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Berliner Zeitung | Besuch auf der Frühchenstation der Charité: Eine Handvoll Mensch
07. January 2016
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Besuch auf der Frühchenstation der Charité: Eine Handvoll Mensch

Elisabeth Krainer mit ihrem Sohn Theodor. Er wurde zwei Monate vor dem Termin geboren und wog 1 915 Gramm. Sein Bruder war 200 Gramm leichter.

Elisabeth Krainer mit ihrem Sohn Theodor. Er wurde zwei Monate vor dem Termin geboren und wog 1 915 Gramm. Sein Bruder war 200 Gramm leichter.

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akud/Lars Reimann (2)

Eine dünne Scheibe aus Kunststoff trennt Elisabeth Krainer von ihrem Sohn. Theodor, so heißt der Winzling, ist gerade mal vier Tage alt und bis auf eine sehr, sehr kleine Windel und Mini-Söckchen völlig nackt. Drei Elektroden kleben auf seinem mageren Brustkorb, sein Puls ist an einem Monitor abzulesen. Theodors kleines Herz, das gerade mal so groß ist wie eine Walnuss, schlägt zurzeit etwa 120 Mal pro Minute, also ganz normal. So sehr sich seine Mutter auch freut über seine Geburt – Theodor ist am falschen Ort. Denn eigentlich sollten er und sein Zwillingsbruder Ferdinand noch zwei weitere Monate in Dunkelheit und ohne Atemluft verbringen dürfen – im Bauch ihrer Mutter. Weil sie vorzeitige Wehen hatte, mussten die beiden Jungen mit Kaiserschnitt geholt werden. Mit 1 745 und 1 915 Gramm war jeder von ihnen knapp halb so schwer wie ein durchschnittliches Neugeborenes. Zwei Monate fehlten ihnen in der Entwicklung – das klingt nicht viel. In einer Schwangerschaft ist das eine halbe Ewigkeit.

Beheiztes Kinderbettchen

Ferdinand und Theodor sind Frühchen, und mussten deshalb ihre ersten Lebensmonate auf der Neonatologie der Charité auf dem Campus Virchow in Wedding verbringen – jeder in einem Inkubator, einem mit Deckel verschlossenen Brutkasten, in dem das Bettchen beheizt wird und in dem die Luftfeuchtigkeit reguliert werden kann. Auf jeder Seite des Brutkastens befinden sich große Löcher, durch die Mutter, Ärzte oder Krankenschwestern hineingreifen können, um sich um die Kleinen zu kümmern. Unzählige Mal hat Elisabeth Krainer in die Brutkasten ihrer Söhne gefasst, die kleinen Körper mit den winzigen Händchen gestreichelt. „Ein Kind ist ein großes Wunder“, sagt die 32-Jährige. „Es ist unbeschreiblich.“

Theodor und Ferdinand sind zwei von etwa 1 700 Säuglingen, die jedes Jahr in der Neugeborenenabteilung der Charité versorgt werden – rund um die Uhr, im Drei-Schicht-System, und selbstverständlich auch zu Weihnachten und Neujahr. Die Kinder, von denen einige sogar Monate in der Klinik verbringen, kamen zu früh auf die Welt oder mit so schweren Erkrankungen, dass sie medizinisch betreut werden müssen. Theodor und Ferdinand waren zwar nicht krank im ärztlichen Sinne, brauchten aber dennoch rund um die Uhr Betreuung. „Vor allem Darm, Lunge und Wärmeregulation stellen die größten Probleme bei Frühchen dar“, sagt Christoph Bührer, Leiter der Neonatologie, die sich auf zwei Standorte in Mitte und Wedding erstreckt.

Ernährung per Magensonde

Weil die Zwillinge weder allein trinken noch viel Nahrung verarbeiten konnten, wurden sie zunächst über eine Magensonde ernährt, und vorerst war auch die Menge winzig: Alle drei Stunden wurden ihnen zehn Milliliter Milch verabreicht – etwa ein Esslöffel voll. Nicht selten schliefen die beiden Jungen sogar, wenn die Nahrung bei ihnen im Magen ankommt – so, wie es im Mutterleib auch gewesen wäre.

Noch vor 100 Jahren hätten Säuglinge wie Theodor und Ferdinand nicht überleben können. Fast jedes dritte Neugeborene starb Ende des 19. Jahrhunderts, und Frühgeburten hatten erst recht keine Chance. Anfang des 20. Jahrhunderts, im Jahr 1909, wurde auf Initiative der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria in Charlottenburg eine erste Einrichtung zur Verminderung der Säuglingssterblichkeit gegründet. Dort gab es erstmals auch eine Station für Frühgeborene – der Vorläufer der Neonatologie der Charité. Heute kümmern sich dort etwa 250 Mitarbeiter um das Überleben der allerkleinsten Patienten.

