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Berliner Stadtgeschichte: Fortschrittspathos beherrscht das industrialisierte Berlin

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Borsigs Maschinenbau-Anstalt zu Berlin (1847), Gemälde von Karl Eduard Biermann.

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Wikipedia

In Berlin wird alle 20 Minuten ein Start-up gegründet. Im vergangenen Jahr investierten Risikokapitalgeber 2,1 Milliarden Euro in 183 Gründerfirmen. Mehr als London! Waahnsinn! 138.000 neue Arbeitsplätze sind in den vergangenen vier Jahren entstanden. Bevölkerung und Wirtschaft wachsen. Aber Gründerzeit? Die brach um 1840 aus und hob die Stadt aus den Angeln. Zwei Begriffe aber, zu einem verschmolzen, hat die heutige Belebung mit der Gründerzeit gemeinsam: Risiko und Kapital. Ein beflügelndes und zerstörerisches Paar.

Berlin gerät 1838 unter Dampf

Feuerland lag direkt vor dem Oranienburger Tor: rauchende Schlote, Ofenglut, Ruß und Eisen. 1837 gründete August Borsig dort eine Eisengießerei. Anfangs produzierten seine Arbeiter Schrauben, aber bald die großen Sachen, nach denen die Zeit verlangte: Lokomotiven, Dampfmaschinen. 1838 geriet Berlin richtig unter Dampf. Die erste Eisenbahn fuhr von Berlin nach Potsdam. 1841 öffnete die Strecke vom  Anhalter Bahnhof nach Köthen (Anhalt).

Ab 1842 ging es vom Schlesischen Bahnhof nach Frankfurt (Oder), ab 1843 vom Stettiner Bahnhof nach Stettin. Schlecht für die Postkutscher. Borsig lieferte Schienen. 1841 verließ die erste Dampflok die Fabrikhalle an der Chausseestraße: die „Borsig 1“, dreiachsig, mit einer Treibachse,  einem US-Modell nachgebaut. 1843 bei der „Choriner Wettfahrt“ auf dem ersten zweigleisig ausgebauten Teilstück der Berlin-Stettiner Bahn gewann eine Borsig-Lok gegen die bis dahin dominierende angelsächsische  Konkurrenz. Das überzeugte. Staatliche Aufträge folgten. 1844 kam das erste eigene Modell: die „Beuth“.

Zu viel Geld im System

Über 1 000 Menschen arbeiteten Ende der 1840er-Jahre in der Berliner Fabrik, bald waren es 6 000. Unter der Leitung von Sohn Albert Borsig (seit 1854) wuchs die Firma zum zweitgrößten Lokomotivenhersteller der Welt. Zum Ende des Jahrhunderts baute man Pumpen,  Kessel, Rohre und Kälteanlagen.

Unternehmer wie die Borsigs oder Carl Justus Heckmann, der 1837 am Schlesischen Tor ein Kupferwalzwerk gründete und im Gerätebau (Brennerei- und Destillieranlagen) avancierte, repräsentierten eine neue Elite, erfinderisch, leistungsbereit, risikofreudig. Sie verdrängten die alte Agrar-Noblesse von der Spitze der Gesellschaft. Oft waren sie erfahrene Handwerker oder Kauflaute gewesen. Gestützt auf vergleichsweise hohe Rechtssicherheit, solider werdende Schul- und Universitätssysteme und traditionell leistungsorientiertes Arbeitsethos kamen sie voran und holten den Rückstand zu England schnell auf.

Zum Berliner Exempel schlechthin für Aufstieg und Scheitern jener Zeit wurde Henry Bethel Strousberg. In London zum Finanz- und Wirtschaftsfachmann ausgebildet, erlangte er zahlreiche Konzessionen zum Eisenbahnbau, kaufte Walzwerke, Hochöfen, Zeitungen, den Berliner Viehmarkt, ging in die Politik. Seine Geldbeschaffung war innovativ bis über die Grenze des Legalen hinaus und zunächst sensationell erfolgreich: Er beauftragte Generalunternehmer, die er ratenweise nach Baufortschritt mit Aktien neu gegründeter Eisenbahngesellschaften bezahlte. 

