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Berliner Initiative "Flüchtlinge Willkommen": Ein WG-Zimmer für Flüchtlinge

"Refugees Welcome". Wer sich in Berlin für eine bessere Willkommenskultur für Flüchtlinge einsetzen will, findet bei uns praktische Tipps.

"Refugees Welcome". Wer sich in Berlin für eine bessere Willkommenskultur für Flüchtlinge einsetzen will, findet bei uns praktische Tipps.

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imago/Christian Mang

In Berlin demonstrieren seit einigen Wochen Menschen gegen Flüchtlingsunterkünfte in ihrer Nachbarschaft. Zuletzt gingen knapp 1000 Menschen am Montagabend in Marzahn auf die Straße, darunter auch Rechtsradikale. Sie wollen nicht dicht an dicht mit den Flüchtlingen wohnen und fühlen sich vom Bezirk hintergangen. Andere wiederum nutzen die Proteste schlicht dafür, ihren Fremdenhass zu verbreiten.

Mehr Toleranz gegenüber Fremden und geflohenen Menschen wünschen sich hingegen die Initiatoren der Internetplattform "Flüchtlinge Willkommen". Sie kritisieren die Unterbringung in Massenunterkünften und haben eine Idee entwickelt, das Problem zu lösen: Wohngemeinschaften. Auch in Berlin. Wir haben mit den Berliner Initiatoren Mareike Geiling und Jonas Kakoschke gesprochen, die sich derzeit in Kairo aufhalten.

Wie ist die Idee zu dem Projekt „Flüchtlinge Willkommen“ entstanden?

Kakoschke: Hinter der Grundidee steckt eigentlich, dass Mareike zehn Monate nach Kairo gegangen ist und so ein Zimmer in unserer WG frei wurde, das wir untervermieten wollen. Außerdem interessieren wir uns für die ganze Flüchtlingsproblematik. Als wir im August darüber nachgedacht hatten, ein Zimmer zu vermieten, wurde zeitgleich eine Unterkunft für die Flüchtlinge vom Oranienplatz gesucht. Da kam eines zum anderen. Im Dezember zieht nun ein Flüchtling bei uns ein.

Und wie wird die Unterbringung finanziert?

Kakoschke: Wir haben Familie und Freunde nach kleinen Spenden gefragt. In zwei Wochen kam so die Miete für ein Jahr zusammen. Im Monat beträgt die Miete 380 Euro. Wir wollen auch andere interessierte Menschen animieren, dasselbe zu tun und Mikrospenden zu sammeln. Wir sind zudem in Kontakt mit dem Flüchtlingsrat Berlin getreten. Unsere Projektpartnerin Golde Ebding arbeitete im Auftrag der Diakonie mit den Flüchtlingen am Oranienplatz und hat dabei viel Kompetenz und Wissen im Bereich der Flüchtlingsarbeit gesammelt.

Seit einigen Wochen finden in Berlin Demonstrationen von Bürgern gegen Flüchtlingsheime statt. Auch Rechtsradikale und NPD-Mitglieder zeigen dort Präsenz. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Geiling: Grundsätzlich kann ich nicht nachvollziehen, warum man gegen Flüchtlinge demonstriert. Viele wissen überhaupt nicht, was diese durchmachen mussten. Es hat schließlich einen Grund, warum sie aus ihrem Heimatland geflohen sind. Man muss nicht weit in der deutschen Geschichte zurückgehen, um zu erkennen, dass auch Deutsche einmal fliehen mussten und irgendwo anders aufgenommen wurden. Wir finden die Art der Unterbringung in Massenunterkünften in Deutschland nicht gut und wollen eine neue Willkommenskultur etablieren. Menschen sollen Geflohene gerne aufnehmen. Es gibt so viele Vorurteile und Unwissenheit.

