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Berliner Zeitung | Berlin-Pankow: Was Berlin von Bauprojekten wie der Wohnstadt Carl Legien lernen kann
18. January 2016
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Berlin-Pankow: Was Berlin von Bauprojekten wie der Wohnstadt Carl Legien lernen kann

Die Wohnstadt Carl-Legien in Pankow.

Die Wohnstadt Carl-Legien in Pankow.

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Paulus Ponizak

Es wird weltweit wieder über Wohnungspolitik gestritten. So sehr wie kaum jemals seit der Kaiserzeit und seit der Weimarer Republik. Nach zweieinhalb Jahrzehnten neoliberaler Demontage des staatlich geförderten, des genossenschaftlichen und des kommunalen Wohnungsbaus, sei es aus Überzeugung wie in den meisten westlichen Industriegesellschaften oder durch den Druck der von ihnen beherrschten Institutionen wie der Weltbank, stehen selbst Großstädte mit vergleichsweise stabil gebliebener Bevölkerung wie Berlin vor Wohnungsnot. Wenn sie größer werden, wächst auch das Problem.

Daher wird die Erinnerung an die große Zeit des gemeinschaftlichen Wohnungsbaus, die 1920er-Jahre und die ersten vier Nachkriegsjahrzehnte, wieder höchst aktuell. Nicht zufällig wurden 2008 vier Genossenschafts-Siedlungen der Berliner Moderne der 1920er-Jahre auf die Liste des Welterbes gehoben. Dass der Welterbe-Antrag für die einstige Stalinallee und das Hansaviertel der 1950er vorerst scheiterte, lag vor allem am Berliner Senat, nicht an der Sinnfälligkeit der Projekte.

Dass Berlin sich gleich zweimal mit dem Erinnern an den gemeinschaftlich finanzierten Wohnungsbau auf die Welterbeliste hieven will, ist gut zu begründen. Hier gab es an der Torstraße in Mitte schon im mittleren 19. Jahrhundert Wohnhäuser von Genossenschaften. Hier entstanden mit den Reformhäusern Alfred Messels Projekte, die auf der Pariser Weltausstellung die Goldmedaille erhielten.

An diese dezidiert großstädtische Linie der Wohnungsbaureform schloss die Wohnstadt Carl Legien an – eines der bedeutendsten sozialdemokratischen Wohnungsbauprojekte der 1920er-Jahre. Gebaut wurde sie von der 1924 von Gewerkschaften und Stadt Berlin gegründeten Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktien-Gesellschaft (Gehag). Deren Architekten Bruno Taut (1880-1938) und Franz Hillinger (1895-1973) versuchten ästhetische Ideen und Wohnungsideale der Klassischen Moderne auf den Maßstab der Großstadt anzuwenden.

Zu dieser Zeit wohnten in Berlin durchschnittlich drei Personen in jedem Zimmer, 42 Prozent der Wohnungen hatten überhaupt nur ein Zimmer und die Küche, nur zehn Prozent ein Bad. In mehr als der Hälfte gab es keine eigene Toilette. In keiner anderen Stadt Deutschlands, in kaum einer anderen Europas oder der westlichen Welt herrschten so schlechte Wohnverhältnisse wie in Berlin.

Der Revolution vorbeugen

Andererseits war Politikern und Industriellen bewusst: Arbeiter, die schlecht wohnen, arbeiten auch schlecht. Kaum verwunderlich also, dass die Wohnungsreform seit den 1880er-Jahren ein Dauerthema der öffentlichen Debatte war. Wie heute gab es im Wesentlichen zwei Fraktionen: Die eine wollte die Lösung dem Markt und dem Wagemut privater Investoren überlassen. Für die anderen sollte der Staat, sollten vor allem die Kommunen direkt intervenieren, am besten durch billige Grundstücke und Steuernachlässe für Genossenschaften.

Für beide Fraktionen aber war die Wohnungsreform notwendig, um Revolutionen zu verhindern. Sie erschien als Ergänzung der Sozialreformen, die Bismarck und Kaiser Wilhelm II. in den 1890er-Jahren im liberal und konservativ dominierten Reichstag durchgesetzt hatten. Auch deswegen gab es kaum Widerstände als die Weimarer Reichsverfassung 1919 bestimmte, jeder Deutsche habe das Recht auf eine gesunde Wohnung.

Doch allein in Berlin fehlten schon zu dieser Zeit mindestens 130.000 Wohnungen, reichsweit zwischen 750.000 und 1,5 Millionen. Um die dank Geldentwertung von Hypotheken fast befreiten Haus- und Grundstücksbesitzer wenigstens an den Kosten der Hyperinflation zu beteiligen, erhoben die deutschen Länder seit 1924 die legendäre Hauszinssteuer. 1927 wurden aus dieser Quelle 850 Millionen Reichsmark erlöst, Berlin strich 120 Millionen Reichsmark davon ein. Aber selbst in den „guten Jahren“ 1927 und 1928 konnten damit reichsweit nur knapp 180.000 Wohnungen jährlich gebaut werden. Wohnungsnot blieb die Konstante der industrialisierten Großstadt-Moderne, die Suche nach dem effizienten Grundriss, der möglichst vielen Wohnideen dienen kann, ihre Grundaufgabe.

