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Berliner Nachbarschaftsprojekt „Auf halber Treppe“: Wie in Neukölln Nachbarschaft gelebt wird

Jung und alt an einem Tisch: Barbara (l.) und Ilse.

Jung und alt an einem Tisch: Barbara (l.) und Ilse.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin -

Die Roseggerstraße in Neukölln, gelegen zwischen Sonnenallee und Weigandufer, sieht aus wie viele Straßen, nicht allzu hässlich, auch nicht schön. Die Nummer 19 ist ein unauffälliges Haus, ein Seniorenheim befindet sich darin, direkten Kontakt zur Nachbarschaft gibt es kaum. Anonymität der Großstadt wie vielerorts, die direkten Nachbarn kennt man ja kaum.

Genau an dieser Stelle setzt die Initiative „Auf halber Treppe“ an. Sie möchte die oft – und gerade in einer Großstadt wie Berlin – nur leere Worthülse „Nachbarschaft“ mit echtem Leben und bekannten Gesichtern füllen, eine Hilfestellung für eine Vernetzung geben, die in vielen Mietshäusern von selbst kaum oder gar nicht stattfindet. Und wenn möglich, Menschen aus ihrer sozialen Isolation holen – so die ursprüngliche Motivation hinter dem Projekt, das aus einem Uni-Seminar entstanden ist.

Überzeugungsarbeit mit persönlicher Einladungsrunde

Alles was es dazu braucht, sind Kaffee, Kuchen, einen Tisch und ein paar (LED-)Kerzen. „Und einer aus dem Haus muss uns einladen“, erläutert Karoline Spring von der Initiative das Prozedere für das „Café auf halber Treppe“. Man wolle schließlich nichts von außen überstülpen. Finanziert wird das Projekt mittlerweile durch Fördergelder und von der ehrenamtlichen Arbeit der Studenten getragen. Die Einladenden bekommen vorab Plakate mit Informationen über das Café für einen Aushang im Treppenhaus und zusätzlich persönliche Einladungen für alle Nachbarn zugeschickt.

Kurz bevor das „Pop-Up-Café“ dann für etwa anderthalb Stunden das Kränzchen im Treppenhaus ermöglicht, machen Karoline Spring und ihre Kolleginnen vom mittlerweile siebenköpfigen Team noch einmal eine persönliche Einladungsrunde, klingeln an jeder Haustüre und leisten letzte Überzeugungsarbeit.

„Manche brauchen noch mal einen Schubs über die Schwelle“, sagt Spring und erzählt, dass gerade ältere Menschen sich manchmal nicht mehr recht vor die Tür trauen würden, etwa weil sie schon einmal überfallen wurden. Doch vor allem die würden oft richtig aufblühen, „wie die eine Oma, die dann allen noch einen Schnaps ausgeschenkt hat.“ Und wer keinen Schubs über die Schwelle haben möchte, weil er die Anonymität der Großstadt zu schätzen weiß? Wer keine Lust habe, komme einfach nicht. „Mir ist bisher noch nichts Negatives passiert.“

In der Cafeteria der Roseggerstraße 19 wird zwar heute kein Schnaps ausgeschenkt – abgesehen von einem älteren Herren am Nachbartisch, der sich seinen Nachmittag mit einem Gläschen Amaretto („Kaffee Deluxe“ ohne Kaffee) versüßt – aber auch hier blühen die älteren Gäste merklich auf und genießen ihr „Café auf halber Treppe“, ohne Treppe. Die Einladung in das Seniorenheim „Casa Reha“ in Neukölln ist etwas Besonderes, ein Modellversuch, den das Halbe-Treppe-Team gemeinsam mit der Initiative „Tante Inge“ gestemmt hat.

Zufrieden mit dem Modellversuch

Mit der Unterstützung des Hauses haben diesmal die Senioren selbst die Nachbarschaft eingeladen. Zu sich nach Hause, in das Altenheim in der Roseggerstraße 19, in dem derzeit 175 ältere Menschen wohnen. Die Pfleger haben geholfen, elf ältere Damen und Herren zu finden, die Lust haben auf ein Treffen mit jungen Leuten aus der Nachbarschaft. Dabei habe man versucht „die Fitteren“ zu motivieren, die kaum Besuch bekämen oder sich gerne einigeln, erklärt Nils Swetlik, der Leiter des privaten Träger. Um die jungen Leute aus der Nachbarschaft haben sich „Tante Inge“ und „Auf halber Treppe“ gekümmert.

Neben ein paar Plakaten in den angrenzenden Häusern, ist der Großteil der Anwesenden über Facebook (facebook.com/AufhalberTreppe) auf das Projekt aufmerksam geworden. Wie Barbara, Ende 20, die früher immer gern bei ihrer Oma war und mit ihr zusammen „Nur die Liebe zählt“ geguckt hat. Der Kontakt zu älteren Menschen und deren Lebenserfahrung würde einen erden und aus dem Alltagsstress herausholen. Deshalb sei sie heute vorbeigekommen. Und sie wohne ja gleich um die Ecke, sagt sie.

Auch Kerstin Müller, die Initiatorin von „Tante Inge“ erzählt in der Begrüßungsrunde wie sie ihre Großtante Inge „adoptiert“ habe, weil sie selbst seit zehn Jahren keine Großeltern mehr habe und den Kontakt mit alten Menschen vermisse. Applaus von der Dame im zitronengelben Blazer. Die Haare zurecht gemacht, Perlen im Ohr, hat sie offenkundig auf den Besuch vorbereitet und applaudiert sich vor Freude durch die Vorstellrunde. Eine andere Dame wiederum ist mit ihrer Vorstellung nicht ganz so d'accord: „Das können Sie doch gar nicht wissen, dass ich nett bin“, widerspricht sie Kerstin Müller, „Sie kennen mich doch gar nicht.“

Bei Kaffee und Kuchen lässt sich dann auch dieses Problem recht schnell beheben. Und nach einer Weile scheinen alle Beteiligten sichtlich zufrieden mit dem aus ihrer Sicht geglückten Modellversuch. Doch sich deshalb nur auf alte Menschen konzentrieren, möchte sich Karoline Spring trotzdem nicht. „Es gibt in allen Altersstufen ziemlich einsame Menschen.“