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Berlins streitbarste Amtstierärztin Diana Plange: "Ich bin schon bedroht und geschlagen worden"

Diana Plange ist Amtstierärztin in Spandau.

Diana Plange ist Amtstierärztin in Spandau.

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Markus Wächter

Diana Plange arbeitet im Untergeschoss des Spandauer Rathauses. Vor ihrem kleinen Büro warten ein älterer Herr mit einer Promenadenmischung und ein junger Mann mit einem Kampfhund. Bei ihr im Zimmer sitzt Igel Hugo in einem Käfig. Er wurde gefunden und bei ihr abgegeben. Die 61-jährige Veterinärin kümmert sich bis auf weiteres um ihn – sie ist schließlich im Bezirk Spandau für alle Tiere zuständig, denen geholfen werden muss.

Plange gilt als engagierteste Amtstierärztin Berlin. Selbst radikale Tierschutzorganisationen wie Peta loben die Arbeit ihrer Behörde. Sie macht sich dabei aber auch immer wieder unbeliebt, etwa wenn sie vor Gericht zieht, um die Zucht sogenannter Nacktkatzen zu verbieten oder Wanderzirkussen Mängel bei der Tierhaltung nachweist. Wir sprachen mit ihr über das Verhältnis von Mensch und Tier in dieser Stadt.

Frau Plange, haben Sie Tiere?

Nein, ich hatte mein ganzes Leben lang Hunde, aber jetzt ist zu wenig Zeit. Das ist sicher das Erste, das sich ändert, wenn ich in Rente gehe. Wir hatten früher Hunde, Pferde, eine Kuh, Schweine und Katzen – alles was sich bei einer Tierarztfamilie in einer Landpraxis einfindet.

Das sind Geschichten vom Lande. Sollte man in der Großstadt überhaupt Tiere halten?

Ja! Das ist sehr wichtig. Zum einen für Kinder, die lernen, Empathie für andere Lebewesen zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Zum anderen sind Tiere, gerade in der Großstadt, wichtig für alleinstehende ältere Menschen. Über die Tiere halten sie Kontakt und bleiben gesünder, weil sie mit den Tieren rausgehen und sprechen können.

Berlin gilt als Hundehauptstadt. Aber wie können Hundeliebhaber und Hundehasser miteinander auskommen?

Ich versuche immer, das positive Miteinander zu fördern. Bei uns werden oft Tiere vorgestellt, die andere belästigt haben. Manche haben andere Hunde gebissen, in seltenen Fällen auch einen Menschen. Da liegt das Problem aber zu 99,9 Prozent am anderen Ende der Leine – beim Hundehalter.

Was können Sie tun?

Wir erklären dem Menschen, dass er seinen Hund so erziehen und führen muss, dass von ihm keine Belästigung ausgeht – und das heißt nicht nur kein Beißen oder Anspringen. Es gibt viele Menschen, die Angst haben. Darauf muss man Rücksicht nehmen. Oft können Leute, die keine Hunde haben, das Verhalten nicht richtig interpretieren. Dieses „der meint das nicht so“ ist vielen nicht geheuer.

Gibt es oft Ärger mit Hundehaltern in Spandau?

Ja, aber nicht öfter, als in anderen Bezirken. Wenn Hunde auffällig und die Halter angezeigt werden, bestellen wir Hund und Halter ein. Im Zweifelsfall muss der Halter mit seinem Hund in die Hundeschule. Wir überprüfen später, was daraus geworden ist. Pro Woche kommen etwa fünf Halter, drei davon brauchen Anleitung.

Sind Sie für einen Hundeführerschein?

Zum geplanten Hundegesetz möchte ich mich nicht näher äußern, weil ich bei der Behörde arbeite, die das später umsetzen muss. Generell bin ich dafür, dass Tiere nur noch an Menschen verkauft werden sollten, die sich zuvor sachkundig gemacht haben. Viele Probleme ergeben sich aus der Unwissenheit der Tierhalter. Nehmen Sie die Border Collies. Das sind tolle Hunde, aber sie brauchen eine Aufgabe. Sie glauben auch gar nicht, was wir alles zu sehen kriegen, von riesigen Schildkröten im Wohnzimmer bis zu Wildkatzen, die im Haus gar nicht zu halten sind.