Kakoschke: Mit der Plattform wollen wir auch ein politisches Statement gegen rechte Tendenzen setzen, die man kürzlich auch bei den Hogesa-Demonstrationen beobachten konnte. Sicherlich ist das eine Problem die fehlende Kommunikation mit den Bürgern. Aber die Nazis instrumentalisieren die Demos für ihre Zwecke. Dafür habe ich kein Verständnis. Uns haben viele Menschen angeschrieben, die offen und tolerant sind und schon lange nach einem Weg suchen, sich gesellschaftlich zu engagieren. Ihnen wollen wir auch den ersten Kontakt mit Flüchtlingen ermöglichen.

Wie viele Anmeldungen gibt es bisher?

Kakoschke: Zurzeit bekommen wir sehr viele E-Mails und wir wollen alle beantworten. Anmeldungen von WGs bundesweit haben wir bisher etwa 70. In Berlin haben wir acht Anmeldungen von interessierten WGs. Auch Flüchtlinge melden sich bei uns. Die Anmeldungen kommen aus ganz Deutschland. So hat sich zum Beispiel ein älteres Paar gemeldet, dessen Kinder ausgezogen sind und das dieses Zimmer nun anbieten will. Oder eine Frau mit Kind, die gerne eine andere Mutter mit ihrem Kind aufnehmen möchte.

Was soll mit dem Projekt erreicht werden?

Geiling: Wir wollen mit dem Projekt in der Mitte der Gesellschaft ankommen, egal wo – auf dem Land oder in der Großstadt. Wir wollen zeigen, dass Flüchtlinge auch in einer deutschen Familie auf dem Dorf leben können oder in einer Studenten-WG in Berlin. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Die Grundeinstellung der Menschen gegenüber den Flüchtlingen muss sich ändern. Unsere Plattform soll einen kleinen Teil dazu beitragen. Europa könnte viel mehr für Flüchtlinge tun. Wir machen uns viel zu selten bewusst, dass viele europäische Länder durch die Kolonialisierung eine Mitverantwortung für Krisen etwa in afrikanischen Ländern tragen. Auch Deutschland muss sich nun mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzen und Menschen aufnehmen. Im Libanon zum Beispiel leben eine Million geflohene Syrer. Deutschland nimmt gerade einmal 70.000 auf.

Welche Voraussetzungen muss eine WG erfüllen, um einen Flüchtling aufnehmen zu können?

Geiling: Grundvoraussetzung ist, dass ein freies Zimmer vorhanden ist. Der Flüchtling soll seine Privatsphäre haben. Im Grunde soll es eine normale WG-Situation sein. Dann fragen wir die WG-Bewohner natürlich auch nach ihrem Alter, welche Sprachen sie sprechen und ob sie schon Erfahrungen in diesem Bereich haben.

Kakoschke: Ob die beiden Seiten dann zusammenkommen, hängt auch von der jeweiligen Organisation vor Ort ab, mit der wir in Kontakt treten. Diese begleitet ein erstes Treffen. Natürlich muss auch gegenseitige Sympathie da sein. Und die Finanzierung sollte stehen. Hat der Flüchtling einen legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland, übernimmt das Amt in manchen Bundesländern und Kommunen die Kosten für die Unterbringung sowie den Unterhalt. Auch Flüchtlinge, die „illegalisiert“ hier sind, können aufgenommen werden. Dann kann die Miete zum Beispiel über Mikrospenden finanziert werden.

Wie schnell kann der Flüchtling einziehen, wenn sich eine WG gefunden hat?

Geiling: Grundsätzlich hängt das ganz vom jeweiligen Bundesland beziehungsweise der Kommune ab, ob die Mietkosten übernommen werden. Das bedeutet natürlich auch einen bürokratischen Aufwand. Darum sollte zwischen Entscheidung und Einzug nicht so viel Zeit vergehen. Bei „illegalisierten“ Flüchtlingen ist die Aufnahme unkomplizierter. Wichtig zu wissen ist: Die WG macht sich nicht strafbar, wenn sie einen Geflüchteten ohne Aufenthaltsstatus aufnimmt.

Das Interview führte Corinne Plaga.

Mehr Informationen zum Projekt unter:
www.fluechtlinge-willkommen.de



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