Obwohl vieles in der Neugeborenenmedizin zugleich Hochleistungsmedizin ist, gibt es doch auch ganz einfach Dinge, um den Frühchen und ihren Müttern den Start ins gemeinsame Leben zu erleichtern. Die Känguru-Methode zum Beispiel, bei der die Frühchen der Mutter oder dem Vater eine Weile auf den nackten Oberkörper gelegt werden – ebenfalls nackt, aber zugedeckt. „Menschen brauchen Körperkontakt“, sagt Christoph Bührer zur Erläuterung. Die Känguru-Methode sei gut für die Eltern-Kind-Bindung und helfe, Schuldgefühle abzubauen, die viele Frauen nach Frühgeburten empfänden. Ursprünglich stamme diese Methode aus dem kolumbianischen Hochland, wo der Hautkontakt dem Warmhalten der Kinder diente.

Eltern können rund um die Uhr dabei sein

Es ist noch gar nicht so lange her, da wäre diese Känguru-Methode undenkbar gewesen in einer deutschen Klinik. „Noch vor 30 Jahren durften die Mütter die Frühchen nur einmal pro Woche für eine Stunde sehen“, sagt Christoph Bührer. Heute könnten die Mütter und die Väter rund um die Uhr dabei sein, das sei sogar gewünscht. Sahen Ärzte und Schwestern die Eltern früher als Konkurrenten, die ihnen in die Arbeit hineinredeten, seien sie heute Partner.

Trotz aller Partnerschaft befinden sich aber auch die Eltern meist in einer Ausnahmesituation. „Es sind ja nicht nur ihre Kinder zu früh auf die Welt gekommen, auch sie selbst sind zu früh Eltern geworden“, sagt der Klinik-Chef. Heute wisse man, wie wichtig Verhalten und Wissen der Eltern für die weitere Entwicklung der Babys seien. Aus diesem Grund gründete die Charité als erste Klinik in Deutschland 1994 eine eigene Elternberatung. Die wird extrem gut angenommen und ist aus dem Stations-Alltag nicht mehr wegzudenken.

„Die Eltern von Frühchen sind mental noch gar nicht in ihre Elternrolle gewachsen“, sagt Kerstin von der Hude, die die Eltern-Beratung mitgegründet hat und zuvor sieben Jahre in der Neonatologie gearbeitet hat. Während andere Eltern das Kinderzimmer einrichten könnten, seien Frühchen-Eltern mit Gefahren für ihr Neugeborenes konfrontiert. „Das macht hilflos und verursacht Ängste und Sorgen.“ Hinzu komme, dass die Eltern ihre Babys nicht einfach in den Arm nehmen können, sie nicht spazieren fahren oder baden können. „Stattdessen kommen sie in eine Klinik und sind darauf angewiesen, dass ihnen jemand erklärt, was sie mit dem Kind machen sollen. Viele trauen sich nicht, ihr Kind anzufassen, manche haben auch Angst vor ihnen.“ All das seien erschwerte Bedingungen für einen Beziehungsaufbau.

An der Charité sind die sechs Elternbetreuer mit die wichtigsten Ansprechpartner. „Wir haben Kinder, die sind mehrere Monate bei uns“, sagt Kerstin von der Hude. Während dieser Zeit würden die Eltern 150 bis 175 Menschen begegnen – „von der Putzfrau bis zum Chefarzt.“ Die Familienbegleiter seien deshalb eine Art Konstante, „und wir lernen die Eltern auch richtig gut kennen“.

Auch Sterbefälle werden begleitet

Doch die Eltern-Begleitung beschränkt sich nicht auf Frühchen – von der Hude und ihre fünf Kolleginnen betreuen auch Eltern, deren Neugeborenes auf der Station stirbt. Etwa 40 Mal im Jahr geschieht das auf der Neonatologie der Charité. „Die Trauerbegleitung ist eine sehr sinnvolle Arbeit“, sagt die 49 Jahre alte Elternberaterin. Es falle Eltern sehr, sehr schwer zu ertragen, dass ihr Neugeborenes nicht leben wird. Zugleich aber sei wichtig, dass es vorher einen Platz in der Familie bekommt. „Auch dabei helfen wir den Eltern.“ Sie beim Abschied von ihrem Baby zu begleiten, sei auch für die Elternbegleiter nicht leicht, sagt von der Hude. Doch das Sterben sei die Ausnahme. „Wir haben ja viele Familien, die mit ihren Kindern nach Hause gehen können.“

Elisabeth Krainer und ihr Mann haben ihre beiden Söhne am Montag aus der Charité nach Hause holen können, die Jungen wogen 2 200 und 2 300 Gramm. „Weihnachten war ich auch bei ihnen“, sagt die junge Frau, die jeden Tag im Krankenhaus bei ihren Kindern war. In dieser Zeit ist auch das Kinderzimmer fertig geworden. „Das hat mein Mann gemacht“, sagt die zweifache Mutter. Vor der Geburt der Kinder sei einfach keine Zeit gewesen.