blz_logo12,9

Bespuckt und gedemütigt: Wie homosexuelle Flüchtlinge in Berliner Heimen leiden

„Immer wieder hat er auf mich gespuckt“, sagt Kussay über seinen Zimmernachbarn im Flüchtlingsheim.

„Immer wieder hat er auf mich gespuckt“, sagt Kussay über seinen Zimmernachbarn im Flüchtlingsheim.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin -

Wenn Kussay das Wort „Flüchtlingsheim“ hört, schüttelt sich sein ganzer Körper. Die Erinnerungen sind dann wieder da an die alte Villa in der Klingsorstraße in Lichterfelde, in der er sieben Monate leben musste. Das Gefühl, in einem engen Zimmer eingesperrt zu sein, umgeben von Menschen, für die Homosexualität eine Sünde ist. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt der Syrer. „Ich musste mir mit den Menschen ein Zimmer teilen, vor denen ich mein ganzes Leben lang davongerannt bin.“

In seiner Heimat frei als schwuler Mann leben, das konnte Kussay nicht. Homosexualität ist in Syrien illegal, kann mit drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Die Gesellschaft ist von religiösen Traditionen geprägt. „Meine Mutter wollte mich ins Gefängnis stecken und begann, viel zu beten. Sie dachte, es sei eine Strafe Gottes, dass ihr Sohn schwul ist“, erzählt Kussay mit trauriger Stimme. Bis heute hat er kaum Kontakt zu ihr.

Kussay erzählt von Übergriffen in Berliner Heimen
Homo- und transsexuelle Flüchtlinge sind in Berliner Gemeinschaftsunterkünften Übergriffen durch ihre Mitbewohner ausgesetzt. Kussay aus Syrien erzählt davon.

Im April 2014 kam der heute 38-Jährige über den Libanon und Dubai nach Berlin. Er hoffte darauf, hier offen leben zu können. Doch er wurde bitter enttäuscht. Einem seiner Zimmernachbarn im Heim in Lichterfelde erzählte Kussay, dass er schwul sei. „Warum ich das getan habe, weiß ich nicht mehr. Aber es war ein riesiger Fehler“, sagt er, seine Stimme wird leiser. Der streng religiöse Mann war empört und beschimpfte ihn, immer und immer wieder. „Wenn wir uns begegneten, sagte er schlimme Dinge zu mir. Immer wieder hat er auf mich gespuckt.“

Kussay ist ein kräftiger, selbstbewusster und warmherziger Mann. Er lacht gern. Doch die ständigen Demütigungen in der Gemeinschaftsunterkunft veränderten den ansonsten so lebensfrohen Syrer. Ein Einzelzimmer bekam er trotz Beschwerden nicht. Er musste warten, bis sein Zimmernachbar auszog.

Früher war er erfolgreicher Modedesigner

Mit seinen Kopfhörern schottete Kussay sich ab, um die kränkenden Worte nicht hören zu müssen. „Von Woche zu Woche habe ich mich unwohler gefühlt und war deprimiert, weil ich keine Wohnung finden konnte“, erzählt Kussay. „Früher war ich ein erfolgreicher Modedesigner, habe viel Geld verdient und in Paris Shows gemacht. In Berlin hatte ich nichts.“ Die Anfeindungen setzten ihm so zu, dass er schließlich zusammenbrach und ins Krankenhaus kam. „Ich habe kein Licht am Ende des Tunnels gesehen“, sagt er: „Ich war gefangen im Heim.“

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Beschimpft und bespuckt

Gedemütigt, erniedrigt, bespuckt von anderen Geflüchteten. Was Kussay erlebte, ist in Berliner Asylbewerberheimen kein Einzelfall. Viele schwule, lesbische, bi-, trans- und intersexuelle Flüchtlinge sind in den Unterkünften Anfeindungen und Gewalt ihrer Mitbewohner schutzlos ausgeliefert.

Erst am vergangenen Dienstag wurde ein schwules Paar in einem Flüchtlingsheim am Ostpreußendamm in Lichterfelde angegriffen. Die beiden Männer, 21 und 28 Jahre alt, aus Ägypten und aus Syrien, gingen Hand in Hand durch das Gebäude und küssten sich. Drei Männer, die ebenfalls in der Unterkunft leben, beschimpften und bespuckten sie. Einer schlug dem Jüngeren ins Gesicht, biss ihm in den Arm. Zeugen riefen die Polizei, sie ermittelt gegen die 15- bis 25-jährigen Täter.

Die Opfer schweigen

Dass solche Fälle bekannt werden, ist selten, weiß Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin. Die wenigsten Opfer würden über die Vorfälle reden oder die Taten anzeigen. „Viele ziehen sich zurück und verschweigen ihre sexuelle Orientierung“, sagt Jäkel. Outen sie sich bei ihren Mitbewohnern, sind sie, wie Kussay, teils massiven Übergriffen ausgesetzt. Beschimpfungen, Bedrohungen, Erpressungen, Schläge, Vergewaltigungen – all das findet in den Unterkünften statt. Die Täter stammen häufig aus den gleichen Ländern wie die Flüchtlinge und lehnen meist aus religiösen Gründen Homosexualität ab. Unter ihnen sind auch radikale Salafisten und Anhänger des Islamischen Staates.

