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Berliner Zeitung | Bischof Markus Dröge: „Religiöses Leben gehört in die Öffentlichkeit“
26. February 2016
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Bischof Markus Dröge: „Religiöses Leben gehört in die Öffentlichkeit“

Bischoff Markus Dröge

Bischof Markus Dröge will stärker zeigen, dass Religion ein Friedensfaktor und ein sozialer Faktor für die Gesellschaft ist.

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Markus Wächter

Der evangelische Bischof Markus Dröge ist der Ansicht, noch nie sei es so wichtig gewesen, sich intensiv mit Religion zu beschäftigen. Über aktuelle Herausforderungen und die Frage, was Glauben heute bedeutet, sprachen wir mit ihm.

Bischof Dröge, mit den Flüchtlingen kommen viele Muslime in die Stadt. Haben Sie Angst, bald in der Minderheit zu sein?

Nein, das nicht. Aber die Flüchtlingsfrage bindet Kräfte. Wir erreichen unheimlich viel und genießen hohes Vertrauen bei der Politik. Wir sind eine starke Kraft, um Flüchtlingen bei der Integration zu helfen.

Wie wichtig ist Ihnen das Thema Flüchtlinge?

Es betrifft alle Ebenen der kirchlichen Arbeit, ob wir mit Politikern sprechen oder mit den Gemeindemitgliedern. Wir spüren, mit wie viel Engagement die ganze Kirche dahinter steht. Neu erleben wir aber die Feindschaft, die uns von rechtspopulistischen Kräften begegnet.

Wie wirkt sich die aus?

In Neuhardenberg wurden ehrenamtlichen Mitarbeitern im September die Autos angezündet. Sie gehörten Menschen, die sich in einem Willkommenskreis für Flüchtlinge engagieren. Ich war entsetzt, dass Menschen, die helfen, in dieser Weise angegriffen werden.

Hatte das Folgen?

Es schreckt diejenigen, die sich engagieren, jedenfalls nicht ab. Sie sagen: Jetzt erst recht. Sie werden gesellschaftlich aktiver und erheben Politikern gegenüber Forderungen: Ihr müsst uns jetzt unterstützen.

2015 war das Jahr der Willkommenskultur

Fühlen sich diese Menschen überfordert?

Das kommt jetzt. In diesem Jahr spüren wir deutlich, dass wir und die ehrenamtlichen Helfer und Organisationen mehr Unterstützung brauchen. 2015 war das Jahr der Willkommenskultur, jetzt brauchen wir eine Willkommensstruktur. Dafür brauchen wir von staatlicher Seite mehr Hilfe.

Finanziell?

In zweierlei Hinsicht. Es kann nicht so bleiben wie es im vergangenen Jahr vielfach war, als die Ehrenamtlichen für die Grundbedürfnisse der geflüchteten Menschen einspringen mussten. Sie haben Essen beschafft, etwas zu trinken, da müssen die staatlichen Strukturen besser werden, und zum zweiten müssen auch die Ehrenamtlichen Unterstützung finden. Wir machen das in unserer Flüchtlingskirche, wo wir Fortbildungsangebote und Supervision für Ehrenamtliche anbieten.

Gab es noch mehr Vorfälle wie in Neuhardenberg?

In Jüterbog ist ein Gemeinderaum zerstört worden, in dem auch ein Begegnungscafé mit Flüchtlingen angeboten wurde. In Nauen ist eine Unterkunft angezündet worden, bevor die Flüchtlinge kamen. Überall haben die Gemeinden aber gesagt, wir machen weiter. Wir wissen aus soziologischen Untersuchungen, dass es eine neue Form von Gewaltbereitschaft gibt, genährt von rechtspopulistischen Thesen, sodass die Hemmschwelle niedriger wird.

Gab es in Berlin ähnliche Vorfälle?

Wir haben es in Berlin noch nicht erlebt. Rechtspopulisten haben es hier schwerer, weil Berlin an multikulturelles Leben gewöhnt ist.

Der Ost-Teil Berlins ist weniger multikulturell und weniger religiös. Wie wirkt sich das aus?

