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Besatzungskinder: Die Suche nach dem Vater: Wo bist du?

Ramona Lehmann

Ramona Lehmann

Ramona Lehmann sagt, die Voraussetzungen seien eigentlich gut. Und dann muss sie weinen. Sie weiß, wie ihr Vater heißt, doch sie weiß nicht seine Adresse. Sie hat den Mann noch nie gesehen, sein Gesicht kennt sie nur von einem Foto vor ihrer Geburt. Und darüber ist sie so verzweifelt. „Ich möchte ihn einmal anfassen“, sagt sie. „Mein Leben lang habe ich mich unvollständig gefühlt. Die Mutter war da, doch der Vater fehlte.“

Ein Gefühl der Unvollständigkeit

Ramona Lehmann ist ein Besatzungskind, ein „War Babe“, ein „Kriegskind“, eines von geschätzten 200.000 Kindern in Deutschland, deren biologische Väter Soldaten der Alliierten waren. Sie wurden nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland stationiert, sie lernten deutsche Frauen kennen, sie zeugten Kinder und sie zogen ab. Viele dieser Kinder haben ihre Väter bis heute nicht kennengelernt, sie wissen nicht einmal, ob sie noch leben. „Das Gefühl der Unvollständigkeit zieht sich durch das ganze Leben“, sagt Ramona Lehmann, die 57-jährige Verwaltungsangestellte. „Es macht traurig und depressiv.“

Am Sonnabend haben sich etwa 40 solcher Besatzungskinder, deren Väter amerikanische Soldaten waren, auf Einladung der Hilfsorganisation GI Trace (Transatlantic Childrens Enterprise) im Reichstagsgebäude zum ersten Deutschlandtreffen versammelt. „Die Wahrheit über ihre Väter haben manche erst sehr spät erfahren, manche suchen bis heute“, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert und Gastgeberin des Treffens im SPD-Fraktionssaal im Bundestag. Sie betont, dass bisher nur die USA deutschen Besatzungskindern bei der Suche helfe, in Frankreich, Großbritannien und Russland sei Akteneinsicht so nicht möglich.

Die Hilfsorganisation GI Trace unterstützt die Betroffenen bei der Suche. Sie ermöglicht Recherchen im Nationalen Personnel Records Center in St. Louis, USA. Dort sind 55 Millionen Personalakten archiviert, auch von jenen US-Soldaten, die nach 1945 in Deutschland stationiert waren. „Jeder bekommt die notwendige Hilfe, wenn der Name des Vaters bekannt ist. Leider ist das nicht immer so“, sagt Ute Baur-Timmerbrink von GI Trace in Deutschland und Österreich. Sie hat erst im Alter von 52 Jahren ihren amerikanischen Vater wiedergefunden.

Die Recherchen sind meist kompliziert. Die Familien schweigen, vielen Müttern ist es bis heute peinlich, ein Verhältnis mit einem GI gehabt zu haben, sie wurden damals als Huren, Flittchen und GI-Liebchen beschimpft. „Man hat ein Lügengebäude um sich, auch von den Müttern“, sagt Baur-Timmerbrink.

Den Namen des Vaters verschwiegen die Mütter aus Scham. Ihre Kinder nannte man Bastarde, sie wurden beäugt und abgelehnt. „Vater unbekannt“, steht in ihren Geburtsurkunden. Manche Kinder kennen bis heute nur den Vornamen ihres Vaters. Doch selbst, wenn die Suche nach dem Vater erfolgreich war, die Kinder endlich wissen, wo er lebt, selbst dann kann der Wunsch nach einem späten Kennenlernen unerfüllt bleiben. „Es ist nicht immer der Wunsch der anderen Seite, zu antworten. Manche wollen keinen Kontakt“, sagt Lindsay Henderson, Konsularin im US-Konsulat in Frankfurt am Main. Täglich bekommt sie Anfragen von deutschen Besatzungskindern, die auf der Suche nach ihrem Vater sind.

Ramona Lehmann sagt, sie habe immer das Gefühl gehabt, dass mit ihr etwas nicht stimme. Man habe ihr als Kind gesagt, sie habe Glück gehabt, dass ihre Haut nicht so dunkel aussehe. Ihr Vater stammt aus Puerto Rico, hat sie später erfahren. „Als Kind habe ich meinen Vater ganz stark vermisst“, sagt sie.

Doch ernsthaft nach ihm zu Suchen beginnt sie erst nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1982. Von einer Tante bekommt sie wichtige Dokumente. Auf Fotos sieht sie ihre Mutter Ilse Steinbock als 19-Jährige an der Seite des US-Offiziers Ramon José Torres. Der 25-Jährige aus Puerto Rico war von 1954 bis 1956 in der McNair Kaserne in Lichterfelde stationiert. Dann wurde er abgezogen. Seine Tochter sah er nie.

In Briefen liest Ramona Lehmann von den Plänen des Paares. „Er wollte meine Mutter heiraten. Es war die große Liebe“, sagt sie. „Er freute sich auf mich, auf seine Tochter Ramona, er schickte Geld und wollte mit uns zusammenleben.“ Daraus wurde nichts. 1963 heiratet Ilse Steinbock einen anderen Mann. Tochter Ramona wächst bei ihrem Stiefvater auf. „Doch meine Mutter hat ihre Liebe zu Ramon nie überwunden“, sagt sie.

Vor einem Jahr stellt Ramona Lehmann über GI Trace eine Anfrage an das US-Nationalarchiv. Sie erfährt, ihr Vater lebt in Puerto Rico. Er ist 84 Jahre alt. „Ich habe jetzt alle Informationen, aber keine Adresse von ihm. Ich komme einfach nicht an ihn ran“, sagt sie. „Und die Zeit rennt davon.“ Am Sonnabend habe sie aber gespürt, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein steht. „Und das hilft.“