Warum halten sich Menschen exotische Tiere?

Es ist zu beobachten, dass manche Menschen etwas möglichst Exotisches halten wollen, um sich von anderen zu unterscheiden. Anders kann man sich auch kaum die Neigung erklären, haarlose Tiere – Katzen, Hunde, Ratten, Meerschweinchen – zu züchten oder in einer kleinen Wohnung große Würgeschlangen, Echsen und Spinnen in einer Anzahl zu halten, die über normale Liebhaberei weit hinausgeht. Wir haben zum Beispiel mal einem Halter fast 50 Reptilien wegnehmen müssen.

Wie erfahren Sie solche Dinge?

Meistens durch Nachbarn oder Tierfreunde. Oft gibt es auch eine Zusammenarbeit mit anderen Ämtern. Die Kollegen sagen uns zum Beispiel Bescheid, wenn Sie im Zusammenhang mit Kontrollen etwa zum Kinder- und Jugendschutz vernachlässigte Tiere auffinden.

Wie viele Hinweise erhalten Sie?

Das variiert stark, aber meist sind es mehrere pro Tag.

Wie oft steckt nichts dahinter?

Selten. Uns ist wichtig, dass man die Bürger, die eine schlechte Tierhaltung anzeigen nicht als Denunzianten sieht. Wir haben auch keine Berührungsängste mit Tierschutzorganisationen, die häufig wichtige Hinweise geben, zum Beispiel wenn ein Zirkus im Ort ist, der sich bei uns nicht angemeldet hat.

Wenn ein Zirkus kommt, schauen Sie vorbei?

Ja, das tun wir nach Möglichkeit immer. Leider ist nur ein verschwindend kleiner Teil der Zirkusunternehmen in Ordnung, das heißt, dass es bei der Tierhaltung nichts zu beanstanden gibt. Wir haben in Deutschland mehr als 430 Zirkusunternehmen – das ist weltweit die größte Dichte. Viele versuchen mit absolut lächerlichen Vorstellungen und über mitgeführte Wildtiere oder auch extra zu diesem Zweck gezüchtete neugeborene Tiere, Menschen in den Zirkus zu locken.

Wie halten die ihre Tiere?

Wir sehen abgemagerte, ungepflegte Tiere. Ein Pferd hatte so ein schiefes Gebiss, dass es nicht mehr kauen konnte; Kamele mit Räude, angekettete Elefanten in ungenügend geheizten Zelten, schwer verhaltensgestörte Tiere. Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass bestimmte Wildtierarten wie beispielsweise Elefanten, Menschenaffen und Bären keinesfalls in den Zirkus gehören.

Können Sie auch Zirkusse empfehlen?

Ein guter Zirkus kommt auch ohne Tiere aus. Oder er beschränkt sich auf Haustiere, deren Bedürfnisse auch während einer Tournee erfüllt werden können. Es gibt tolle und sehenswerte Artistik- und Clownnummern ohne Tiere und ja, unter diesen gibt es Unternehmen, die wir auch empfehlen können.

Sie machen sich oft unbeliebt, etwa, als Sie maßgeblich an der Schließung eines Reiterhofes beteiligt waren. Wie gehen Sie damit um?

Eine so ernste Entscheidung wie einen Betrieb zu schließen, treffe ich nie allein, sondern nach Beratung mit den Fachvorgesetzten. Vorher gibt es immer viele Versuche, auf anderem Wege eine tierschutzgerechte Haltung zu erreichen.

Voriges Jahr hat in Brandenburg ein Landwirt einen Veterinäramtsmitarbeiter erschossen, der seine Kühe beschlagnahmen wollte. Wurden Sie schon bedroht?

