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Bildungsforscher im Interview: Das ist die größte Herausforderung für Berlins Schulen

Kinder spielen auf dem Hof einer Grundschule in Tempelhof.

Kinder spielen auf dem Hof einer Grundschule in Tempelhof.

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imago/Sabine Gudath

Bildungsforscher Marcel Helbig arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin. Er vergleicht die Schulsysteme der deutschen Bundesländer miteinander und hat über den unterschiedlichen Schulerfolg von Jungen und Mädchen geforscht.

Her Helbig, wieso erhalten eigentlich Mädchen bessere Noten als Jungs?

Mädchen strengen sich mehr an, machen häufiger Hausaufgaben, bereiten sich besser auf den Unterricht vor. Ein Junge steckt hingegen oft in dem Dilemma, dass Fleißigsein von den eigenen Kumpels nicht gut geheißen wird. Weniger Anstrengung bei gleicher Kompetenz bedeutet: schlechtere Note.

Mädchen sind also an begehrten Schulen in der Überzahl?

Ja, das führt zu mehr Mädchen am Gymnasium, zu mehr Frauen im Medizinstudium. Denn sie erzielen heute bessere Abiturnoten.

Brauchen wir eine Jungs-Förderung?

Das Grundproblem ist, dass Fleiß in der Schule nicht wirklich zum männlichen Rollenbild zählt. Aus anderen Ländern gibt es dazu Studien: Darin halten Eltern ihre Jungen in der Regel für intelligenter als die Mädchen. Wenn ich aber jemandem suggeriere, er erzielt gute Leistungen aufgrund seiner Begabung, dann wird er sich künftig weniger anstrengen. Vermittele ich aber, Du hast gute Ergebnisse erzielt, weil Du Dich angestrengt hast, dann wird er sich auch beim nächsten Mal mehr anstrengen.

In Berlin können Eltern selbst entscheiden, an welcher Wunschschule sie das Kind anmelden. Im Zweifel kommt es auf den Grundschul-Notenschnitt an und 30 Prozent der Plätze werden verlost. Was halten Sie von diesem Verfahren?

Das ist ziemlich speziell. Berlin ist ja neben Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern das einzige Bundesland, wo die Grundschule sechs Jahre dauert. Sonst sind es ja nur vier Jahre. Gelost wird sonst auch nirgendwo. Generell kann ich sagen: Immer dort, wo der Elternwille betont wird, dürften die besser informierten und gebildeten Eltern Vorteile haben. Gerade im Stadtstaat, wo eine große Auswahl an Schulen zur Verfügung steht.

Gibt es überhaupt genug belastbare Informationen für die Schulwahl?

Seit neuestem werden auf den Schulporträt-Internetseiten der Bildungsverwaltung die Durchschnittsnoten einer Schule beim Abitur und beim Mittleren Schulabschluss veröffentlicht. Aber was heißt das? Aus den Einschulungsuntersuchungen wissen wir, dass es unter Kindern eine extreme Ballung von Sprachdefiziten und körperlich-kognitiven Beeinträchtigungen in bestimmten Gebieten gibt. Ganz besonders krass in Nord-Neukölln oder Gesundbrunnen, wo 60 Prozent der Kinder nicht ausreichend gutes Deutsch sprechen, also nicht fit genug sind für die Schule. Auch im Märkischen Viertel oder Hellersdorf gibt es große Defizite.

Welche Folgen hat das?

Den Grundschulen gelingt es dann oft nicht, diese massiven Sprachdefizite in größerem Umfang aufzufangen. Wenn dann eine Sekundarschule in Neukölln einen Abitur-Notenschnitt von 2,8 erzielt, und es am Gymnasium in Pankow oder Zehlendorf eine 1,5 ist, sagt das wenig über die tatsächliche Schulqualität. Man muss die Ausgangslage der Schüler berücksichtigen.

Welche Informationen wollen Sie?

