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Berliner Zeitung | Berliner Lehrer im Web 2.0: Bald Tauschbörse für Lernmaterial im Netz?
09. February 2014
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Berliner Lehrer im Web 2.0: Bald Tauschbörse für Lernmaterial im Netz?

Wenn die Lehrer sich im Netz mehr austauschen, könnte ihr Unterricht interessanter werden.

Wenn die Lehrer sich im Netz mehr austauschen, könnte ihr Unterricht interessanter werden.

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imago/Jochen Tack

Es käme einer Revolution des bisherigen Schulunterrichtes gleich: Berliner Lehrer sollen in Zukunft ihre Unterrichtsmaterialien für Kollegen frei zugänglich ins Netz stellen können. Auf einer interaktiven Internet-Plattform würde dann darüber diskutiert, Lehrerkollegen könnten sich bedienen. Das fordert nicht nur die etablierten Schulbuchverlage heraus, sondern verlangt mehr Offenheit von den Lehrern.

„Teilen, kooperieren, Teamarbeit – Freie Lern- und Lehrmaterialien ins Netz stellen“, so heißt der Antrag, der bereits im Ausschuss digitale Verwaltung des Abgeordnetenhauses mit den Stimmen von SPD, CDU, Linke und Piraten beschlossen wurde. Darin wird der Senat aufgefordert, das Prinzip von offenen Bildungsressourcen im Schulbereich umzusetzen. Auf Englisch heißt das „Open Educational Resources“ (OER) und kommt schon in den USA, Island oder Polen zur Anwendung.

Veraltete Schulbücher

„Dieses Verfahren hätte den Charme, dass sich nicht jeder Lehrer seine eigene Schulbibliothek, die er im Unterricht benutzt, zu Hause einrichtet, sondern dass die Inhalte tatsächlich weiter verwendet und auch weiter veredelt werden können“, sagte Sven Kohlmeier, Internet-Experte der SPD-Fraktion. Gleichwohl müsse die Qualitätskontrolle und auch die künftige Rolle der Schulbuchverlage geklärt werden.

Der Berliner Schulbuchverlag Cornelsen zum Beispiel hat bereits im vergangenen Jahr massiv Personal abgebaut, eine ganze Abteilung im Bereich Herstellung aufgelöst und auch langjährigen Mitarbeitern Aufhebungsverträge nahe gelegt. „Wir haben uns neu organisiert“, nennt das Unternehmenssprecher Klaus Holoch. OER betrachte man derzeit als wichtige Ergänzung auf dem Markt.
Der Antrag aus dem Abgeordnetenhaus sieht vor, dass Schulbuchverlage die offenen Bildungsressourcen im Internet einer Qualitätskontrolle unterziehen. Bisher schon müssen sich alle Schulbücher nach den Rahmenlehrplänen richten und werden vor dem Druck von den zuständigen Bildungsministerien der Länder auf Einhaltung aller Standards geprüft.

„Das dauert lange. Deshalb sind Schulbücher nicht selten schon veraltet, wenn sie erscheinen“, sagt ein Lehrer. Im Netz gehe es schneller. Betrieben werden soll die Internet-Plattform in staatlicher Verantwortung und in freier Lizenz. „Creative Commons Licence“ heißt die gemeinnützige Organisation, die Standardlizenz-Verträge anbietet, mit denen ein Autor der Öffentlichkeit Mitnutzungsrechte an seinem Werk einräumt.

Qualitätskontrolle verlangt

Eine solche interaktive Internet-Plattform würde in der Tat einen Kulturwandel im Lehrerzimmer mit sich bringen. Viele Pädagogen verstehen sich immer noch eher als Einzelkämpfer, horten ihre Unterrichtsmaterialien zu Hause und geben sie ungern weiter. Wieso auch? Schließlich hat man sich ja eine Menge Arbeit damit gemacht, und womöglich wollen manche Kollegen sich Arbeit ersparen, indem sie das Material einfach übernehmen.

Gunilla Neukirchen, Vorsitzende der GEW-Schulleitervereinigung, reagiert dennoch positiv auf den Vorstoß. „Angesichts der vielen jungen Kollegen denke ich, dass ein solches Portal sehr gerne genutzt werden würde“, sagte Neukirchen, Schulleiterin des Lankwitzer Beethoven-Gymnasiums.

Wichtig sei tatsächlich, dass eine Qualitätskontrolle stattfinde, verschiedene Lernwege aufgezeigt würden, bestimmte Interessengruppen dort keinen übergroßen Einfluss bekämen und nicht nur ganz konkrete Einheiten, sondern Module zur Anwendung kämen.

Natürlich sollte diese Mehrarbeit auch in irgendeiner Form anerkannt werden, so Neukirchen. Bei einer Anhörung im Parlamentsausschuss für digitale Verwaltung hatten Experten zu bedenken gegeben, dass besonders Urheberrechts- und Kostenfragen zu klären sind. Derzeit schon kopieren Lehrer mitunter mehr als sie urheberrechtlich dürften, um einen guten Unterricht zu machen.

Die Parlamentarier fordern in ihrem Antrag vom Senat ein Konzept, wie innerhalb von zwei Jahren eine OER-Datenbank und ein OER-Konzept entstehen können. Wer sich jetzt Sorgen macht über die nächste übereilte Schulreform, sollte aber wissen, dass IT-Projekte in Berlin ohnehin meist länger brauchen als geplant.