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Bewerbung um die Olympischen Spiele: Lautstarkes Gebrüll beim Bürgerforum zur Olympia-Bewerbung

Der Mann links im Bild ist Berlins Regierender Bürgermeister, rechts zwei Gebärdendolmetscherinnen, in der Mitte ein Plakat.

Der Mann links im Bild ist Berlins Regierender Bürgermeister, rechts zwei Gebärdendolmetscherinnen, in der Mitte ein Plakat.

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DAVIDS/Darmer

Man konnte schon ahnen, dass etwas nicht stimmt. Der Senat hatte am Donnerstagabend die Bürger zu einem sogenannten Bürgerforum ins E-Werk in Mitte eingeladen, um über die mögliche Olympia-Bewerbung zu diskutieren.

350 Plätze gab es, längst nicht alle waren vergeben, aber weil es nun mal dazugehört, hatten das Nolympia-Bündnis trotzdem eine Kundgebung an der Wilhelmstraße angemeldet, auch das radikalere Bündnis „Olympia verhindern“ rief zur Teilnahme auf.

Und dann standen da gerade einmal 17 Leute an der Zufahrt des E-Werks, unter ihnen Judith Demba, Veteranin des Olympia-Widerstands der frühen 90er-Jahre, und Gabriele Hiller, sportpolitische Sprecherin der Linkspartei. Sie sangen ein wenig, hielten Transparente in die Luft, verteilten Flugblätter. Und das sollte alles an Widerstand gewesen sein? War’s natürlich nicht. Aber davon später mehr.

Schreib’s auf den Tisch!

Für ein etwas überraschendes Konzept hatte sich die Senatskanzlei entschieden. Als einziges Senatsmitglied war der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) anwesend, den Großteil des Abends bestritten jene Mitarbeiter aus den Verwaltungen, die das Olympiakonzept erarbeiten. Warum er allein gekommen war, erklärte Müller selbst. „Wir halten uns bewusst zurück, wir wollen ja hören, was Sie sagen.“ Warum die Anwesenheit weiterer Senatoren, zum Beispiel von Sportsenator Frank Henkel (CDU), dabei gestört hätte, erklärte er nicht so genau.

Aber es hätte wohl auch keinen Unterschied gemacht, denn zu hören, was die Bürger sagen, war ausgesprochen schwierig, weil eine Gruppe von Störern, es mögen zwanzig oder dreißig gewesen sein, permanent rumbrüllte. Der Senat vertritt das Konzept der dezentralen Spiele, die überall in der Stadt stattfinden sollen. Die Störer vertraten das Konzept des dezentralen Protests, der überall im Saal zu sein schien. Das Publikum saß nämlich in kleinen Grüppchen an runden Tischen. Auf die Papiertischdecken sollten sie ihre Anregungen und Gedanken schreiben, erklärten die Moderatoren, ein Mann mit Kastenbrille und eine Frau mit Rastazöpfen. Alle Beiträge würden dokumentiert.

Die Störer, sie waren überwiegend jung und verstanden sich offensichtlich als Linke, saßen verteilt an verschiedenen Tischen. Es ging ihnen aber nicht darum, möglichst viele Tischdecken beschreiben zu können, sondern die Anwesenden möglichst effektiv zu beschallen. Das taten sie mit nur kurzen Pausen, allerdings waren dem Gebrüll nur selten konkrete Wortfetzen zu entnehmen. Mal ging es um zu hohe Mieten, mal um die Anwesenheit der „politischen Polizei“ im Saal. Gemeint war Müllers Leibwächter.

Die Moderatoren hatten sich zwar auf eine solche Situation vorbereitet, wirkten dann aber doch überwältigt. Hin und wieder versuchten sie die Störer einzubinden und ließen sie ans Mikrofon. Das Mikrofon selbst halten durften sie dann aber nicht.


Grafik: Berliner Zeitung/Rita Böttcher, Anja Kühl
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Es wurde nicht besser, als eine junge Frau in den Saal brüllte, einer ihrer Mitstreiter sei vor dem Gebäude festgenommen und in Handschellen abgeführt worden. Das stimmte nicht, die Polizei hatte lediglich einen Sachverhalt geklärt und den Mann dann gehen lassen. Sie sei ratlos, sagte Senatssprecherin Daniela Augenstein. Da biete man nun den Dialog an, den die Bürger zuletzt beim Tempelhof-Volksentscheid einforderten. Aber wie solle man es denn anstellen, damit er funktioniert?

Schubsen half auch nicht

Ein Bürger, der tatsächlich zuhören wollte, probierte es mit robuster Zivilcourage und schubste einen der Störer unsanft. Half nicht, dieser brüllte daraufhin umso lauter. Vielleicht hätte Linke-Abgeordnete Gabriele Hiller vermitteln und den Störern die Grundlagen der Diskussionskultur vermitteln können, aber sie johlte stattdessen mit und freute sich über die „engagierten jungen Leute“.

Drei Stunden dauerte die Veranstaltung, erstaunlich viele Bürger blieben bis zum Ende. Die nächste Veranstaltung, eine sogenannte „Bürgerwerkstatt“, findet am 26. Februar statt. Mal schauen, wer dann am lautesten brüllt.