Es wäre interessant zu wissen, wie die Entwicklung von den Vergleichsarbeiten in der achten Klasse bis hin zum Mittleren Schulabschluss und Abitur war. Hier wäre eine Leistungssteigerung wirklich eine originäre Leistung der Schule.

An Gymnasien wird das Turboabitur nach 12 Jahren abgelegt, an Sekundarschulen ist das nach 13 Jahren möglich. Ist das ein gutes Angebot?

Die Kinder des Bildungsbürgertums werden eher ein Gymnasium besuchen. Von daher ist es gut, dass auch an Sekundarschulen das Abitur abgelegt werden kann und die Kinder gerade aus nicht so bildungsaffinen Elternhäusern dort ein Jahr länger Zeit haben. Nach zwölf Jahren würden einige das Abitur womöglich nicht schaffen.

Aber bestimmte Sekundarschulen mit eigener gymnasialer Oberstufe sind ganz besonders nachgefragt, auch von Akademikereltern.

Ja, das ist interessant und hängt vor allem mit einem Befund zusammen: Im Grunde hat sich nach der Schulstrukturreform vor fünf Jahren das alte dreigliedrige Modell reproduziert. Die Gymnasien sind Gymnasien geblieben, es hat sich nichts geändert. Die ehemaligen Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe werden weiter stark angewählt. Und dann gibt es die Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe, die aus der Fusion von Haupt- und Realschulen entstanden sind. Dort fehlt es oft an Akzeptanz und einer breiten Schülermischung. In Bremen hat man etwas anderes gemacht.

Was denn?

Man hat auch nur noch zwei Typen weiterführender Schulen. Aber Bremen hat die Zahl der Gymnasialplätze begrenzt. Vorher sind 45 Prozent der Oberschüler aufs Gymnasium gegangen, jetzt nur noch 25 Prozent. Die zweite Schulform neben dem Gymnasium, die Oberschule, wurde dadurch aufgewertet. Dort gehen jetzt auch mehr leistungsstarke Schüler hin. In Berlin hingegen werden viele Sekundarschulen ohne eigene Oberstufen nicht weit von den Restschul-Indikatoren entfernt sein, die früher die Hauptschulen aufwiesen.

Ist es in Berlin besonders einfach, das Abitur zu machen?

Wir haben in Berlin eine hohe Abiturientenquote bei gleichzeitig schlechten Kompetenzen in Mathe und Lesen. Bundesweit haben wir ja ohnehin einen alarmierenden Befund: Je besser ein Bundesland bei Pisa abgeschnitten hat, desto geringer ist der Anteil an Abiturienten. Auch die Benotung ist oft kaum vergleichbar. Wir haben seit Jahren die besten Abiturnoten in Baden-Württemberg und Thüringen, in Berlin sind sie deutlich schlechter. In Thüringen machen ja auch nur gut 30 Prozent eines Jahrgangs das Abitur, in Berlin sind es gut 45 Prozent.

Wie erklären Sie diese Unterschiede?

Die hohen Abiturquoten sind offenbar ein Spiegel der Sozialstruktur. In Berlin oder auch in Hamburg leben besonders viele Akademikereltern, die darauf drängen, dass ihre Kinder auch Abitur machen.

Sie sagen auch, dass der Kiez, aus dem ein Schüler stammt, ihn nachhaltig prägt. Käme also ein Schüler aus Neukölln an einem Zehlendorfer Gymnasium gar nicht zurecht?

Das soziale Auseinanderdriften der Stadtteile wird in den kommenden Jahren die größte bildungspolitische Herausforderung in Berlin sein. Schon jetzt ballen sich sozial Benachteiligte und Migranten in bestimmten Schulen. Den Schülern dort fehlen häufig die Vorbilder, viele Eltern sind lange arbeitslos. Die soziale Lage wird sich durch die steigenden Mieten noch verschärfen. Schon jetzt werden ärmere Menschen etwa aus Moabit nach Wedding verdrängt.

Interview: Martin Klesmann