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Berliner Stadtgeschichte: Wie Berlin zur Großstadt wurde

Dickes B oben an der Spree... Am Rande der Spandauer Vorstadt liegt die Weidendammer Brücke. Heute ist die Friedrichstraße eines von vielen Zentren der Stadt.

Dickes B oben an der Spree... Am Rande der Spandauer Vorstadt liegt die Weidendammer Brücke. Heute ist die Friedrichstraße eines von vielen Zentren der Stadt.

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dpa

Ein Witz der Berliner Stadtordnungsgeschichte besteht darin, dass die Mitte der Stadt jahrhundertelang nicht zur Stadt gehörte, jedenfalls so lange, bis die Mitte aufhörte, die Mitte zu sein. Das Schloss mitsamt dem umliegenden Areal blieben bis dahin ein eigenständiger, nicht zu Berlin gehöriger hohenzollerscher Gutsbezirk. Alle dort befindlichen Einrichtungen, auch die Humboldt-Universität, hießen daher Schloss oder Universität „zu“ Berlin. Die Eingemeindung erfolgte 1920. Damals durchlief die kurz zuvor auf revolutionärem Wege von den Hohenzollern geräumte Residenz dasselbe Verfahren wie sieben Städte, 59 Landgemeinden und 26 weitere Gutsbezirke und wurde administrativer Teil von Berlin.

Im Vergleich zu den Veränderungen, die die Stadt durch das am 1. Oktober 1920 in Kraft getretene „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ erlebte, war die Eingemeindung des Schlossbezirks eine Kleinigkeit. Das Groß-Berlin-Gesetz hatte der Preußische Landtag am 25. April 1920 beschlossen. Die damals geschaffene Struktur prägt die Stadt. Sie ist eben nicht wie London, Amsterdam oder Paris von innen heraus als ein Ganzes gewachsen. Sie legte sich über das ringsum Vorhandene, saugte es auf, verdaute es jedoch nicht zum formlosen Siedlungsbrei. Berlin blieb die Metropole mit vielen Zentren. Noch heute ist sichtbar, dass diese über alles verfügten, was Städte ausmacht: stolze Rathäuser (Schöneberg, Charlottenburg), Handelsplätze (Steglitz, Wilmersdorf), Altstädte (Spandau, Köpenick), Verkehrsanschlüsse, Parkanlagen usf.

Kampf gegen Peripherie-Proleten

Wie und warum aber kam der reformerische Kraftakt zustande? Notwendig war er lange gewesen, doch blieben die Versuche zu einer dem Wachstum Berlins entsprechenden Ordnung im ausgehenden 19. Jahrhundert stets hinter den Erfordernissen zurück. Erst 1911 fand man mit der Schaffung eines „Zweckverbandes“ (Berlin plus Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Lichtenberg, Neukölln und Spandau sowie den Kreisen Niederbarnim und Teltow) gegen vielfältige und wechselnde Widerstände (siehe Info-Box) einen unzureichenden Kompromiss. Damals wollten vor allem die Politiker Preußens die Dominanz des roten Berlin verhindern.

Die Kompetenzen des Zweckverbandes beschränkten sich daher auf Verkehr, Bebauung und Erholungsflächen. 1920, zwei Jahre nach Novemberrevolution und Republikgründung, nutzen die Befürworter die Gunst der Stunde. Die 1919 erstmals nach allgemeiner und freier Wahl von Männern und Frauen gewählte Stadtverordnetenversammlung erbrachte eine linke Mehrheit von Sozialdemokraten (SPD), Sozialisten (USPD) und Linksliberalen (DDP). Sie förderte das Groß-Berlin-Projekt – unterstützt von den ärmeren Vorortgemeinden, bekämpft von Rechtsparteien und der als Bürgerbund firmierenden „Kampforganisation gegen die Proletariergemeinden der Peripherie“. Nach zwei Abstimmungsniederlagen gelang im dritten Gang der große Wurf – mit 16 Stimmen Mehrheit. Er eröffnete Chancen, die Stadt menschlicher und besser regierbar zu gestalten.

Viele Mietskasernen

Berlin fungierte seit 1871 als Hauptstadt des Deutschen Reiches. Seither waren Wirtschaft, Einwohnerzahl und Bautätigkeit explodiert. Die Bevölkerung wuchs von 820.000 (1871) auf fast zwei Millionen (1919). Rund um die Innenstadt wucherten Mietskasernen. In Kreuzberg lebten 45.000 Menschen auf dem Quadratkilometer; im Durchschnitt teilten sich fünf Menschen ein Zimmer. Im Stadtkern stiegen Bodenpreise und Mieten. Enorm beschleunigt wurde der Aufschwung dank der fünf Milliarden Goldfranken, die Deutschland nach dem Krieg von 1870/71 Frankreich als Reparation abpresste.

Hatten 1850 in Berlin 584 Fabriken und Lagergebäude gestanden, waren es 1919 schon 6467. Ringbahn (ab 1877) und Stadtbahn (ab 1882) machten Nachbarorte erreichbar, verbanden Stadtteile. Umzugsbewegungen setzten ein. Da Arbeitskräfte mobiler wurden, kam es von 1882 an zur ersten sogenannten Randwanderung der Industrie aus dem Zentrum an periphere Zonen mit Bahnanschluss. In Lichtenberg und Rummelsburg entstanden Industriestandorte; in Siemensstadt oder Borsigwalde wurden riesige Fabrikkomplexe errichtet.

Die Stadt wucherte über ihre Ränder hinaus, zugleich entvölkerte sich die Innenstadt. Sie verarmte, weil steuerzahlende Arbeiter in riesige neue Quartiere im Norden und Osten abwanderten. Umlandorte, eben noch Dörfer, wuchsen zu Großstädten: Charlottenburg und Köpenick zählten 1910 jeweils mehr als 300.000 Bürger, Neukölln fast 240.000, Schöneberg mehr als 170.000.

Schluss mit Zilles Milljö

Mit dem Inkrafttreten des Groß-Berlin-Gesetzes am 1. Oktober 1920 wuchs die Stadt mit einem Schlag auf ihr Dreizehnfaches und wurde, hinsichtlich ihrer Fläche, nach Los Angeles zur zweitgrößten Stadt der Welt. Sie verdoppelte die Zahl ihrer Einwohner auf 3,8 Millionen und erreichte damit Platz drei nach London und New York. Trotz aller Schwierigkeiten der Nachkriegszeit stellten sich die demokratischen Regenten des neuen Groß-Berlin ihren Aufgaben mit Energie: Sie modernisierten die Infrastruktur und investierten mit bis heute sichtbarer Massivität in den für die damalige Zeit revolutionären, in Deutschland, damals wie heute, beispiellosen sozialen Wohnungsbau. Das Zille’sche Elends-Milljö schwand.

Angesichts des roten Sieges jammerten die Wilmersdorfer Bürger, und im Lokalblatt wehklagte der Leitartikler: „Von heute an hören wir auf, Wilmersdorfer, Schöneberger, Charlottenburger zu sein. In allen entscheidenden Fragen werden wir uns dem Diktat des roten Berliner Magistrats zu fügen haben. Einstweilen wenigstens, bis die rote Militärwirtschaft abgewirtschaftet haben wird.“ Wie schön für die Wilmersdorfer, dass sie heute zu den am besten Situierten gehören.


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