Die Schwulenberatung schätzt, dass etwa 3500 bis 5000 queere Flüchtlinge in Berlin leben. Die meisten fliehen nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung, sondern wegen Kriegen oder weil sie politisch verfolgt werden. Sie kommen aus Syrien, dem Iran, Russland, Mazedonien, Kamerun, aber auch aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten wie Albanien oder dem Kosovo. „In vielen dieser Länder steht Homosexualität unter Strafe und wird gesellschaftlich und familiär geächtet“, sagt Jäkel. „Die Menschen sind schwer traumatisiert von Kriegen in ihrer Heimat, von der Flucht – aber auch, weil sie schon ihr Leben lang kriminalisiert, stigmatisiert, ausgegrenzt oder misshandelt wurden.“

Auch Mikheili hat das erfahren müssen. Der 23-Jährige ist aus Georgien geflohen, aus einer homophoben Gesellschaft, die ihn nicht akzeptieren wollte, wie er ist. Nachdem er auf einer Demonstration für die Rechte Homosexueller von orthodoxen Gläubigen attackiert wurde, kam er im Januar 2014 nach Berlin. Doch hier traf der blonde, schlaksige junge Mann wieder auf Menschen, die seine sexuelle Orientierung nicht tolerierten.

Mikheili ist aus Georgien geflohen.

Mikheili ist aus Georgien geflohen.

Foto:

Dominik Mai

Eines Abends wurde er an einer Bushaltestelle vor seiner Unterkunft in Spandau von einer Gruppe Jugendlicher gejagt und angegriffen, die im selben Heim wohnte. Einer von ihnen würgte ihn bis zur Bewusstlosigkeit. „Als ich wieder zu mir kam, sah ich überall Blut, und mein Körper zitterte“, erzählt Mikheili – ganz nüchtern und sachlich, so als ob er vermeiden will, dass die Gefühle von damals zurückkehren. Er kam ins Krankenhaus, die Polizei ermittelte – fand die Täter aber nicht.

Aggressive Stimmung im Heim

Vier Mal wechselte Mikheili die Unterkunft, diskriminiert wurde er überall. „Die Stimmung im Heim war sehr aggressiv, ich wurde immer wieder als Schwuchtel und Tunte beschimpft“, sagt er. „Sie starrten mich an, wenn ich mal ein bisschen Make-up aufgelegt habe oder Kleidung trug, die Männer normalerweise nicht tragen.“

Mikheili erzählt von Übergriffen in Berliner Heimen
Homo- und transsexuelle Flüchtlinge sind in Berliner Gemeinschaftsunterkünften Übergriffen durch ihre Mitbewohner ausgesetzt. Mikheili aus Georgien erzählt davon.

Mikheili ist selbstbewusst, aber ihm ist anzumerken, dass die Erlebnisse Spuren hinterlassen haben. Seit er eine eigene Wohnung hat, geht er nur noch wenig aus und bleibt lieber zu Hause. Er hat sich zurückgezogen.

Die Schwulenberatung würde nun gern ein eigenes Heim für queere Flüchtlinge betreiben. „Wir suchen derzeit nach einem passenden Haus mit etwa 50 Plätzen“, sagt der Geschäftsführer Marcel de Groot. Möglichst im Zentrum, nicht in einem Randbezirk soll es sein und vor allem keine Massenunterkunft. Die Flüchtlinge sollen in kleinen Wohngruppen untergebracht werden und offen in einer sicheren Umgebung leben können – ohne Diskriminierung und Gewalt.

Speziell ausgebildete Sozialarbeiter, aber auch Ehrenamtliche der Schwulenberatung sollen die Flüchtlinge betreuen. Für de Groot wäre das „eine wunderbare Ergänzung zu den bereits bestehenden Einrichtungen und ein weiteres sichtbares Zeichen einer offenen Regenbogen-Stadt“.

Senat weiß um die Probleme

Mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sei die Schwulenberatung bereits in Gesprächen. „Der Senat steht dieser Idee positiv gegenüber und hat die Not queerer Flüchtlinge erkannt“, sagt de Groot. Im August verabschiedete der Senat ein umfangreiches Konzept zur Versorgung und Integration von Flüchtlingen. Darin erkennt er als bislang erste Landesregierung in Deutschland homo- und transsexuelle Flüchtlinge als besonders schutzbedürftige Gruppe an. „Bisher ist das allerdings nur ein Lippenbekenntnis“, sagt de Groot. Es brauche konkrete Schritte.

