Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Bizim Bakkal im Wrangelkiez: Kreuzberger Gemüseladen schließt nun doch
01. February 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23531548
©

Bizim Bakkal im Wrangelkiez: Kreuzberger Gemüseladen schließt nun doch

Bei Ahmet Caliskan (l.) im Laden gab es für Kinder immer eine Extra-Kirsche.

Bei Ahmet Caliskan (l.) im Laden gab es für Kinder immer eine Extra-Kirsche.

Foto:

berliner zeitung/Paulus Ponizak

Ich kann nicht mehr“, sagt Ahmet Caliskan am Montag, „ich bin krank.“ Er zeigt auf ein Schreiben, das er für seine Kunden an die Eingangstür seines Gemüseladens an der Wrangelstraße in Kreuzberg geklebt hat. Dort steht: „Nach vielen sehr schönen Jahren meiner Geschäftstätigkeit im Kiez werde ich zum 31.3.2016 ... das Geschäft schließen.“ Caliskan möchte nicht weiter reden, er will sich lieber um seine Kunden kümmern.

Vor sieben Monaten hatte der Mittfünfziger sich noch kämpferisch gegeben. „Ich gebe jetzt nicht auf“, sagte er damals. Das war, nachdem bekannt wurde, dass Bizim Bakkal schließen sollte, weil der neue Eigentümer des Hauses seinen Vertrag nicht verlängern wollte. Nach 28 Jahren Familienbetrieb. Der Protest im Wrangelkiez war spontan und wurde groß.

Die Initiative macht weiter

„Gentrifizierer raus!“, „Wir sind ein Gemüseladen“ oder „Wir sind das Gemüse“ und ähnliche Plakate waren daraufhin entlang der Wrangelstraße zu sehen. Immer mittwochs protestierten Anwohner gegen die Schließung. Mit Erfolg, denn der Gemüseladen musste letztendlich doch nicht zumachen, der Eigentümer nahm die Kündigung des Mietvertrags zurück. Zu groß war offensichtlich der Druck aus der Nachbarschaft.

Die Initiative „Bizim Kiez“, die sich im Zuge der Anwohnerproteste gegründet hat und wesentlich zur Rücknahme der Kündigung beigetragen hat, will weitermachen. „Wir sind traurig. Aber wir sind der Familie Caliskan auch sehr dankbar“, heißt es auf ihrer Internetseite. Und: „Der Protest der Nachbarschaftsinitiative ist noch lange nicht zu Ende.“

Tatsächlich hat die Initiative durch die organisierten Proteste das öffentliche Interesse geweckt, regelmäßig waren Kamerateams und Journalisten vor Ort, um darüber zu berichten, wie sich eine Straße gegen die Schließung eines Gemüseladens wehrt. Kreuzberg war wieder ein Ort des Widerstands geworden. Eines Widerstands aber, der ohne Krawalle daherkommt – und dennoch effektiv zu sein schien. Die Versammlungen konzentrierten sich zunächst auf Bizim Bakkal.

Doch dann gelang es der Initiative, einen regelmäßigen Nachbarschaftstreffpunkt zu etablieren, auf dem sich Anwohner über ihre eigenen Probleme mit Vermietern austauschten, auf dem Mietexperten und Anwälte mit Anwohnern über Verdrängung und Gentrifizierung diskutierten. Jeden Mittwoch war an der Wrangelstraße was los. Auch die benachbarten Geschäfte profitierten von den Protesten, beispielsweise das Restaurant gegenüber dem Gemüseladen. Auch andere Läden, die in der Gegend angeblich von Schließung bedroht waren, wurden zum Thema.

In dem Schreiben, das jetzt an der Eingangstür des Ladens hängt, steht auch, dass Ahmet Caliskan sich mit seinem Vermieter „sinnvoll verständigen konnte“, eine Einigung wurde demnach erreicht. Ein Nachbar des Gemüseladens sagte: „Schade, dass es trotz Unterstützung nun vorbei ist. Ich bin gespannt, was jetzt dahinkommt.“