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Beschneidung: Rabbiner: "Schwerster Angriff seit Holocaust"

Rabbiner Pinchas Goldschmidt (r.) und Avichai Apel.

Rabbiner Pinchas Goldschmidt (r.) und Avichai Apel.

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dpa

Berlin -

Die Europäische Rabbinerkonferenz hat die jüdischen Gemeinden Deutschlands aufgerufen, die Beschneidung trotz des Urteils des Kölner Landgerichts weiter zu praktizieren und nicht eine mögliche Gesetzesänderung abzuwarten. „Ein Verbot ist ein fundamentales Problem für das weitere Bestehen jüdischer Gemeinden“, sagte Rabbiner Pinchas Goldschmidt, der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, am Donnerstag zum Abschluss eines dreitägigen Treffens orthodoxer Rabbiner in Berlin. „Die Beschneidung ist die Grundlage zum Übertritt zum jüdischen Volk. Wir werden die viertausend Jahre alte Praxis nicht ändern.“

"Keine Zukunft für jüdische Gemeinden in Deutschland"

Das Gericht hatte die Beschneidung eines Kindes vor zwei Wochen als Körperverletzung bewertet. Goldschmidt erklärte, dieses Urteil bedeute einen kompletten Wandel in der deutschen Nachkriegsgeschichte: „Wenn das Gesetz angenommen wird, gibt es keine Zukunft für die jüdischen Gemeinden in Deutschland.“

Die Europäische Rabbinerkonferenz sieht seit der verstärkten Zuwanderung nach Europa eine wachsende Intoleranz gegenüber religiösen Minderheiten. Das Verbot von Minaretten in der Schweiz, das Verbot der Burka in Frankreich, das Verbot des Schächtens in den Niederlanden und nun das Kölner Urteil sind für die jüdischen Geistlichen Belege für einen Prozess gegen Religionsfreiheit, der beendet werden müsse. „Die Deadline dafür ist für uns nicht morgen, sondern sie war gestern“, sagte Goldschmidt dieser Zeitung.

Der 48-jährige ist gebürtiger Schweizer, seit 15 Jahren ist er Oberrabbiner von Moskau. Er führt ein persönliches Beispiel an. „Ich habe sieben Kinder, mit denen fahre ich auch Ski. Sollte vielleicht auch das Skifahren verboten werden, weil Kinder sich dabei verletzen können? Oder soll der Staat nach Hause kommen, den Kühlschrank öffnen und bestimmen, was vom Inhalt gegessen werden darf?“

Den Einwand, ein Skifahrer nehme das Risiko einer Verletzung bewusst in Kauf, aber ihm werde nicht bewusst eine Verletzung zugefügt, lässt Goldschmidt nicht gelten. „Das liegt daran, dass Sport als gut gilt und Skifahren kulturell akzeptiert ist. Aus dem Urteil des Kölner Landgerichts spricht eine Haltung, nach der die jüdische und die islamische Zivilisation in Europa nicht akzeptiert sind. Nicht salonfähig.“

Die Europäischen Rabbinerkonferenz, der rund 400 Geistliche angehören, erhält seit dem Urteil täglich Anfragen werdender Eltern, ob sie ins Ausland fahren oder die Beschneidung heimlich vornehmen lassen sollten. „So kann es nicht bleiben“, sagt der Dortmunder Rabbiner Avichai Appel. „Deshalb haben wir beschlossen, einen Verband der Mohelim, also der jüdischen Beschneider, zu gründen.“ Der Verband soll von den 150 jüdischen Ärzten Deutschlands beaufsichtigt werden und vom Rabbinat.

Es gibt nur drei Mohelim in Deutschland

Wie viele religiöse Beschneidungen jährlich in Deutschland vorgenommen werden, kann Appel nicht sagen. Er weiß nur, dass die Beschneider ständig ausgebucht sind. Allerdings gibt es auch nur drei Mohelim in Deutschland – verblüffend wenig angesichts von 120 000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinden. Doch: „Bedenken Sie das Alter unserer Mitglieder“, sagt Rabbiner Goldschmidt lachend.

Die Beschneidung, die im jüdischen Glauben als Eingehen des Bundes mit Gott verstanden wird, wird am achten Lebenstag des Säuglings vorgenommen. Dazu legt die Familie den Jungen in der Synagoge auf den Stuhl des Propheten Elia, dort bekommt er auch seinen Namen und den Segen. „Dieser Bund verspricht dem Kind, dass Gott niemals von ihm weggeht“, erklärt Goldschmidt. „Man kann diesen Bund nicht einfach ablegen wie ein Kleid. Er gehört zum Grundverständnis unserer Religion. Ich frage mich, ob die Justiz das bedacht hat.“