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Bombenentschärfung: Der Krieg, der nie endet

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Alliierte Luftaufnahme von Oranienburg. Der Ort wurde zum Kriegsziel, die Alliierten vermuteten dort Teile des Atomprogramms der Nationalsozialisten.
Alliierte Luftaufnahme von Oranienburg. Der Ort wurde zum Kriegsziel, die Alliierten vermuteten dort Teile des Atomprogramms der Nationalsozialisten.
Foto:  http://457thbombgroup.org
Oranienburg –  

Oranienburg ist die Stadt der Bomben. Blindgänger Nummer 139 wird am Freitag entschärft. Rund 300 weitere Exemplare sind dort im Torfboden verborgen. Etliche sind scharf.

Der Schaukasten erinnert an Schneewittchens Sarg. Die gläserne Abdeckung ist verdreckt, der verrostete Metallkörper darin kaum auszumachen. Halb in den Fußweg eingelassen steht der Sarkophag in einer Ecke vor einem Modegeschäft in der Oranienburger Innenstadt. Die Menschen eilen vorbei, ohne ihn zu beachten. Kein Tourist hält inne. Der Kasten steht in keinem Reiseführer, obwohl er so viel aussagt über die brandenburgische Stadt. Denn der längliche Metallkörper, den er beherbergt ist ein entschärfter Blindgänger. Er soll an die etwa 10000 Bomben erinnern, die die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf Oranienburg abwarfen, weil sie vermuteten, dass hier wichtige Teile für das Atombombenprogramm der Nazis hergestellt wurden.

Heute liegen noch Hunderte der Bomben unentdeckt im Boden des Ortes, so viele wie in fast keiner anderen vergleichbar großen deutschen Stadt. Es sind Blindgänger mit chemischem Langzeitzünder, die jederzeit hochgehen können – so wie es bei dem jetzt gefundenen Blindgänger Nummer 139 vermutet wird. Eine Bombe so groß, dass sie sogar diese sonst so bombenerprobte Stadt seit einer Woche in helle Aufregung versetzt. Es ist die Rede davon, dass für die Entschärfung der bislang größte Sperrkreis notwendig werde. 1200 Meter. Davon wäre etwa die Hälfte der 43 000 Einwohner betroffen. Auch Heinz und Brigitta Friedel.

Zwölf Meter breiter Krater

Das Ehepaar Friedel sitzt im Garten ihres Wochenendhäuschens im Oranienburger Ortsteil Lehnitz. Hier sind die beiden immer, wenn das Wetter es zulässt. Oder wenn in ihrer Stadt mal wieder ein Blindgänger gefunden wurde, der entschärft werden muss. Ihre Wohnung in der Nähe des Bahnhofs liegt bei fast jeder Entschärfung im Sperrkreis.

Die Friedels in ihrem Garten. Hier explodierte der Blindgänger.
Die Friedels in ihrem Garten. Hier explodierte der Blindgänger.
Foto: Gerd Engelsmann

Die Friedels haben längst aufgehört zu zählen, wie oft sie schon raus mussten aus ihrer Wohnung. Bombenentschärfungen gehören zu ihrem Alltag, ihrem Leben. „Früher habe ich bei Evakuierungen noch einen Koffer gepackt“, erzählt Brigitta Friedel. Damit sind sie in den Garten gefahren und haben dort ausgeharrt, bis die Gefahr gebannt war, die Sirenen Entwarnung gaben und sie wieder nach Hause durften.

Blindgänger 139 liegt auf einem Bahndamm, nur 200 Meter von Friedels Wohnung entfernt. Die Friedels sind nicht genervt von der Evakuierung, sie wissen, dass sie notwendig ist. Denn sie kennen die Kraft eines Blindgängers aus eigener Erfahrung. Sie lernten sie dort kennen, wo sie es am wenigsten erwartet hatten: Hier, in ihrem Rückzugsgebiet, in diesem Garten in der Nähe des Lehnitzsees.

Der Krieg hat nie aufgehört

Den Garten besitzen Brigitta und Heinz Friedel seit 1973. Der Rasen ist grün, die Hecke gestutzt, die Blumen blühen. Zwischen Edeltannen und Apfelbäumen hat Heinz Friedel einen kleinen Teich angelegt. Ein schönes Fleckchen Erde. Nur die vier großen Metallteile, die auf dem Gartentisch liegen, passen nicht recht zu dem Idyll. Die Stahlstücke sind daumendick, schwer. Das größte Teil ist so groß wie Friedels Unterarm, die Kanten sind scharf. „Das sind Teile einer zehn Zentner schweren englischen Bombe“, sagt der 72-Jährige. Teile eines explodierten Sprengsatzes, die zeigen, dass der Krieg in Oranienburg nie wirklich aufgehört hat.

