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Berlins Gaslampen als Welterbe?: Hoffnung für weiches Licht

Muss Elektrolampen weichen: Gasreihenleuchte aus den 1950ern.

Muss Elektrolampen weichen: Gasreihenleuchte aus den 1950ern.

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dapd/Steffi Loos

Sie haben mit Menschenketten protestiert, mehr als 20.000 Unterschriften gesammelt, den Schauspieler Ilja Richter als prominenten Fürsprecher gewonnen, ein Gutachten zum Denkmalwert der Berliner Gasbeleuchtung vorgelegt, die einflussreiche Denkmalpflegeorganisation Europa Nostra zu einem Hilferuf animiert.

Aber politischer Erfolg blieb den Liebhabern der Berliner Gaslaternen bisher versagt. Nicht einmal einen Termin zum Empfang der Unterschriften gönnte Klaus Wowereit ihnen, berichtete Agnete von Specht vom Verein Denkmal an Berlin, als sie am Freitag gemeinsam mit dem Verein Gaslicht-Kultur ein neues Gutachten zur weltweiten Bedeutung der Berliner Gasbeleuchtung vorstellte.

Der Senat hält eisern an den vom Abgeordnetenhaus abgesegneten Plänen fest, die meisten Gasleuchten Berlins durch Elektroleuchten zu ersetzen. Täglich verschwinden mehr von den derzeit noch rund 40.000 Lampen. Nur fünf Prozent sollen auf Dauer erhalten bleiben. Vor allem die in der Nachkriegszeit entstandenen schlanken Gasreihenleuchten auf Peitschenmasten werden derzeit durch die Elektrolampe „Jessica“ ersetzt. Einen kleinen Erfolg hatten die Gaslicht-Enthusiasten immerhin: Bisher sollten bis 2016 alle der gut 8000 modernen Gasreihenleuchten abgebrochen werden. Inzwischen sollen vielleicht 230 Leuchten stehen bleiben. Vielleicht.

Nun sehen Gaslicht-Freunde einen weiteren Hoffnungsschimmer aufglimmen. Wie berichtet hat der in New York ansässige World Monuments Fund (WMF) diese Woche die Berliner Gasbeleuchtung in seine Rote Liste der bedrohten Denkmäler eingetragen. Auf der „2014 World Monuments Watch“ steht Berlins Gasbeleuchtung damit neben Venedig oder der Zitadelle von Aleppo in Syrien. Den Antrag für diese internationale Beobachtung habe Gaslicht-Kultur gestellt, sagte Bertold Kujath, Vorsitzender des Vereins, der Berliner Zeitung. Die aktuelle Entscheidung sei „ein toller Erfolg“. Kujath forderte neue Gespräche: „Der Senat kann nicht weiter gegen die Meinung von Fachleuten in der ganzen Welt handeln.“

Es sei das erste Mal, dass der WMF eine private Initiative berücksichtigt habe, so Agnete von Specht und Heike Pieper von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Das Ziel der Gaslicht-Freunde sei, nicht nur einige Einzeldenkmale oder Straßenzusammenhänge zu bewahren, wie es derzeit für die klassischen Schinkel- und die Aufsatzleuchten der 1920er-Jahre geplant ist, sondern zusammenhängende Quartiersbeleuchtungen.

Unterstützt werden sie jetzt auch durch ein Gutachten des in Edinburgh und Cottbus lehrenden Historikers Peter Burman. Es zeigt, dass die Berliner Gasbeleuchtung in jeder Hinsicht die Kriterien eines Welterbes erfüllen würde. Sie sei in der seit den 1840er-Jahren entstandenen Vielfalt einzigartig, ästhetisch von herausragender Bedeutung, technikhistorisch bedeutend und im Umfang nach dem Abbau der weltweiten Gasbeleuchtungen singulär. Selbst als immaterielles Welterbe könne man, so Burman, die Gasbeleuchtung betrachten: Ihr Licht werde an Farbenreichtum von keiner Elektrolampe erreicht.

Auch die Gaslicht-Fans bestreiten nicht, dass, wie der Senat betont, Gasleuchten im Betrieb mehr Energie verbrauchen und teurer instand zu halten sind als Elektroleuchten. Manche Ersatzteile werden nur noch von einem Anbieter in Indien produziert. Die Sprecherin der Senatsbauverwaltung, Petra Rohland, sagte also: „Ich gehe erst mal davon aus, dass die Aufnahme in die Rote Liste nicht wirklich eine Auswirkung auf Berlin hat.“ Zumal es Zugeständnisse gegeben habe. Fünf Prozent der Lampen bleiben erhalten, außerdem verbleibe bei den Aufsatzleuchten der Mast, so Roland. Und die Leuchtfarbe der Elektrolampen könnte fast identisch mit dem Gaslicht sein. Allerdings gilt Rolands Feststellung nur bei sehr teuren Einzelanfertigungen.

Die Kosten für die Straßenbeleuchtung, so Rohland, könnten nur mit dem Umstieg von Gas auf Elektro um die Hälfte gesenkt werden. Die Gaslicht-Fans bezweifeln das aber. Es sei beispielsweise niemals eine Energieeffizienzberechnung gemacht worden. In die fließen nicht nur die künftigen Betriebskosten, sondern auch energetischen Werte ein, die durch den Abbruch der Lampen zerstört werden. Auch die weit längere Lebensdauer einer Gaslaterne im Vergleich zur Elektroleuchte sei ignoriert worden. Zudem ließe sich mit diesem Erbe gutes Geld verdienen, sagt Bertold Kujath. Wie die immer ausgebuchten Touren zeigen, die sein Verein durch das nächtliche, weich mit Gas belichtete Berlin organisiert.