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Bild der Woche: Sind Kreuzberger Katzen blau?

Alles Wesen, die im Ungewohnten leben? Marcus Webers „G-Park (Görli)“, 2011, gemalt mit Ölfarbe auf Nessel, vereint das ganze Bildpersonal und jene Gegend, die der Maler täglich erlebt. Er hat sein Atelier in Kreuzberg, ganz nahe am Kotti.

Alles Wesen, die im Ungewohnten leben? Marcus Webers „G-Park (Görli)“, 2011, gemalt mit Ölfarbe auf Nessel, vereint das ganze Bildpersonal und jene Gegend, die der Maler täglich erlebt. Er hat sein Atelier in Kreuzberg, ganz nahe am Kotti.

Foto:

Galerie Kai Hoelzner

Berlin -

Ist das real oder eine Stadtwelt aus Fantasterei? Alles passiert gleichzeitig: die Parkbank dient blaulilagrün totalverhüllten türkischen Frauen mit Punktpantoffeln zum Plausch. Der Radfahrer rast auf einer fröhlich rosa Parkwegpiste schier aus dem Bild hinaus. Das scheue, aber neugierige Eichhörnchen steckt das Maul in den Bildrand. Dazu gibt es freche Spatzen auf kahlen Ästen, dreiste Elstern, denen nichts entgeht, während sie sich direkt auf dem Fahrtweg niederlassen. Schließlich lauert unten eine blaue Katze, der ich – wo und auf welchem Gemälde von Franz Marc? – schon mal begegnet bin.

Skurril, von allerlei Stadtgetier, merkwürdigen Mischwesen und kopflosen Leuten bevölkert ist die Bildwelt Marcus Webers, die er soeben in der kleinen Westentaschengalerie von Kai Hoelzner am Kotti-Merkezi ausbreitet. Der 47-Jährige, der – im Wechsel mit der eigenen Kunst – Ausstellungen anderer Maler kuratiert, war einst Meisterschüler von Alfonso Hüppi an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit Jahren lebt er in Berlin, sein Atelier liegt gleich um die Ecke vom Kottbuser Tor. Und die Gegend um den Kotti verschafft ihm auch das Personal und die Stadtlandschaft für seine Bilder: all die Farbtöne, die in merkwürdige Formen übersetzten Geräusche, Gerüche, Stimmungen. Alltagsfetzen allesamt, als stückweise, fast comic-hafte, auch popartige Erzählschleifen. Und auch ein bisschen so, als sei das alles mit einer Kamera geschossen, fix ins iPhone eingespeist, wo dann einer die Bildfragmente hin-und her wischt.

Und da schweben, baumeln, ragen außerdem über Straßen, Plätzen, Leuten, Vögeln diese Gebilde aus der Kunstgeschichte der Vor- und Nachkriegsmoderne: bunte biomorphe Formen, amöben- und krakengleich, mit Augenformen wie bei Hans Arp, dem frühen Ernst Wilhelm Nay, bei den Surrealisten Miró und Tanguy. Blaue, grüne, schwarze, signalrot umrandete Tetraeder bammeln über den Frauen auf der Bank in ihren unförmigen Hüllen. Diese Formen hätten keine überbetonte Bedeutung, meint der Maler. Es seien bloß Konstrukte, die das Bild zusammenhielten.

Das Bild nennt er „G-Park (Görli)“. Die Figuren bleiben merkwürdig anonym und passiv, dafür gibt Weber den Tieren eine menschliche Mimik. So gerät das Ganze zum grotesk-fröhlichen und denkwürdigen kafkaesken Wechselspiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Ist das Kreuzberg? Der Maler lässt die Antwort offen. Ihm geht es um Typen, die im Ungewohnten leben müssen. In einer Umwelt, in der sie sich nicht wiedererkennen. Aus dem Süden (Anatolien?) Weggegangene etwa, die hier nie richtig angekommen sind. Das Thema Migration klingt an, aber nur ganz vage, ohne politische Penetranz, ohne soziale Anklage. Man kann jede Menge assoziieren. Identifizieren jedoch muss man sich nicht, denn Weber zeigt uns nur seine Art des Sehens. Und er stellt im gleichen Moment das in Frage, was wir zu sehen glauben. Er möchte, dass man seine Bilder nicht linear betrachtet, sondern eher in einer Art synaptischen Denkens. Denn er übertreibt in seinen Darstellungen mit liebevoller Akribie. Und der Spaß, den er offensichtlich beim Malen von typisch „Kreuzberger Szenen“, auch der Mantelfrauen auf der Parkbank, hat, ist ohne Unterton von Ironie und Sarkasmus. Und das tut gut!


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