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Berliner Hostel soll Mitarbeiter ausgenutzt haben: „Ohne Vertrag gearbeitet, ohne Geld gefeuert“

Protest vorm Hostel. Nicht nur frühere Angestellte kritisieren den Betrieb in Mitte. Auf den Booking-Portalen im Internet wird er auch von früheren Kunden durchgängig schlecht bewertet: „Unzumutbare, dreckige Absteige“ urteilte ein Gast im Internet. „Das Beste ist der Ausgang – nichts wie weg“, schrieb ein anderer.

Protest vorm Hostel. Nicht nur frühere Angestellte kritisieren den Betrieb in Mitte. Auf den Booking-Portalen im Internet wird er auch von früheren Kunden durchgängig schlecht bewertet: „Unzumutbare, dreckige Absteige“ urteilte ein Gast im Internet. „Das Beste ist der Ausgang – nichts wie weg“, schrieb ein anderer.

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Christian Mang

Berlin -

Berlin liegt im Trend, die Tourismuszahlen boomen, entsprechend wächst die Zahl der Jobs in diesem Bereich. Doch die Branche hat Schattenseiten. Das ist die Erfahrung, die rund ein Dutzend junge Europäer machten, die im Herbst und Winter 2013 in einem Berliner Hostel jobbten: Miese Bezahlung, Arbeit ohne Verträge oder nur Praktikanten- und Trainee-Verträge für vollwertige Arbeitsplätze seien üblich gewesen, sagen sie. Am Sonnabend gingen sie deshalb auf die Straße.

Unter dem Motto „Für euch ist es Urlaub, für uns ist es Ausbeutung“, zogen die früheren Mitarbeiter und rund 70 Unterstützer vor das Hostel in Mitte. Sie hielten Schilder hoch, auf denen stand: „Ohne Vertrag gearbeitet, ohne Geld gefeuert“ und „Faire Arbeitsbedingungen?“ „Ich habe Vollzeit gearbeitet – für praktisch nichts“, sagte ein 22-jähriger Engländer, der drei Monate in dem Hostel jobbte. Der Uni-Absolvent führte Hausmeister- und Putzarbeiten aus. Einen Monat lang sei das ein Teilzeitjob gewesen, für 4 Euro die Stunde.

Die folgenden zwei Monate sei er als „Praktikant“ beschäftigt worden: Für eine 39-Stunden-Woche habe er 100 Euro monatlich erhalten plus Essen und Schlafplatz im Doppelzimmer. Die Arbeit sei nicht zu schaffen gewesen: „Ich hatte drei Stunden, um 20 Waschbereiche und den Rezeptionsbereich zu putzen, sowie alle Gänge zu saugen.“ Eine Engländerin und ein Franzose erzählten, dass ein Stundenlohn von 5 Euro vereinbart war. Am Monatsende sei jede neunte Stunde abgezogen worden. Das sei angeblich Pausenzeit gewesen. Letztlich seien sie auf einen Stundenlohn von 4,45 Euro gekommen.

Katastrophale Arbeitsbedingungen

Demonstranten berichteten, sie hätten erst ohne Verträge gearbeitet. Nachdem sie darauf bestanden hätten, habe man ihnen Praktikanten- oder Traineeverträge angeboten. Letztere sahen 320 Euro für 64 Stunden im Monat vor (ohne Kost und Logis). Ein junger Mann, der auf einen Vertrag drängte, sagte, er sei danach gekündigt worden. In einem Traineevertrag wird der Beschäftigte außerdem verpflichtet, Stillschweigen zu bewahren. Ansonsten drohen 500 Euro Strafe.

Das Management wies die Vorwürfe zurück. „Auch wir sind der Auffassung, dass Lohndumping unfair ist“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Gerade deshalb zahlen wir unseren Praktikanten und Trainees eine Aufwandsentschädigung.“ Andere Firmen täten dies nicht. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung hieß es: „Wir nehmen 7 Euro pro Nacht, das ist kein reiches Unternehmen, das Höchstlöhne zahlen kann.“ Durch die Verträge hätten „Leute ohne deutsche Sprachkenntnisse die Chance, hier alles kennenzulernen“. Außerdem: „Es wird keiner gezwungen, hier zu arbeiten.“

In Berlin gibt es rund 800 Beherbergungsbetriebe. Davon sind nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes etwa zehn Prozent Hostels. Sebastian Riesner von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten hält die geschilderten Zustände in dem Hostel in Mitte für einen Extremfall. „Das ist nicht die Regel.“ Dennoch: Das Angebot an Billig-Hostels in der Stadt habe explosionsartig zugenommen, die Arbeitsbedingungen seien zum Teil katastrophal, sagt er.