Auch ich bin schon des öfteren erheblich bedroht und auch geschlagen worden. Eine Frau hat mir die Nase gebrochen, meine Kamera wurde mir von einem Zirkusmitarbeiter aus der Hand geschlagen und so weiter. Mir wurde auch gedroht: „Ich weiß, wo du wohnst.“ Es ist in diesen Fällen ein gutes Gefühl, dass der für das Veterinäramt zuständige Stadtrat Stephan Machulik hinter uns steht und sich sehr für den Tierschutz einsetzt.

Wie gehen Sie mit der persönlichen Bedrohung um?

Wir gehen nur noch zu zweit zu Kontrollen in den Außendienst und arbeiten eng mit der Polizei und dem Außendienst des Ordnungsamtes zusammen. Auch damit es im Zweifelsfall Zeugen gibt. Rechtsstreitigkeiten ufern häufig auch bei eindeutigen Fällen aus, so dass es wichtig ist, den Ablauf gut zu dokumentieren.

Woher kommt das oft mangelnde Unrechtsbewusstsein?

Sehr häufig haben wir es mit Menschen zu tun, die schon lange Tiere haben und nicht merken, dass ihnen alles entglitten ist. Oder weil sie krank, vielleicht auch suchtmittelabhängig sind. Oder es geht ums Geld. Manche Leute haben kein Mitgefühl mit Tieren.

Macht auch das Gegenteil Probleme: übersteigerte Tierliebe?

Das ist das Animal-Hording. Da haben wir jährlich zwei bis drei Fälle – und es werden mehr. Diese Menschen glauben, niemand könnte die Tiere so gut versorgen wie sie selbst. Das sind immer Menschen, die Defizite im sozialen Umgang haben, und sie wenden sich Tieren in einem Maß zu, das sie selbst nicht mehr übersehen. Manche sind auch altersdement und wissen gar nicht mehr, wie viel Tiere sie haben. Diesen Menschen Tiere wegnehmen zu müssen, ist meist sehr tragisch. Nach Möglichkeit arbeiten wir mit anderen Ämtern wie dem sozialpsychiatrischen Dienst zusammen.

Waren Sie auch für den Fall mit den Vögeln zuständig? Das waren doch mehr als Hundert...

Hundert? Das waren 1 728! In einer Zwei-Zimmerwohnung. Ich kann mich gut daran erinnern, weil wir sie alle mit der Hand eingefangen haben. Die Vögel hatten sich schon vom Badezimmer aus durch die Wand gefressen.

Nehmen andere Tierschutzfälle zu?

Ja, der Handel mit sehr jungen Welpen aus dem Ausland – teils aus dem Auto heraus auf der Straße, teils über das Internet – hat stark zugenommen. Das Ganze ist oft bandenmäßig organisiert. Chihuahuas und andere sogenannte Taschenhündchen sind sehr beliebt, auch Französische Bulldoggen, Möpse oder Labradorwelpen. Bisher hoffen wir vergeblich darauf, dass der Handel mit lebenden Tieren im Internet, wie in Österreich untersagt wird, oder Ebay von sich aus zur Einsicht kommt. Viele dieser Tiere, die häufig zu jung von ihren Müttern getrennt und hier ungeimpft verkauft werden, sterben bei den Käufern an Infektionskrankheiten oder entwickeln Verhaltensstörungen.

Wie ernst nimmt die Berliner Politik den Tierschutz?

Da gibt es sicher noch viel Luft nach oben. Berlin braucht einen hauptamtlichen Tierschutzbeauftragten mit entsprechendem Etat und personell gut besetzte Veterinärämter. Es wäre auch sinnvoll, von jedem Käufer einen Sachkundenachweis zu verlangen. Berlin braucht außerdem ein Heimtierzuchtgesetz, damit wir wissen, wo die Tiere herkommen und Züchter und Besitzer dafür auch verantwortlich bleiben. Egal ob Hund, Katze oder Maus, die wir allzu häufig im Tierheim wiederfinden.

Das Gespräch führten Iris Brennberger und Elmar Schütze