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Berliner Zeitung | Blinde Marathonläuferin: „Viele wissen nicht, was Behinderte können“
15. February 2015
http://www.berliner-zeitung.de/1997618
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Blinde Marathonläuferin: „Viele wissen nicht, was Behinderte können“

Regina Vollbrecht mit Cooper, ihrem schwarzen Königspudel. Der Blindenführhund begleitet sie seit sechs Jahren, auch auf dem Arbeitsweg mit Bus und U 6.

Regina Vollbrecht mit Cooper, ihrem schwarzen Königspudel. Der Blindenführhund begleitet sie seit sechs Jahren, auch auf dem Arbeitsweg mit Bus und U 6.

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Markus Wächter

Sie läuft Marathon, Langstrecke und Ironman, spielt Goalball, schwimmt und steigt auf Alpengipfel. 2005 unterbot sie die Weltbestzeit der blinden Marathonläuferinnen. 2010 schaffte sie den Frankfurt-Marathon in drei Stunden, 15 Minuten und 49 Sekunden. Es ist nicht ihr einziger Weltrekord.

Im Sehzentrum an der Möllendorffstraße stellen wir spezifische Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen bereit. Unter anderem lehre ich Punktschrift – Schrift, die ertastet werden kann. Dies ist ein Teil der blindentechnischen Grundausbildung, so lautet die offizielle Bezeichnung. In den Kleingruppen lernen die Blinden aber zum Beispiel auch lebenspraktische Fähigkeiten. Wie finde ich mich zu Hause und draußen im Alltag zurecht? Weil ich selber blind bin, kann ich vorleben, wie es geht und dass es geht.

Wir haben viele Themen, zum Beispiel, wie man in der Küche die Dosen finden kann. Da gibt es einige Möglichkeiten. Man kann mit einer Punktschriftmaschine Etiketten prägen und auf die Dosen kleben. Oder man kann sich die Scancodes vorlesen lassen, etwa vom iPhone. Scancodes sind die weißen und schwarzen Balken, die an der Supermarktkasse gescannt werden und dort dann die Preise angeben.

An fünf von sieben Tagen Sport

Oder Geld abheben: Gegenüber vom Sehzentrum gibt es einen Automaten, an den man einen Kopfhörer anschließen kann und der dann mit einem spricht. Aber das gibt es nicht überall, dann muss man sich mit der Tastatur vertraut machen.

Wir wollen die Blinden und Sehbehinderten so fit machen, dass sie wieder in das Berufsleben zurückkehren können. Natürlich gelingt das nicht immer, denn der Arbeitsmarkt ist einfach nicht so. Aber es gibt auch immer wieder Erfolge. Ich hatte jemanden im Kurs, der früher Kunstpädagoge war, ein studierter Magister. Inzwischen arbeitet er im Managementbereich von Verena Bentele, der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.

Es geht natürlich auch um Mobilität. Wie bewege ich mich durch die Stadt? Wie setze ich den Langstock ein? Wenn ich unterwegs bin, begleitet mich Cooper, mein Hund. Ein Königspudel, den ich seit sechs Jahren habe. Mit ihm fahre und laufe ich entspannter. Außerdem kommt man leichter mit anderen in Kontakt, wenn man einen Hund hat. Gegenüber Menschen ist er zurückhaltend, das ist gut, dass er nicht auf jeden Fremden losstürmt. Was er nicht lassen kann: Er will immer zu anderen Hunden, wenn welche in der Nähe sind. Aber wir verstehen uns sehr gut. Coopi wird jetzt acht.

Ich wohne in Heiligensee und arbeite in Lichtenberg, das ist ein langer Arbeitsweg mit Bus und U-Bahn. Es funktioniert gut, trotzdem gibt es einen Punkt, über den man mal nachdenken sollte. Wenn ich an einer Haltestelle stehe, weiß ich nicht, wohin die Busse und Straßenbahnen fahren. Es wäre gut, wenn es Ansagen gäbe, vorn am Bus oder drinnen. Auf dem Weg von der Wenn ich von der Arbeit komme, muss ich in Alt-Tegel in den Bus umsteigen. Meistens stehen dann an meiner Haltestelle zwei Busse, da muss ich mich entscheiden. Aber von den anderen Fahrgästen kennen mich einige schon.

Ich weiß, dass andere Menschen Berührungsängste haben, wenn sie einen Behinderten sehen. Sie wissen manchmal nicht, wie sie sich verhalten sollen. Da ist zum Beispiel die Frage: Soll ich einem Blinden immer Hilfe anbieten? Ich finde es gut, wie es meine Freunde machen. Sie warten einfach, bis ich sie um etwas bitte. Wenn ich einen Gast habe, bringe ich ihm selber den Kaffee und die Milch, schließlich ist er mein Gast. Und wenn beim Training Matten in der Sporthalle ausgelegt werden müssen, packe auch ich mit an.

Viele wissen nicht, was Behinderte können. Blinde sind verschieden, wie alle anderen Menschen auch. Zu uns kommen auch Menschen, die man erst mal aufrichten muss. Andere haben einen Migrationshintergrund, eine meiner Zusatzqualifikationen ist Deutsch als Fremdsprache. Wieder andere Blinde haben Abitur und waren an einer Hochschule. Ich habe in Potsdam Sozialpädagogik studiert und den Abschluss gemacht. Auch andere haben es geschafft. Aber dann hört man wieder: „Sie arbeiten sicher in einer Werkstatt für Behinderte, oder?“ Wenn ich einen schlechten Tag habe, nervt mich so was schon.

Auf zum London-Marathon

Auch in dieser Woche habe ich viel Sport getrieben, an fünf von sieben Tagen. Das ist mein Ausgleich zur Arbeit, das brauche ich. Ich will nicht herumsitzen. Am Freitag hatte ich Schwimmtraining im Bad am Sachsendamm, das ist schon richtig Leistungssport. Mein nächstes Ziel ist es, Kraulen zu lernen. Und ich bin natürlich wieder viel gelaufen.

Für den Winter habe ich Spikes für die Schuhe. Damit spurte ich bei Eis los, aber natürlich habe ich mich auch in diesem Winter schon mal hingepackt. Aber so ist das eben.

Mit meinen Laufpartnern spreche ich über Gott und die Welt, das sind meine Freunde. Ich laufe nicht nur bei mir in Heiligensee. Am Montag war ich zum Beispiel mit meiner Laufgruppe im Grunewald, auf dem Kronprinzessinnenweg. Am Dienstag ging es nach Adlershof, zum Mauerweg. Ich laufe auch im Treptower Park, ich komme viel herum.

Ich trainiere gerade für den London-Marathon am 26. April. Dann findet auch die erste Weltmeisterschaft der blinden und sehbehinderten Läuferinnen statt. Ich weiß, dass ich die Marathonstrecke wahrscheinlich nicht wieder in drei Stunden und 15 Minuten schaffen werde. Das liegt am Datum, Wintertraining ist anders als Training im Sommer. Doch ich will dabei sein.

Notiert von Peter Neumann.