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Berlinale-Premiere: Im Eismeer der Schuld

Abgründe tun sich auf, mitten in der norwegischen Dauerdämmerung: Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel im feinsinnigen Drama „Gnade“.

Abgründe tun sich auf, mitten in der norwegischen Dauerdämmerung: Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel im feinsinnigen Drama „Gnade“.

Foto:

Alamode Film/Jakub Bejnarowicz

Berlin -

Eine deutsche Familie geht nach Norwegen. Es sei ihre zweite Chance, sagt Maria. Ihr Mann, Niels, betrügt sie; das hat sie im Gefühl. Und der gemeinsame Sohn Max ist im sogenannten schwierigen Alter.

Doch schwierig sind in diesem Film vielmehr die Eltern in der Art, wie sie miteinander kommunizieren, kärglich, unzureichend, achtlos sogar, und darin, wie sie kaum mit dem Sohn sprechen. Was für ein einsames Kind! Mit einem iPhone versucht sich der Vater bei ihm zu entschulden.

Eine Affäre nach der anderen

Das in dieser Familie vorherrschende Schweigen hat seinen Ort gefunden in den eisigen Weiten Nord-Norwegens. Hammerfest liegt am äußersten nordwestlichen Zipfel des Landes am Polarmeer. Zwischen dem 22. November und dem 21. Januar schafft es die Sonne nicht über den Horizont. Zwischen tiefer Nacht und ewiger Dämmerung herrscht eisige Kälte.

Hier arbeitet Niels als Ingenieur in der größten europäischen Erdgas-Verflüssigungsanlage. Schon hat er wieder eine Affäre, während Maria, die als Krankenschwester arbeitet, im Hospiz die Sterbenden betreut. Das macht sie sehr sensibel; die trauernden Angehörigen bedanken sich bei ihr mit Blumen. Sie nehme immerzu nur die schlechten Schichten, wirft Niels seiner Frau vor. Aber was soll Maria auch machen: Eine Kollegin ist hochschwanger, die andere krank.

Menschen im Ausnahmezustand

So könnte es immer weitergehen in diesem Film von Matthias Glasner, bis zur Scheidung. Nebenher züchtet das Paar Schafe – noch mehr Tiere im Berlinale-Wettbewerb; die Herde müsste im Trennungsfall wohl abgegeben werden.

Doch da geschieht etwas, das alles ändert: Eines Nachts fährt Maria nach einer Doppelschicht „etwas“ an mit dem Auto auf dem Heimweg, aber sie hält nur kurz, das liegt am Schock. Auch Niels kann nichts entdecken, als er den Unfallort noch einmal absucht in derselben Nacht. Am nächsten Tag erfahren sie aus der Zeitung, dass eine Mitschülerin ihres Sohns überfahren wurde, sich wegschleppte von der Straße, in ein Erdloch fiel und da starb. Was tun?

Der deutsche Regisseur Matthias Glasner zeigt in „Gnade“ Menschen im Ausnahmezustand. Und so verwirrt und verzweifelt Maria nun auch sein mag, so sichtlich fragiler Niels auch erscheint mit jedem Tag, an dem sie sich nicht der Polizei und der Wahrheit stellen – es ist doch die Einsamkeit ihres Sohns, sein Ringen um Sprache, um das Wahrgenommen-werden, das den Zuschauer am meisten ergreift. Fast ebenso wie der sprachlose Schmerz der Eltern des tödlich verunglückten Mädchens.

Matthias Glasner (u.a. „Der freie Wille“) überlässt die Hauptrolle in seinem Film der grandiosen norwegischen Eislandschaft. Es ist wie ein Fest, das die Schneekönigin ausgerichtet hat: wunderschön, aber gefährlich für Leib und Seele. Glasners Film entwickelt, gestützt auch von ungeheuer rhythmischer norwegischer Vokalmusik, eine Dringlichkeit des Moralischen, die schließlich wie das Licht durch die lange Winternacht bricht.

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