blz_logo12,9

Bild der Woche: Soziale Kälte in Berlin

„… mit zwei Vermummten“, 2014, Mischtechnik auf Nessel/MDF.

„… mit zwei Vermummten“, 2014, Mischtechnik auf Nessel/MDF.

Foto:

Galerie Poll/Volker Stelzmann/VG Bild-Kunst Bonn 2015

Ein ungnädiger, mürrischer und ungehaltener Gott ist Regisseur dieser Szenen: zwei Vermummte, fast Verschleierte, von denen man nur die Augen sieht, blaue und braune, neben Kapuzen- und Mützenträgern, deren maskenhafte, kalte Gesichter deutlich zu sehen sind. Alles in diesem aggressiv-starren Motiv ist Wut und Hass. Links? Rechts? Ist es eine Zusammenrottung vor einem Migrantenheim? Oder Pegida? Aber warum dann dazwischen diese Dschihadisten- Maskierung? Oder der japanische Ninja-Kämpfer? Auskunft bleibt der Maler uns schuldig. Die Antwort sollen wir wohl selber finden.

Geradezu suggestiv wirken die Hände der seltsamen Mummenschanz-Gesellschaft, die der Berliner Maler Volker Stelzmann erst vor wenigen Monaten auf die Leinwand setzte: die Finger gespreizt, merkwürdig verkrampft, oder zum Victoria-Symbol erhoben, zur Faust geballt, gestikulierend oder aber hilflos empor gehoben – wie die des Schlips- und Brillenträgers links hinten. Vielleicht ist er ein Politiker, ein Pfarrer, ein Lehrer – jedenfalls ein amtlicher Mensch. Einer, der trotz seines Wissens, Sehens, Beurteilens der Situation nichts auszurichten imstande ist. Weder mit Worten, noch mit verstörter-beschwörender Geste.

Einer aber, der zweite Kapuzenmann von rechts, scheint nicht dazuzugehören. Eher steht, ja, taumelt er mit erhobenen Armen in der schwarzen Gruppe, als würde er untergehen: Ein blasses, asketisches, fast mönchisches Gesicht, trancehafte Züge, die Augen niedergeschlagen. Stoisch? Oder verschämt? Der vergeistigte Mann gehört jedenfalls nicht hinein in den Hexenkessel aus Unmut, Vorurteil, Kampflust, Lauern, Voyeurismus, Ratlosigkeit.

Etliche der Männer (und links im Bild verraten die feinen Augenbrauen und das Make- up eine Frau) tragen Schlagstöcke bei sich, die freilich – und wie verwirrend – auch Pilgerstäbe sein könnten, ähnlich denen, die die biblischen Mühseligen und Beladenen auf ihren steinigen Wegen nutzten. Und dazwischen stehen, gaffen, skandieren Typen mit Basecap und Kopftuch.

Im Gemälde unten schaut ein bartverwuchertes Greisengesicht aus dem nur einen Schlitz weit geöffneten „Stadtzelt“, die Augen rot entzündet, die Fingernägel lang und ungesund blau verfärbt, wie bei einem Toten. Der Alte, Obdachlose schaut aus der zusammengestückelten Notbehausung heraus wie ein – leibhaftiges –Menetekel.

Es ist, als habe Stelzmann hier jene Flüchtlingszelte vom Kreuzberger Oranienplatz verewigt, diese gleichsam biblischen Szenen von Menschen, die keiner haben wollte.

Der Maler, geboren 1940 in Dresden, verweigerte schon zu DDR-Zeiten heile Bildwelten. Daran hat sich nichts geändert, seit er 1986 aus der Leipziger Kunstakademie nach West-Berlin ging. Bis 2006 lehrte er an der Universität der Künste.

Parabeln und Gleichnisse waren Stelzmanns Bilder schon immer. Dieser Maler, ein am Florentiner Pontormo orientierter Manierist, an Matthias Grünewald geschulter Menschenmaler und – wie einst Otto Dix – mit der Farbe fast „ins Auge schneidender“ Verist, beherrscht nicht nur altmeisterliche Lasur-Technik wie Tiefenschärfe; er kennt auch die biblische Geschichte. Genauso, wie er einen scharfen Blick auf die Gegenwart hat. Und so wird in seinen Bildern eins zum anderen: aus dem biblischen Hieronymus etwa ein hilfloser Flüchtling und dessen schützendes Gehäuse zum notdürftigen Zelt.

Stelzmann übersetzt alles, was er im Alltag wahrnimmt, in Körpersprache und eindringliche Physiognomien. Seine oft extravaganten, bis ins Groteske, ja Schmerzhafte zugespitzten Figuren besagen, dass seit biblischen Zeiten wohl Wissenschaft und Technik rasante Fortschritte machen. Nicht aber die humane Empathie.

Ingeborg Ruthe erlebt in den jüngsten Bildern des bald 75-jährigen Volker Stelzmann einerseits den vertrauten, anderseits aber auch einen neuen Menschenmaler. Galerie Poll, Anna-Louisa-Karsch-Str. 8 (an der Museumsinsel). Bis 9. Mai, Di–Sa, 12–18 Uhr. Tel.: 261 70 91