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Berliner Zeitung | Boiler Room: Techno, Taxi, Türsteher
11. December 2012
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Boiler Room: Techno, Taxi, Türsteher

Big Sven is watching you! Der Star-DJ der 90er, Sven Väth, bei der Arbeit.

Big Sven is watching you! Der Star-DJ der 90er, Sven Väth, bei der Arbeit.

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Getty Images

Berlin -

Zu den interessantesten Veranstaltungsreihen des gegenwärtigen Berliner Nachtlebens zählt zweifellos der Boiler Room, der im Stattbad Wedding abgehalten wird. Dabei handelt es sich um von prominenten DJs durchgeführte Programme, die – obgleich vor Ort vor relativ kleinem Publikum – mit Hilfe des Internet simultan in alle Welt übertragen werden. So kann man als global vernetzter Computerbesitzer bei den regelmäßigen Veranstaltungen in London, Los Angeles, New York oder Berlin live dabei sein und das Geschehen – der besondere Clou! – sogar mit Hilfe sozialer Netzwerke aktuell kommentieren.

Enthusiasmus per Live-Stream

Die Idee kommt aus London, seit 2011 wird der Boiler Room auch in Berlin abgehalten. Im Spätsommer feierte die Reihe hier ihren ersten Geburtstag; in den ebenso engen wie niedrigen Heizungskellerkatakomben des ehemaligen Weddinger Hallenbads standen zum Beispiel Jimmy Edgar, Scuba und Efdemin an den Schallplattentellern. Ich verbrachte dort einen geselligen Abend und schwankte gegen zwei Uhr am Donnerstagmorgen aus dem Club, um mir ein Taxi zu rufen.

Während im Keller drinnen sich noch die globale Internetöffentlichkeit drängt, ist die reale Straße im Wedding um diese Zeit menschenleer, man könnte auch sagen, außer dem Türsteher und mir ist niemand zu sehen. Nach ein paar Minuten kommt schließlich das Taxi – während von der anderen Seite eine Gruppe von laut räsonierenden jungen Männern sich nähert, es könnten vielleicht Austauschstudenten aus Schwaben sein.

„Hey, Taxi! Wir brauchen ein Taxi! Wir wollen nach Kreuzberg!“, rufen sie in die Weddinger Nacht; als der Taxifahrer hält und ich einsteigen will, umringen sie den Wagen. „Das ist unser Taxi!“ – „Nein“, sage ich, „das ist mein Taxi. Ich habe es telefonisch gerufen. Wenn ihr über Telefone verfügt, könnt ihr das Gleiche auch tun.“ – „Nimm uns doch mit! Wir wollen nach Kreuzberg!“ – „Ich möchte aber nicht nach Kreuzberg. Tut mir leid.“ Ich schließe die Tür, der Taxifahrer fährt an. Die schwäbischen Austauschstudenten rufen „Scheiß Taxi“, einer von ihnen schlägt mit der Hand auf das Wagendach.

Woraufhin der bis dahin recht ruhige Fahrer abrupt bremst, herausspringt und mit gesenktem Kopf wie ein wilder Stier in die Austauschstudentengruppe stürmt. „Ihr Wichser“, ruft er, „das ist mein Fahrgast, er hat mich gerufen, und ihr habt gefälligst nicht auf mein Auto zu schlagen! Ich habe Typen wie euch so satt! Verwöhnte Idioten, ihr habt keinen Respekt, Typen wie euch machen mir mein ganzes Viertel kaputt! Ihr glaubt, nur weil ihr aus Stuttgart kommt und reiche Eltern habt, könnt ihr euch in diesem kleinen Scheißtürkenviertel wie offene Hose benehmen...“

Jetzt überwinden die schwäbischen Austauschstudenten ihre Verblüffung und antworten dem Taxifahrer: „Türkenviertel? Alter, du bist ja voll der Rassist!“ Woraufhin der Taxifahrer endgültig explodiert: „Ich wohn hier seit über vierzig Jahren in diesem Scheißtürkenviertel, ich bin hier aufgewachsen, und ich sag in meinem Viertel so oft Scheißtürkenviertel, wie es mir passt, und wenn euch das nicht passt, dann geht doch wieder dahin, wo ihr herkommt, ihr Idioten! Ich ein Rassist! Ich glaub ich spinne.“ Unterdessen hat sich auch der Türsteher des Stattbads herangetraut und die Kontrahenten getrennt, ich nehme den Taxifahrer am Arm und führe ihn zum Wagen zurück.

Während der gesamten folgenden Fahrt zittert er weiter vor Zorn und hört nicht auf, sich über die jungen Idioten zu empören „Warum haben sie keinen Respekt? Ich wohn da seit vierzig Jahren und bin immer gut mit allen ausgekommen, und jetzt fallen diese reichen Gören da ein... Und besonders schlimm ist dieses Stattbad, schreckliche Leute, respektlose Kinder, und die Türsteher sind auch furchtbar...“

Am Ende des Abends schaue ich mir noch im Internet an, wie enthusiastische Techno-Freunde aus Los Angeles, Kapstadt, Adelaide oder London das laufende Geschehen im Stattbad Wedding bejubeln, während mein Taxifahrer auf den menschenleeren Straßen drumrum wohl immer noch zornig und zitternd seine Runden dreht.