Weil sich immer mehr Geflüchtete an die Schwulenberatung wenden, hat die seit Juli eine Kontakt- und Beratungsstelle eingerichtet. Jeden Dienstag und Freitag finden die teils schwer traumatisierten Asylsuchenden in der Wilhelmstraße in Kreuzberg einen geschützten Raum. Dort können sie sich bei Konflikten in Heimen oder mit Ämtern beraten lassen, finden Hilfe bei Übersetzungen oder können Kontakte knüpfen. „Viele sind unsicher, weil sie nicht wissen, wie das Asylverfahren funktioniert, wie sie einen Deutschkurs bekommen oder eine Wohnung finden sollen“, sagt Stephan Jäkel, der das Projekt leitet. Mehr als 50 queere Flüchtlinge haben er und sein Team bereits beraten.

Zu diesem Team gehört auch Mahmoud Hassino. Der Journalist ist selbst schwul und aus Syrien nach Berlin geflohen. Hier hat er politisches Asyl bekommen. Bereits in seiner Heimatstadt Damaskus engagierte sich der 40-Jährige für die Rechte von Homosexuellen und kämpfte gegen die Unterdrückung durch das Assad-Regime.

Unter einem Pseudonym schrieb der Journalist im Internet einen Blog über das schwule Leben in Syrien. Später gründete er das erste schwule Magazin des Landes – „Mawaleh“, arabisch für Nüsse, in Anlehnung an die Pistazien und Mandeln, Haselnüsse und Cashew, die es in Syrien überall zu kaufen gibt.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

„Vor dem Aufstand gab es eine lebendige Schwulenszene in Damaskus, wir trafen uns in Bars und Cafés“, erzählt er. Doch seit 2011 die Demonstrationen gegen Präsident Assad und damit der Bürgerkrieg begann, werden auch Andersliebende mehr und mehr vom Staat verfolgt: „Schwule, Lesben und Transsexuelle werden von Polizei und Geheimdienst erpresst und verhaftet. Wer nicht ins Gefängnis will oder verhindern möchte, dass die Familie von der sexuellen Orientierung erfährt, muss viel Geld bezahlen“, sagt Hassino. Wissen Verwandte davon, kann das tödliche Folgen haben: In Syrien werden Homosexuelle immer wieder von ihren Brüdern oder Cousins ermordet, die damit die Familienehre retten wollen. Auch der Islamische Staat bringt Homosexuelle um, stürzt sie von Häusern oder steinigt sie.

Angst vor dem Dolmetscher

Neben der Situation in seiner Heimat kennt Hassino, der im Juni 2014 nach Berlin kam, auch die Stationen des Asylprozesses in Deutschland. Er weiß, wie es ist, mit nichts in der Hand in der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Berlin warten zu müssen und sich dort registrieren zu lassen. „Ein großes Problem sind die Dolmetscher während des Asylverfahrens“, sagt er: „Sie kommen oftmals aus demselben Land wie die Flüchtlinge, arbeiten für die Botschaft und sind homophob.“ Sie würden ihre Macht missbrauchen und sich einmischen, das habe er selbst erlebt.

Mahmoud Hassino über Angriffe auf queere Flüchtlinge in Berlin
Homo- und transsexuelle Flüchtlinge sind in Berliner Gemeinschaftsunterkünften Übergriffen durch ihre Mitbewohner ausgesetzt. Mahmoud aus Syrien erzählt davon.

Aus Angst, dass die Familie zu Hause durch den Übersetzer von der sexuellen Orientierung erfährt, würden viele Flüchtlinge sich nicht trauen, darüber zu sprechen – obwohl es ihnen Vorteile im Verfahren bringen könnte. „Es fehlen Ansprechpartner und Sozialarbeiter, die sich mit dem Thema Homosexualität auskennen und sensibel damit umgehen“, sagt Hassino. Das Wichtigste seien jedoch sichere Unterkünfte, in denen traumatisierte Flüchtlinge keine Angst vor Anfeindungen und Übergriffen haben müssen.

Rettendes Zimmer in Neukölln

Ein solches Heim ohne Angst hätte sich Kussay gewünscht. Als er die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, fand er im vergangenen Dezember ein kleines Zimmer in einer WG in Neukölln. Für ihn ein Lichtblick, nach sieben Monaten im Flüchtlingsheim in Lichterfelde. „Noch am selben Tag bin ich dort eingezogen“, sagt er und lächelt. Mit einem Schlag fühlte er sich glücklich – so glücklich, dass er nicht einmal schlafen konnte. Inzwischen hat Kussay politisches Asyl bekommen und darf somit in Deutschland bleiben.

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich entspannen kann – und mich nicht wie ein Krimineller fühle: Überall, wo ich vorher gelebt habe, war es illegal, schwul zu sein“, sagt er und zeigt seine silbernen Ohrringe. „Die hätte ich in Syrien nie tragen können.“

So richtig gewöhnt an diese neugewonnene Freiheit hat er sich noch nicht. „Einen Mann auf der Straße küssen, das könnte ich nicht, nach 37 Jahren in der arabischen Welt“, sagt Kussay. Es berühre ihn, wenn er Menschen sehe, die so frei sein können. „Berlin ist für mich mehr Zuhause als jede andere Stadt. Hier kann ich zum ersten Mal ich selbst sein.“