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Berliner Zeitung | Berliner Cyborg-Verein: Computerchips unter die Haut implantiert
28. March 2014
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Berliner Cyborg-Verein: Computerchips unter die Haut implantiert

Stefan Greiner (29) ist ein Cyborg, er hat sich einen Magneten in den Finger implantieren lassen - funktioniert, wie man sieht.

Stefan Greiner (29) ist ein Cyborg, er hat sich einen Magneten in den Finger implantieren lassen - funktioniert, wie man sieht.

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Gerd Engelsmann

Berlin -

Wie jeder Mensch kann Stefan Greiner sehen, schmecken und fühlen. Doch die klassischen fünf Sinne reichen ihm nicht aus. Deshalb will er sich einen neuen Sinn implantieren lassen. Aus einer Plastikschachtel voller Dioden und Kabel zieht er eine kleine Tüte. Darin eingeschweißt ist eine schwarze Kapsel. Wie eine schmale Tablette sieht sie aus, ist knapp einen Zentimeter groß. „Bald lasse ich mir diesen Chip zwischen Daumen und Zeigefinger einsetzen“, sagt der 29-Jährige.

Dieser Chip wird sein neuer Sinn. Er zeigt ihm, wann er Stress hat. „Dazu mache ich mir noch einen Pulsmesser ans Handgelenk, der an den Chip weiterleitet, wenn ich mich anstrenge.“ Diese Info geht weiter an die Wohnung von Greiner. „Wenn ich dann heim komme, leuchten die Lampen in einer angenehmen Farbe – zur Entspannung.“

Sein Vorhaben hört sich an wie aus einem Science-Fiction-Film. Das hört Greiner oft. Er beschäftigt sich seit fünf Jahren mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine – was im Kern die Bedeutung des Begriffs „Cyborg“ ist. Im Dezember 2013 hat er den Cyborg e.V. in Berlin mitgegründet, der deutschlandweit einzigartig ist.

„Für uns ist der Körper nicht an den Fingerspitzen zu Ende. Er ist nur Teil eines größeren Systems“, erklärt Greiner den Leitgedanken des Vereins. „Der Körper verschmilzt mit Hardware und Software - dabei ist er selbst die Wetware, das neue Element.“ Die menschlichen Sinne werden verändert, erweitert.

Wichtige Errungenschaften der Medizin

Dabei ist es kein medizinisches Novum, dem menschlichen Körper mit Technik zu helfen. Wie gehörlosen Menschen mit dem Cochlea Implantat. Eingesetzt wird es ins Innenohr, schließt Nervenenden kurz und schickt akkustische Signale zum Gehirn.

Oder ein Herzschrittmacher, der mit elektrischen Impulse den wichtigsten Muskel des Organismus stimuliert. Aus medizinischer Sicht – und auch für die meisten Menschen – sind hier die Verknüpfung von Mensch und Maschine nichts Abwegiges. Oft sind sie sogar notwendig.

Wie kann der Mensch im All überleben?

Die Idee, den menschlichen Körper mit Technik zu verbinden, geht zurück ins Jahr 1960. Die erste Reise ins Weltall stand kurz bevor. Die Vorstellung, irgendwann dort zu leben, wurde realistisch. Die Wissenschaftler Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline haben deshalb ihren Aufsatz „Cyborgs and Space“ geschrieben.

Darin stellen sie die These auf, dass der Mensch sich an seine Umgebung anpassen muss. Selbst im Weltraum. Sie schlugen zum Beispiel vor, auf Lungenatmung zu verzichten. Ersetzt werden sollte diese durch Technik im menschlichen Brustkorb.

Musik hören mit dem Finger

Stefan Greiner ist gesund und spekuliert nicht auf ein Leben außerhalb der Erdatmosphäre. Aber er scheint fasziniert von der Vorstellung, die eigene Wahrnehmung zu erweitern. Deshalb ist der Stress-Chip nicht der erste zusätzliche Sinn, den er sich hat einpflanzen lassen. Er kann Elektrofelder spüren.

Vor sechs Monaten hat Greiner sich einen winzigen Magneten in seinen Finger einsetzen lassen. „Mein Finger vibriert dann leicht, je nachdem wie stark das Magnetfeld ist“, beschreibt er den zusätzlichen Sinn. In der U-Bahn merkt er das besonders. Kürzlich hat er entdeckt, dass er über seinen Finger Musik hören kann. Er habe einfach seine Stereoanlage an eine Induktionsspule angeschlossen – und aus seiner Fingerkuppe hörte er Töne.

„Ich hätte mir nie vorstellen können, dass das funktioniert“, sagt der 29-Jährige. Davon hat er natürlich den Mitgliedern seines Vereins erzählt. Bei den Treffen sprechen sie meist über ihre Selbstexperimente und wie man die noch weiter entwickeln kann. Zur Gruppe gehören Leute aus verschiedenen Fachbereichen, Geisteswissenschaftler, Soft- und Hardware-Spezialisten, Künstler.

Er selbst arbeitet an der Technischen Universität und steht kurz vor seinem Abschluss im Master-Studiengang Human Factors. Dem Verein gehe es nicht nur um kuriose Experimente. Ankurbeln wollen sie eine Debatte über die noch bestehende Grenze zwischen Mensch und Technologie. „Denn die gesellschaftliche Akzeptanz dafür ist noch nicht da. Unser aller Vorstellung von Körpern ist so, weil wir nichts anderes kennen.“


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