Gründer und Kapitalgeber trugen so nur einen Bruchteil der Kosten und  Risiken, erhielten aber beträchtliche Provisionen. Weil der Generalunternehmer Aktien erhielt, deren Nennwert über den Baukosten lag, blähte der Handel mit diesen Aktien den Wert der Gesellschaften auf. Die windige Angelegenheit endete 1872 mit einer spektakulären Pleite.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Berliner Arbeiterklasse ein eigenes Standesbewusstsein entwickelt.

Jenes Jahr verlief schwindelerregend.  Gesetzliche Schranken für Unternehmensgründungen waren gefallen, Handelsregeln außer Kraft. Aktionäre kauften zu; Aktien erzeugten neue Aktien. Bis der Gründerkrach den Irrsinn beendete und Tausende unerfahrener Glücksritter als enttäuschte, verunsicherte Verlierer zurückließ  – mit weitreichenden Folgen in der gedemütigten Volksseele.

Der Krise folgte die Konsolidierung. Die Industrien wurden intelligenter, die Erfindungen raffinierter. Werner Siemens steht beispielhaft dafür. Der geniale Erfinder hatte 1847 in Berlin die Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske begründet. Ein Jahr später baute die Firma die Telegraphenleitung Berlin-Frankfurt, 1867/70 die Indo-Europäische Telegraphenlinie London-Teheran-Kalkutta, über 11.000 Kilometer. 1866 entwickelte Siemens den Elektro-Generator. Dieser und später der Verbrennungsmotor lösten die Dampfmaschine ab. 1879 schickte Siemens die erste elektrische Lok los und errichtete in Berlin die weltweit erste elektrische Straßenbeleuchtung. 1886 verkündete Siemens den Aufbruch ins naturwissenschaftliche Zeitalter.

Fortschrittspathos und Abstiegsangst

Nicht nur in den verelendeten Proletariermassen wuchs die Unruhe (siehe Kasten neben der Grafik), auch  in den eben erst aufgestiegenen Bürgerkreisen paarte sich Fortschrittspathos mit Skepsis und Kulturpessimismus. Der seinerzeit bekannte Physiologe Carl Ludwig fasste das Unbehagen 1872 zusammen: „Je erhebender die Freude, mit welcher uns die Blüthe der Naturwissenschaft erfüllt, umso ängstlicher ist die Sorge um ihre Zukunft. Wird das Streben nach Reichthum und nach socialer Macht, die bisher die geistige Begegnung so sehr gefördert hat, nicht schliesslich auch bei uns, den Befähigten, die Freude an der kunstvollen Verknüpfung der Gedanken und an der sittlichen That verderben …?“

Furcht machte sich breit, den Anforderungen der Modernisierung nicht gewachsen zu sein. Man suchte Halt in traditionellen Mächten: in Volk, Vaterland und der Reichsgründung. Bismarck wurde den Furchtsamen zum Schützer gegen eine materiell ausgerichtete und sich in offeneren Systemen organisierende Welt. Seit dem Gründerkrach zog man gegen die neuen  Mächte zu Felde: das wirtschaftlich und intellektuell als überlegen empfundene Judentum, den britisch-rohen Utilitarismus, den wirtschaftlichen Liberalismus.

Nachbeben der Industrialisierung

In einer Fallstudie über die Gründerzeit schrieb Christoph Meines 1991 über den Leipziger Astrophysiker Karl Friedrich Zöllner (1834-1884) und dessen Hinwendung zu Antisemitismus und Spiritismus: „Das Judentum war für viele die Projektion eines Unbehagens an der Moderne, als eines Elements in die Gelehrtenidylle altständischer Ehrbarkeit – ein ohnmächtiger Versuch, einen Sündenbock zu benennen für die Defizite der aufkommenden technisch-industriellen Kultur, für Partei- und Klassengegensätze, für Arbeitsteilung und Spezialistentum, für Materialismus und Liberalismus – einen Sündenbock, der ihm erlaubte, am verklärten Bild einer sittlichen Erneuerung des Reiches und seiner Universitäten festzuhalten.“

Die Nachbeben der industriellen Revolution und der damit einhergehenden sozialen Brüche wuchsen sich im 20. Jahrhundert zu schwersten Erschütterungen aus. Viele Menschen hielten sie vor 25 Jahren für beendet – doch beschleicht sie heute neue, diffuse Zukunftsangst.

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