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Berliner SPD: Die Chef-Liste zieht

Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß (M) steht mit den Berliner Bundestagskandidaten (l-r) Ute Finckh-Krämer, Sven Schulz, Eva Högl, Matthias Schmidt, Cansel Kiziltepe, Klaus Mindrup, Erik Gührs, Iris Spranger, Jörg Schröter, Ülker Radziwill, Fritz Felgentreu und Mechthild Rawert bei der Landesvertreterversammlung des Berliner SPD-Landesverbands auf der Bühne.

Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß (M) steht mit den Berliner Bundestagskandidaten (l-r) Ute Finckh-Krämer, Sven Schulz, Eva Högl, Matthias Schmidt, Cansel Kiziltepe, Klaus Mindrup, Erik Gührs, Iris Spranger, Jörg Schröter, Ülker Radziwill, Fritz Felgentreu und Mechthild Rawert bei der Landesvertreterversammlung des Berliner SPD-Landesverbands auf der Bühne.

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dpa

Um kurz vor elf am Vormittag stehen sie noch alle friedlich und lächelnd zusammen. Auf der Bühne im großen Versammlungssaal des Hotels Estrel haben sich sechs Frauen und sechs Männer zu Jan Stöß gestellt, dem Parteivorsitzenden der Berliner SPD. Es sind die zwölf Wahlkreiskandidaten der SPD von Spandau über Mitte bis nach Treptow-Köpenick. Gerade eben lief ein aufwändig produzierter Kandidaten-Imagefilm auf den beiden großen Leinwänden neben der breiten Bühne, wo das Präsidium, der Parteivorstand und auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor stilisierter lila Stadtsilhouette Platz genommen haben. Geigenteppiche und Kuschelklavier umhüllen die mehr als 200 Genossinnen und Genossen im Saal, als der Film läuft.

Es seien alles "tolle Kandidaten", jubelt Parteichef Stöß. Er verteilt Wangenküsschen an die Damen, er klopft Männerrücken. Für einen Moment entsteht der Eindruck, den sich der Parteichef in seiner Rede kurz zuvor gewünscht hat: ein "Signal der Geschlossenheit". Als noch Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in den Saal tritt, um eine Rede zu halten, begrüßt ihn Stöß launig als "unseren 13. Kandidaten". Steinbrück ist ganz gut in Form, eine wirksame Mischung aus bissig und verbissen, er ruft die Sozialdemokraten im Saal dazu auf, die Wähler aus dem "Wartesaal" zu holen, die die SPD in den vergangen Jahren verloren hat. "Die sind noch abzuholen." Das kommt an, die Hauptstadt-Genossen applaudieren stehend.

Fast eine Art Jobgarantie

Doch mit der Eintracht ist es am frühen Nachmittag vorerst vorbei. Denn da beginnt die Abstimmung um jeden einzelnen Platz auf der Liste. Und unter den zwölf Kandidaten sind auch all jene, die sich die ersten lukrativen Positionen, etwa fünf oder sechs, auf der Bundestagsliste streitig machen. Es sind die Plätze, die bei einem SPD-Ergebnis von vielleicht 23 oder 24 Prozent, also auf dem Niveau von 2009, in Berlin wahrscheinlich ziehen würden. Was fast eine Art Jobgarantie wäre für ein lukratives Bundestagsmandat, das politischen Einfluss, sehr gute Arbeitsbedingungen und auch eine Entschädigung von gut 8200 Euro im Monat bringt.

Die ersten beiden, Eva Högl aus Mitte und Swen Schulz aus Spandau, beide bereits im Bundestag, treten ohne Gegenkandidaten an. Ihr Ergebnis ist entsprechend: Högl erhält gut 77 Prozent, fast schon ein wenig enttäuschend. Schulz rauscht mit fast 98 Prozent auf Platz 2. Den Rest des Tages muss er Witze über sozialistische Wahlen ertragen.