Wenig Austausch bewirkt Verunsicherung. Die Menschen reagieren misstrauischer auf zuwandernde Muslime. Angesichts des Islamismus weltweit, haben sie die Sorge, dass auch die Muslime hier letztlich radikal werden.

Das Misstrauen richtet sich aber auch gegen die evangelische Kirche. Wie können Sie da hilfreich sein?

Wir haben jetzt das schwierige Phänomen, dass das Misstrauen gegen Religion auch auf uns abfärbt. Wenn man vor 20 Jahren die Leute gefragt hätte, wofür steht die Kirche, hätten sie gesagt, die kämpfen für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Es wäre keiner auf die Idee gekommen, den christlichen Glauben als verdächtig für Gewaltbereitschaft zu sehen. Durch die weltweite Situation begegnet man jetzt aber der Meinung, am besten man lässt Religion außen vor, das scheint die größte Chance auf eine friedliche Gesellschaft zu sein. Ich bin der Überzeugung, dass genau das nicht gut ist. Unsere christliche Botschaft ist Versöhnung, und wir denken, dass wir gerade in der jetzigen Situation gefragt sind. Wenn wir religiöses Leben in der Öffentlichkeit zeigen und diskutieren, dann wird es nicht abgedrängt in extremistische Kreise.

Ist Glaube ein Grund für Auseinandersetzungen?

Ohne Glauben gäbe es diese Auseinandersetzungen vielleicht gar nicht?

Das stimmt eben nicht. Frankreich hat ein laizistisches Konzept, wo Religion nur im privaten Bereich gelebt werden darf, und hat sehr schlechte Erfahrungen damit. Es zeigt sich, dass der Glaube dadurch nicht verschwindet, sondern dass die Kenntnis darüber schwindet und Religionsgemeinschaften in Vereinsstrukturen abwandern, in denen man nicht mehr nachprüfen kann, was gelehrt wird. Es entsteht ein Glaube, der sich nicht mit der Öffentlichkeit auseinandersetzt, weil er abgekapselt ist. Ich halte unser Religionsverfassungsrecht in Deutschland für einen wesentlichen Faktor, warum wir fast gar keinen Extremismus im christlichen Bereich in Deutschland haben. Auch diejenigen, die keine Christen sind, profitieren davon, dass wir eine Kirche haben, die in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung lebt und partnerschaftlich mit der Gesellschaft arbeitet.

Könnte man nicht auch christliche Tradition ohne Glauben haben?

Die christliche Tradition wird sich auf Dauer nicht halten, wenn es keine Menschen gibt, die dazu ein existenzielles Verhältnis haben.

Sehen Sie die Muslime in Berlin als wachsende Konkurrenz?

Nein. Wir sind im Gespräch mit Muslimen. Wir wollen uns um ein friedliches Miteinander der Religionen kümmern, ohne unsere eigene Tradition aufzugeben. Wir wollen nicht strategisch geplant Andersgläubige überzeugen, dass unser Glaube der wahre ist. Gleichzeitig lernen wir, unseren eigenen Glauben darzulegen, das sind wir gar nicht gewöhnt. Ziel ist ein echter Dialog. Wenn wir mit Imamen und Rabbis zusammenkommen, wollen wir zeigen, dass Religion ein Friedensfaktor und ein sozialer Faktor für die Gesellschaft ist.

Haben Sie Verständnis für Überfremdungsängste?

Da müssen wir aufklären. Vielleicht werden wir bei sechs Prozent Muslimen landen. Da kann man nicht von Islamisierung sprechen.

Unterschiede schleifen sich ab?

Wir werden uns als Kirche verändern. Früher war es im Westen selbstverständlich, Christ zu sein. Jetzt müssen wir erklären, was der Glaube an Jesus Christus bedeutet. Ehrenamtliche erleben es jetzt öfter, dass sie gefragt werden, warum sie sich bei der Kirche engagieren. Wir werden sicherlich kleiner werden, aber diejenigen, die glauben, stehen bewusster dazu. Das ist auf der einen Seite gut, weil man den Glauben intensiver lebt, es hat aber auch mit Verlusten zu tun. Wir werden ein Anbieter unter vielen sein.

Das Gespräch führte Julia Haak.

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