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Bezirke in Berlin: Wo ist man in Berlin ein Berliner?

Lebkuchenherz für Berlin-Fans

Lebkuchenherz für Berlin-Fans

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imago

Helmut Hampel erinnert sich: „In ein paar Kneipen in Prenzlauer Berg hingen Fotos von mir. Darunter stand: Gebt diesem Mann kein Bier!“ Das mag harmlos klingen, doch Hampel hat es tief getroffen. Und selbst heute, 15 Jahre danach, ist ihm die Zeit noch sehr präsent, als aus den Bezirken Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg einer wurde: Pankow, einfach nur Pankow.

Im Jahr 2001 war der heute 79-jährige Helmut Hampel Fraktionsvorsitzender der SPD im Bezirksparlament von Alt-Pankow, wie heute manche sagen. Es war die Zeit der Bezirksreform, aus 23 Bezirken sollten 12 werden. Hampel hat damals sehr gehadert mit der Fusion zum Großbezirk im Nordosten. Das sei eine „Zwangsehe“. Vollends absurd sei die Entscheidung gewesen, mit Prenzlauer Berg zusammenzugehen. Mit Weißensee – das habe er sich noch vorstellen können, „weil beide einen dörflichen Charakter haben“. Das urbane Prenzlauer Berg aber hätte besser zu Wedding gepasst. „Eines Morgens hieß es aber einfach: Ihr macht das so!“

Sieg der Pankower

Für Hampel war aber klar: Wenn man sich schon dem „Diktat aus Berlin“ beugen musste, dann musste wenigstens der Namen stimmen: Pankow. Etwas anderes kam für ihn nie infrage. Hampel kämpfte für den Namen Pankow – über Parteigrenzen hinweg und gegen zum Teil mächtigen Widerstand. Einer seiner Gegenspieler war der Vorzeige-Prenzlauer-Berg-Bewohner Wolfgang Thierse, damals schon Bundestagspräsident.

Am Ende des monatelangen Kampfes siegten die Pankower, was sie dann auch in einer Kneipe laut feierten. „Zu laut“, wie Hampel zugibt. Und deswegen also gab’s anschließend kein Bier für ihn in mancher Kneipe in Prenzlauer Berg. Ihn, so sagt er, habe der Namenskampf damals „einige Freunde gekostet“. Er sei dabei krank geworden und habe sich schließlich von allen politischen Funktionen zurückgezogen.

Wann also ist ein Pankower ein Pankower? Oder bleibt er ewig Weißenseer oder einer aus Prenzlauer Berg? Gibt es vielleicht gar keine Identität von Berlin? Vielleicht gibt es doch zwölf Identitäten? Oder 112 – so viele, wie es Ortsteile gibt.

Spandau bei Berlin

Ein paar Kilometer westlich von Pankow stellt sich die Frage nicht. In Spandau ist man Spandauer. Das ist spätestens seit dem Jahr 1197 so, als die Burg Spandau erstmals urkundlich genannt wurde – genau 40 Jahre also, bevor Berlin erwähnt wurde. Doch eigentlich, so lernt es bis heute jedes Spandauer Schulkind, ist Spandau noch älter.

Jedenfalls stand bereits im 10. Jahrhundert an der Stelle, wo die Spree in die Havel mündet, eine befestigte Burganlage. Am – ja – Stolz, Spandauer zu sein, vermögen auch alarmierende Sozialdaten nichts ändern, die die Havelstadt als Verlierer der zunehmenden Verdichtung Berlins kennzeichnen.

Auch Rainer Fedke ist Spandauer, Kladower. Bis heute sagen Kladower, wenn sie in die Spandauer Altstadt fahren, sie fahren „in die Stadt“. Wenn sie aber zur Wilmersdorfer Straße oder gar zum Zoo fahren, fahren sie „nach Berlin“.

Mit solchen Spitzfindigkeiten hat Rainer Fedke nichts am Hut. Er arbeitet auf seine Weise an der Identität Spandaus. Er poliert das Ballhaus Spandau auf, eine Ausgeh-Institution an den Havelniederungen in Tiefwerder. Das Ballhaus gibt es seit Anfang der 70er-Jahre, unbescheiden nennt es sich „die älteste Rock-Disco Europas“ – was vor allem etwas über das Genre Rock-Disco aussagt. Jedenfalls genoss das Ballhaus jahrzehntelang den Ruf eines entspannten Feierortes.

Der Legende nach lernten sich hier Dirk Felsenheimer aus Spandau und Jan Vetter aus Frohnau kennen – später gründeten sie als Bela B und Farin Urlaub die Punkband Die Ärzte. Einst lernte Rainer Fedke hier seine heutige Frau Andrea kennen, später legte er als DJ Rockmusik auf. Alles war gut, die Welt war klein.

Anfang dieses Jahrzehnts lag das Ballhaus darnieder, es musste schließen. Seit etwas mehr als einem Jahr ist Fedke jetzt der Chef im Ballhaus. Zusammen mit seiner Frau Andrea und Sohn Dennis will er den Ort wiederbeleben. Besonders stolz ist Familie Fedke auf die die Partyreihe We love Oldschool. Das ist feinster HipHop, goutiert von – so schätzt es der 28-jährige Dennis – „90 Prozent Spandauern. Aber es kommen auch immer mehr Leute aus anderen Bezirken dazu“.