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Berliner Rechtsmedizinerin über Kindesmisshandlung: „Misshandlung ist etwas Chronisches“

Rechtsmedizinerin Saskia Etzold, einzige Mitarbeiterin der Gewaltschutzambulanz, posiert am 24.03.2014 in Berlin auf einer Pressekonferenz zur neuen Gewaltschutzambulanz.

Rechtsmedizinerin Saskia Etzold, einzige Mitarbeiterin der Gewaltschutzambulanz, posiert am 24.03.2014 in Berlin auf einer Pressekonferenz zur neuen Gewaltschutzambulanz.

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dpa

Rechtsmediziner untersuchen jedes Jahr Dutzende Berliner Kinder, die möglicherweise misshandelt oder vernachlässigt wurden. Saskia Etzold von der Gewaltschutzambulanz der Charité spricht im Interview über minderjährige Opfer und erklärt, warum es Anlaufstellen speziell für Kinder braucht.

Sie haben in der Gewaltschutzambulanz immer wieder mit Misshandlungsopfern zu tun. Wie viele davon sind Kinder?

Saskia Etzoldt: Bisher machen Minderjährige grob ein Drittel der Fälle aus. 2014 waren es ab der Eröffnung im März 54 Kinder, 2015 dann 86. Bis so ein Angebot integriert ist, dauert es immer ein, zwei Jahre. Aber die Zunahme zuletzt ist auch ein Grund für den Ausbau.

Was für Kinder sind das?

Saskia Etzoldt: Wir haben die gesamte Bandbreite: Kinder mit Hautunterblutungen, Knochenbrüchen, Biss- und Brandwunden, Verbrühungen. Bei akuten Verletzungen waren sie vorher schon im Krankenhaus. Wir sehen aber auch Vernachlässigungen: Da gibt es Kinder, die haben sehr viel Karies. Manchmal stellen wir auch fest, dass ein Verdacht unbegründet war - da entpuppt sich eine vermeintliche Verbrühung dann als Hauterkrankung. Aber insgesamt bestätigt sich der Verdacht leider häufiger.

Sie sprechen sich schon länger für die Einrichtung von Kinderschutzambulanzen aus. Warum?

Saskia Etzoldt: Der Vorteil wird sein, dass dort Kinderärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Rechtsmediziner sich gemeinsam einen Fall angucken und sich vor Ort austauschen können. Wenn ich im Moment eine Empfehlung ausspreche, zum Beispiel dass ein Kind beim Hautarzt untersucht werden soll, müssen die Eltern oder das Jugendamt das Kind dorthin bringen. Das geht immer übers Eck.

Mit welchen Verbesserungen rechnen Sie, wenn die Ambulanzen in Berlin ihre Arbeit aufgenommen haben?

Saskia Etzoldt: Denken Sie an den kürzlich bekanntgewordenen Fall von Tayler aus Hamburg. [Das Baby soll so schwer geschüttelt worden sein, dass es an den Folgen starb.] Er hatte Verletzungen im Gesicht. Das hat man bemerkt, aber das Kind wurde nirgendwo vorgestellt. Wir hoffen, dass mit niedrigschwelligen Angeboten in der räumlichen Nähe bei Auffälligkeiten Schlimmeres verhindert werden kann. Misshandlung ist in der Regel etwas Chronisches, das sich wiederholt.

Zur Person: Saskia Etzold ist Fachärztin am Institut für Rechtsmedizin der Charité. Mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos, prangerte sie 2014 in dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ Mängel im Kinder- und Jugendschutzsystem an. Sie ist stellvertretende ärztliche Leiterin der Berliner Gewaltschutzambulanz an der Charité. Diese wird die Kinderschutzambulanzen rechtsmedizinisch betreuen. (dpa)


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