammt, am Montag vergangener Woche als vermisst gemeldet worden. Am Dienstag tauchte sie wieder auf. Familienangehörige erzählten danach, das Kind sei von Arabern in einer Wohnung festgehalten und mehrfach vergewaltigt worden. Die Polizei dementiert: „Es gab weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung.“ Mehr sagt sie unter Berufung auf den Schutz des Kindes nicht.

In sozialen Netzwerken und im russischen Fernsehen wird nun Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Bis Dienstag wurde das Video der Sendung auf Facebook mehr als 1,3 Millionen Mal aufgerufen, fast 29.000 Mal geteilt und mit rund 3500 hasserfüllten Kommentaren versehen, die zum Großteil zu Selbstjustiz aufrufen.

Die NPD demonstrierte, zweimal versammelten sich Hunderte Mitglieder der russischen Community. Aufgebrachte Russen demolierten am Freitag den Eingang eines Flüchtlingsheimes und verletzten einen Sicherheitsmann. In seinem Bericht gibt Ivan Blagoy auch die NPD-Demo als Kundgebung der russischen Diaspora aus. „Der russische Korrespondent arbeitet in Berlin und ist damit den deutschen Strafgesetzen unterworfen“, sagt Luithle.

Anwalt der Familie meldet sich zu Wort

Rechtsanwalt Roman Igler, der die Interessen der Familie vertritt, sagte der Berliner Zeitung: „Als die Tochter wieder zu Hause war, hatte sie starke Hämatome am Körper. „Als die Eltern zur Polizei gingen, äußerte sich ein Polizist anfangs dahingehend, dass das Kind nur Quatsch erzähle.“ Er räumte ein, inzwischen ermittle die Polizei mit der nötigen Sorgfalt. Eine Spekulation darüber, ob eine Vergewaltigung oder ein sexueller Missbrauch stattfanden, wollte Igler nicht abgeben.

„Eine ärztliche Untersuchung wird noch stattfinden. Wir wissen nur: Das Kind war 30 Stunden in den Händen von Personen, die es misshandelt haben.“ Inzwischen schaltete sich die Staatsanwaltschaft ein. Man werde die widersprüchlichen Versionen des Mädchens zum Geschehen prüfen, sagte ein Sprecher.