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Berliner Unterwelten: Germania im Untergrund

Gigantisch und irrsinnig – Architekt Albert Speer unterstützte Hitlers Weltmachtpläne und entwarf die Reichshauptstadt Germania. Ein Modell mit Großer Halle ist in der Ausstellung zu sehen.

Gigantisch und irrsinnig – Architekt Albert Speer unterstützte Hitlers Weltmachtpläne und entwarf die Reichshauptstadt Germania. Ein Modell mit Großer Halle ist in der Ausstellung zu sehen.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Schon das Modell ist beeindruckend und beängstigend zugleich. Knapp zehn Meter ist es lang und stellt die monumentalen Planungen von Hitlers Chefarchitekt Albert Speer für eine Reichshauptstadt Germania dar. Das weiße Modell steht unter der Erde in einem Zwischengeschoss am Bahnhof Gesundbrunnen. Es gehört zu einer neuen Ausstellung des Vereins Berliner Unterwelten, die den Titel „Mythos Germania – Vision und Verbrechen“ trägt. Mit Historikern und 20 Autoren wurden unzählige Dokumente zusammengetragen. Die Geschichtsausstellung ist ab heute für Besucher geöffnet.

Komplette Zerstörung

Das Germania-Modell ist nicht das Original, wie man es in historischen Filmaufnahmen sieht. Sondern ein Nachbau für den Spielfilm „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel (2004). Was auf wenige Meter zusammengestaucht ist, sollte einmal die sieben Kilometer lange zentrale Nord-Süd-Achse werden und vom Spreebogen bis ungefähr zum Tempelhofer Feld reichen. Breite Straßenschneisen sollten durch die dicht bebaute Stadt geschlagen werden. „Was hier geplant wurde, hätte die komplette Zerstörung Berlins zur Folge gehabt“, sagt Sascha Keil, Vorstand des Unterwelten-Vereins.

Die Ausstellung informiert über den Aufstieg Speers 1937 zu Hitlers Generalbauinspektor, dessen städtebaulichen Ideen sowie die Schaffung einer eigenständigen Nazi-Behörde. Sie dokumentiert auch die Verbrechen der Nazis, die Einrichtung von Zwangsarbeiterlagern und die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Berlin. Wie Keil sagt, will die Ausstellung Legenden und Klischees rund um die „Welthauptstadt Germania“ dekonstruieren.

So grenzt das Modell an eine große Glaswand, auf der die Verbrechen der Nazis dokumentiert sind. Eine Karte vom Oktober 1942 zum Beispiel zeigt den Bauplan zur Erweiterung von Auschwitz-Birkenau. Bezeichnet mit „Sonderprogramm Prof. Speer“ unterstützte der Architekt den Ausbau von Auschwitz als Zielort der Massendeportationen. Wer arbeitsfähig war, wurde von der SS als Arbeitssklave für die Rüstungsbetriebe selektiert, alle anderen wurden in den Gaskammern ermordet. Zwangsarbeit gab es auch nördlich von Berlin im Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Im „Klinkerwerk“ etwa wurden Ziegel für die neuen Großbauten hergestellt. Tausende Arbeiter kamen dort ums Leben.

Dass Speer die Deportation von Juden aus Berlin unterstützt hat, belegen viele Dokumente. Wie Gernot Schaulinski, der Kurator der Ausstellung, sagt, nutzte Speer die antisemitische Stimmung, um etwa ein großes Areal vom Zoo den Kudamm entlang zu einem „judenreinen Gebiet“ zu machen. Auch das Alsenviertel im Spreebogen wurde abgerissen, dort sollte die „Große Halle“ mit einer 320 Meter hohen Kuppel errichtet werden, die 180.000 Menschen Platz bieten sollte.

Statt oberirdischem Wahnsinn hat die Ausstellung nun unterirdisch einen passenden Ort: Sie wurde in einer sieben Meter hohen Betonhalle eingerichtet, die erst Mitte der 1990er-Jahre neben den S-Bahngleisen am Gesundbrunnen entstand, also nicht zu den Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg gehört. Umgesetzt wurde Germania zum Glück nie. „Die Planungen von Speer wirken wie antike Bauwerke, die mit einer großen Luftpumpe aufgeblasen werden und ins Lächerliche gehen“, sagt Schaulinski.

Mythos Germania: Saisonal geöffnet, bis 30.11.2014 sowie 2.4.–30.11.2015. Do–So 11–18 Uhr. Eintritt 5 Euro, erm. 4 Euro. Tickets beim Verein Berliner Unterwelten, Brunnenstraße 105, Mitte. Zur Ausstellung hat der Verein zusammen mit der TU Berlin ein 200-seitiges Begleitbuch (12,90 Euro) herausgegeben.