Zwei der Metallstücke hat Heinz Friedel vernickeln lassen, damit sie nicht weiter rosten. Sie sind Andenken an einen Tag, von dem seine Frau noch heute träumt. Alpträume.

Im Garten von Brigitta und Heinz Friedel detonierte am 19.4.1981 eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg ; diese Bombensplitter flogen durch die ganze Siedlung.
Im Garten von Brigitta und Heinz Friedel detonierte am 19.4.1981 eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg ; diese Bombensplitter flogen durch die ganze Siedlung.
Foto: BLZ/Gerd Engelsmann

Ostern 1981. Die Pfirsichbäume blühen schon in den Gärten. Nachts herrscht noch Frost. Wegen dieser nächtlichen Minusgrade fahren Heinz Friedel, seine Frau und die Schwiegermutter am Ostersonntag auf das Grundstück und schauen nach, ob etwas erfroren ist. Es ist 18.25 Uhr, als die Kontrolle beendet ist, die Familie sich auf den Heimweg machen will. Nur noch die eine Blume, das Tränende Herz, gegen die Kälte abdecken, denkt sich Heinz Friedel. Er will zum Komposthaufen gehen und einen Topf holen.

Friedel kommt nicht weit. Plötzlich knallt es, keine zwölf Meter von ihm entfernt. Sand, Erde und Steine fliegen durch die Gegend. Er hat das Gefühl, weggerissen zu werden. Gedanken rasen ihm durch den Kopf. Eine Gasexplosion? Eine verirrte Granate vom nahen Schießplatz? Erst dann denkt er: Ein Blindgänger?

Stiefmütterchen und Erdbeerpflanzen werden bis in die Kähne am Seeufer geschleudert. Wie ein Speer bohrt sich ein riesiger Metallsplitter in der Wand eines Holzbootshauses, das 150 Meter vom Explosionsort entfernt steht. Beim Nachbarn bersten die Scheiben des Gewächshauses. Dachziegel werden von den Häusern gerissen. Selbst in der fast zwei Kilometer entfernten Oranienburger Innenstadt ist die Detonation zu spüren. Lampen vibrieren, Gläser klirren. In den Häusern schwankt der Boden wie bei einem Erdbeben.

Dann herrscht völlige Stille. Heinz Friedel steht wie gebannt und schaut sich um. Alles ist voller Sand. Sein ganzer Körper, selbst die Bäume ringsum. Er blickt sich um und ist fassungslos. In der Mitte des Gartens klafft ein riesiger Krater, acht Meter tief und zwölf Meter breit. Das Grundstück sieht aus wie eine Mondlandschaft. Etwas entfernt stehen Frau und Schwiegermutter. Bei der Explosion ist Brigitta Friedel schützend vor ihre Mutter gesprungen. Ein großes Rasenstück traf sie mit voller Wucht und riss sie um. Die Mutter ist unverletzt, doch sie steht unter Schock. Das Gartenhäuschen ist voller Sand und Erde, auch der Kühlschrank, der zum Auftauen offensteht.Vierzehn Lkw-Ladungen Sand werden notwendig sein, um das Loch wieder zu füllen.

Heinz Friedel holt Fotos von damals hervor. Drei Holzpfähle sind zu sehen, die zeigen, wo er und die Frauen standen– gleich neben dem Krater. Die Pfähle wurden von der Polizei in den Boden gerammt. Die Fotos zeigen, was für ein Glück die Familie hat. Wie oft haben wir auf der Wiese gegrillt, sagt Heinz Friedel, wie oft tobte dort unsere Tochter mit Freunden über den Rasen.

Wegen der Kämpfe um Berlin ist Brandenburg das am meisten munitionsbelastete Bundesland, Oranienburg die gefährdetste Stadt. Im Fadenkreuz der alliierten Bomber waren die örtlichen Auerwerke, die unter Verdacht standen, Teile für die nationalsozialistische Atombombe herzustellen. Eine Technik, die auf keinen Fall in falsche Hände fallen sollte. Etwa die Hälfte der abgeworfenen Sprengsätze hatte einen chemischen Langzeitzünder. Sie sorgten dafür, dass die Bomben erst Stunden nach dem Aufprall explodierten. Das Prinzip: Eine Chemikalie zersetzt langsam ein Zelluloidplättchen und löst dann die Explosion aus. Doch manchmal funktioniert der Zünder auch nicht gleich, sondern erst Jahre oder Jahrzehnte später. Wie in Friedels Garten.