Schon seit 1925 plante Hillinger nahe der Ringbahn und an der Straßenbahn zum Alex sowie nach Charlottenburg eine Siedlung, wie damals üblich als niedrig bebaute Gartenstadt. Aber die Grundstücke gehörten den Erben des Brauereibesitzers Julius Bötzow. Erst 1928 gelang der Gehag der Kauf.

Um das nun vergleichsweise teure Land effizient auszunutzen, planten Taut und Hillinger also eine Wohnungsdichte, wie man sie sonst eher aus den Großsiedlungen in Hamburg, Amsterdam, Rotterdam oder Wien kennt. Ursprünglich sollten 1700 Wohnungen entstehen, gebaut wurden 1145 für etwa 4000 Einwohner auf nur 8,4 Hektar Land; die Erweiterungsflächen sind teilweise bis heute frei gelassen. Dicht auf dicht folgt der Takt der Wohnbauten an der heutigen Erich-Weinert-Straße, dazwischen öffnen sich breite Gartenhöfe, nur den nordöstlichen Block schließt ein Riegel für Ladengeschäfte ab.

Grandiose Grundrisse

Raffiniert ist die Gartenplanung mit Hecken an den Bürgersteigen und aus den Rasenfeldern wachsenden Bäumen. Verschwunden sind allerdings die zu DDR-Zeiten entstandenen Mietergärten, auch so mancher Baum wurde zurückgeschnitten. Es gab heftige Konflikte in den 1990er-Jahren zwischen Bewohnern und Denkmalpflege, bis ein Kompromiss gefunden wurde, der das Gartendenkmal der Moderne wieder erlebbar macht.

Dominiert wird das Bild der Wohnstadt von den Kopfbauten der Riegel mit ihren halbrunden Balkonen und den kräftigen Farben, die so typisch sind für Taut-Bauten. Der Clou aber sind die Grundrisse der Wohnungen. Sie können durchweg bis heute als vorbildlich gelten, gerade angesichts der mit Platz nur so prassenden Bauherrenmodell-Grundrisse und Luxuswohnungsbauten. Grandios ist die ineinander verschränkte Komposition von Speise- und Besenschränken, Balkonen und Küchentüren. Jede Wohnung hat mindestens zwei Räume, alle haben ein Bad, die Flure sind ökonomisch knapp gehalten. Zwar war Taut ein Freund von Einbauschränken, aber er respektierte die deutsche Tradition der Einzelmöbel. Nur eines verbot die Gehag strikt: gewerbliche Arbeit in der Wohnung. Die sollte alleine den Familien, ihrer Erholung und der Bildung dienen.

In zweien der Gartenhöfe wurden Gemeinschaftswaschküchen eingerichtet, es gab Ladengeschäfte, einen Kindergarten und, selbstverständlich für ein Reformprojekt, auch eine kleine Leihbücherei. Nicht die Revolution, sondern die Reform des Lebens wird hier propagiert. Vehement verteidigte Taut gegen alle Angriffe von kollektivistisch gesinnten Kollegen das Recht auf Privatheit, auch deswegen waren seine Schlafzimmer und Bäder angemessen groß geplant, sind die Loggien gegen direkte Einsicht geschützt. Typisch ist auch, dass Taut die radikalfunktionalistische Frankfurter Küche, die die Frau zur hocheffizienten Kocharbeiterin machte, genauso ablehnte wie den völkischen Mutter- und Clankult, der sich an der Idee einer zentralen Wohnküche festmachte. Seine Küchen haben viel Licht und auch Platz für einen kleinen Tisch. Sie sind aber nicht Arbeitszelle und nicht Wohnraum, sondern etwas dazwischen.

Tauts ganzer Widerwille galt dem Zwang, der Entindividualisierung. Charakteristischerweise orientierte er sich kaum am radikal kollektivistischen Dessauer Bauhaus, eher an Reformern wie Heinrich Tessenow, am zeitgenössischen niederländischen, skandinavischen und vor allem nordamerikanischen Wohnungsbau. Genau wegen dieser Zwischenposition galt Taut lange als konventionell. Es dauerte bis in die 1970er-Jahre bis, fast gleichzeitig in Ost- und West-Berlin, Bruno Taut und die reformorientierte Berliner Moderne wieder entdeckt wurden. Doch konzentrierte man sich bis heute auf seine Siedlungsbauten, auf die Hufeisensiedlung oder die Kleinhäuser in Falkenberg. Taut als Architekt der urbanen, egalitären und doch individualistischen Großstadt bleibt zu entdecken – auch als Vorbild für heutigen Wohnungsbau.