Aber bei Platz 3 "bricht" die Liste, wie es ein Sozialdemokrat sagt. Es gibt gegen Stöß' Vorschlag, die bisherige Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert aufzustellen, zwei Gegenkandidatinnen. Überraschend für viele tritt Ute Finckh-Krämer aus Steglitz-Zehlendorf ans Mikrofon. Sie – eigentlich auf Platz 7 gesetzt – wirbt für sich als engagierte Friedenspolitikerin, die sie seit Jahrzehnten ist. Dann kommt Ülker Radziwill aus Charlottenburg-Wilmersdorf nach vorn. Sie ist Sozialpolitikerin im Abgeordnetenhaus, geboren in der Türkei, sie erzählt von ihrer Multikulti-Ehe und ihrer Aufstiegsbiografie, die "dank der SPD" zustande gekommen sei.

Erste Bewährungsprobe bestanden

Es ist dabei kein Zufall, dass aus den beiden großen West-Kreisen Vertreterinnen gegen die Stöß-Liste kandidieren wollen. Denn Stöß war 2012 mit einer Allianz zum Parteichef gewählt worden, die gegen diese Kreise zustande kam. Es gibt noch viel Verdruss darüber im Süden und im Westen. Insofern ist die Frage, ob sich Stöß mit seiner Liste durchsetzt oder nicht, auch immer ein Hinweis auf seine Führungsstärke - und seine Fähigkeit, auch Gegner einzubinden. Ein wenig holt ihn dabei das eigene Prinzip ein. Hat er doch selbst vor einem Jahr den ehemaligen Parteivorsitzenden Michael Müller, inzwischen Bausenator, um das Amt gebracht, per Gegenkandidatur. Stöß weiß das natürlich. Selbstverständlich könne es immer auch "Kampfkandidaturen" geben, sagt er in seiner Rede. Und witzelt: "Ich bin nicht derjenige, der dagegen argumentieren kann."

Den Kampf um Platz 3 gewinnt Stöß dann aber, zwar knapp, aber eindeutig. Mechthild Rawert, Gesundheitspolitikerin im Bundestag, setzt sich mit 52 Prozent schon im ersten Wahlgang gegen Radziwill (35 Prozent) und Finckh-Krämer (12 Prozent) durch. Die erste Bewährungsprobe des Parteivorsitzenden an diesem Tag ist überstanden.

Ungeheilter Bruch

Und das hat offenbar Signalwirkung. Denn auch die nächsten im Vorhinein umstrittenen Plätze gehen ohne Gegenkandidaturen glatt durch. So glatt, dass der Zeitplan durcheinander kommt. Etliche Tagesordnungspunkte müssen vorgezogen werden, viele Genossen freuen sich schon darauf, am Abend nichts vom deutsch-deutschen Fußballspiel in London zu verpassen.

Sogar die Wahl des künftigen Berliner Europakandidaten findet noch vor dem Anpfiff statt: Gewählt wird Sylvia-Yvonne Kaufmann, einst Mitglied im EU-Parlament für die Linkspartei. Sie trat 2009 in die SPD ein und setzte sich jetzt mit 120 zu 90 Stimmen gegen Philipp Steinberg durch, Landesvize und Berater von Sigmar Gabriel.

Den Platz 4 auf der Bundestagsliste bekommt Klaus Mindrup aus Pankow (74 Prozent), Platz 5 gewinnt die Kreuzbergerin Cansel Kiziltepe (83 Prozent), Platz 6 geht an den Parteirechten Fritz Felgentreu aus Neukölln (65 Prozent). Der Wirtschaftsexperte Jörg Stroedter aus dem Abgeordnetenhaus verzichtet trotz Ankündigung auf eine Kandidatur um Platz 6, den letzten, der - spätestens mit einem Berliner Ausgleichsmandat - noch wirklich gute Chancen hat.

Doch dass der Bruch in der SPD auch nach einem Jahr noch nicht geheilt ist, wird dann doch noch einmal deutlich. Ülker Radziwill, die bei Platz 3 verloren hat, zieht ihre auf der Stöß-Liste geplante Kandidatur ganz zurück. Die Landesliste sei nicht mit ihrem Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf abgesprochen gewesen, sagt sie am Mikrofon, es klingt etwas bitter. Sie wird jetzt darum kämpfen, direkt ihren Wahlkreis zu gewinnen. Ihre Chancen stehen gut.