Ein Wettlauf mit der Zeit

Noch heute liegen vermutlich mehr als 300 gefährliche Blindgänger in der Erde. Die chemischen Langzeitzünder sind größtenteils noch funktionsfähig. In dem Gutachten einer Universität steht, dass Selbstdetonationen in naher Zukunft wahrscheinlich sind. Die Suche nach den Bomben ist in Oranienburg ein Wettlauf mit der Zeit.

Sylvia Holm weiß das. Die Chefin des Ordnungsamtes hat auf dem Schreibtisch ihres Büros eine Karte der Stadt ausgebreitet. Holm zeigt auf verschiedene Stellen auf der Karte, sie sind lila und rot markiert. Die Markierungen bedeuten: höchste Gefahrenstufe. Mehrere der Stellen sind im Zentrum. Jedes Jahr werden in der Stadt durchschnittlich sechs Bomben gefunden.

Als Leiterin des Ordnungsamtes ist Sylvia Holm Oranienburgs Bombenbeauftragte. Kampfmittelbeseitigung fällt in ihren Zuständigkeitsbereich. Doch Blindgänger waren bei ihrem Vorstellungsgespräch 1996 gar kein Thema. „Man glaubt es kaum, aber da ging es um die neue Software für das Standesamt.“ Einen Monat nach ihrer Einstellung erlebte sie die erste Bombenentschärfung. „Munitionssuche lief bis dahin immer nebenher“, sagt sie. Wenn jemand bauen wollte, musste er prüfen lassen, ob es Blindgänger auf seinem Grundstück gibt.

Aus einem ihrer vielen Ordner im Büro entnimmt Sylvia Holm fünf dicht beschriebene Blätter. Sie enthalten Daten von Bomben, die seit 1991 in Oranienburg gefunden wurden und bei denen Absperrungen notwendig waren. Drei Bomben gingen von selbst in die Luft, eine im Wald und zwei im Lehnitzsee. 32 Blindgänger konnten nur durch Sprengung unschädlich gemacht werden. Am 30. August dieses Jahres wurden die vorerst letzten zwei Blindgänger erfolgreich entschärft – Nummer 137 und 138.

Seit Mitte der Neunzigerjahre wird in Oranienburg systematisch nach Blindgängern gesucht. Nicht nur dort, wo die alliierten Luftbilder Einschlaglöcher zeigen. „Wir haben Bomben gefunden, deren Einschlag auf den Luftbildern nicht zu sehen waren“, erzählt Sylvia Holm. Das liege daran, dass die Blindgänger teilweise bis zu fünf Meter im weichen Oranienburger Torfboden gewandert sind.

Der Fall der Fälle

420 Millionen Euro sind laut Gutachten notwendig, um den Ort bombenfrei zu machen. Bisher hat das Land 89 Millionen Euro für die Bombensuche in Oranienburg ausgegeben. Die Stadt selbst stellt jährlich zweieinhalb Millionen Euro zur Verfügung. Der Bund zahlt nur für die Bergung von sogenannter reichseigener Munition. Doch in Oranienburg liegen alliierte Blindgänger. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die Stadt frei ist von der Bombengefahr.

„Wir können nicht verhindern, dass ein Blindgänger irgendwann einmal explodiert“, sagt Sylvia Holm. „Wir sind auf den Fall der Fälle vorbereitet. Aber wir hoffen natürlich, dass dieser Fall niemals eintritt.“ An acht Stellen wird derzeit nach Munition gesucht. Auch am Bahnhof. Dort lässt die Deutsche Bahn auf eigene Kosten suchen. Und dabei wurde der aktuelle Blindgänger – Nummer 139 – gefunden.

Brigitta und Heinz Friedel hatten sich schon darauf vorbereitet, den 1 200 Meter großen Sperrkreis am Freitagmorgen verlassen zu müssen. Ein Sperrkreis, so groß, dass sie nicht einmal wie sonst in ihren Garten hätten fahren können – denn auch der wäre Teil der evakuierten Zone gewesen. Doch diesmal haben sie Glück. Am Mittwochnachmittag geben die Sprengmeister „Teilentwarnung“. Sie haben Nummer 139 inzwischen freigelegt. Es handelt sich um eine Fünf-Zentner-Bombe. Sie hat zwar einen besonders gefährlichen Sprengstoff, aber sie ist zerschellt. Und so muss am Freitag lediglich der chemische Langzeitzünder gesprengt werden. Wofür nur ein Sperrkreis von 150 Metern nötig ist. Britta und Heinz Friedel müssen nicht einmal ihre Wohnung verlassen. Der Krieg bleibt draußen.

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Am 9. November 2014 jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. Alles zum Thema lesen Sie hier.

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