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Ausbau des Berliner Rings: „Das gesamte Leben wird lahmgelegt“

Alltag am Dreieck Nuthethal: Und jetzt wird auf der A10 auch noch gebaut.

Alltag am Dreieck Nuthethal: Und jetzt wird auf der A10 auch noch gebaut.

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dpa

Am Mittwoch ist an der größten Dauerbaustelle des Landes am südwestlichen Berliner Ring wieder ein Lkw-Fahrer auf das Ende eines Staus gerast. Der 26-Jährige starb bei dem Unfall. Was folgte, war ein großer Stau auf der Autobahn und natürlich in den Orten ringsum. Die leiden aber sowieso unter täglichem Dauerstau, da der Berliner Ring zwischen den Dreiecken Nuthetal und Potsdam für 150 Millionen Euro auf acht Spuren ausgebaut wird. Die Baustelle gilt als gefährlichster Unfallschwerpunkt im Land. Ein Gespräch mit Bernhard Knuth, Bürgermeister der am meisten betroffenen Kommune Beelitz, über den Kampf gegen die Folgen des Staus und darüber, was das alles für die Tausenden Berliner bedeutet, die nun eigentlich in die Spargelregion wollen.

Herr Knuth, in Ihrer Region herrscht derzeit ein äußerst reger Reiseverkehr: Nicht nur auf den Bundesstraßen, sondern auch auf der kleinsten Nebenstraße ist tagsüber jedes zweite Fahrzeug ein großer Lkw. Kommen die alle von der Autobahn?

100-prozentig. Einerseits gibt es immer Mautsparer, die zwischen Berliner Ring und der A9 abkürzen wollen. Aber dann kam die große Baustelle auf der Autobahn dazu. Dort gibt es nur noch eine Spur für Laster, die sie nicht verlassen dürfen, also fahren sehr sehr viele einfach ab und versuchen, den täglichen Stau dort zu umfahren – und sorgen dafür bei uns für Dauerstau.

Am Mittwoch ist wieder ein schwerer Unfall an der Baustelle passiert. Welche Folgen hat das für Ihre Stadt?

Da ist in Beelitz über Stunden wirklich alles zugestaut, auf sechs oder acht Kilometer steht dann Lkw hinter Lkw. Da ist das gesamte Leben in der Stadt und den umliegenden Ortsteilen lahmgelegt.

Aber Beelitz hat doch eine Umgehungsstraße, warum ist die Stadt trotzdem so stark betroffen?

Weil sich hier zwei Bundesstraßen kreuzen. Die B2, also die Nord-Süd-Achse, führt an der Stadt vorbei. Aber die Laster kommen über die B246, denn die verläuft parallel zur Autobahn. Und diese Ost-West-Achse geht mitten durch die Stadt.

Warum stellen Sie nicht einfach ein paar Verbotsschilder für Laster auf und halten dann alle Laster an? Sie wären der Held Ihrer Bürger.

Weil sich ein Bürgermeister an Recht und Gesetz halten muss. Weil die Straßen nicht in unserer Zuständigkeit liegen, sondern in der des Bundes oder des Landes. Weil bei einem Lkw-Verbot für die Stadt auch kein Müllauto mehr fahren dürfte, kein Bus, kein Lieferverkehr. Eine Straße sperren darf nun mal nur die Polizei nach einem Unfall.

Der Innenminister hat die Baustelle kürzlich den Unfallschwerpunkt im Land genannt. Geändert hat sich nichts. Wie wollen Sie Erfolg haben?

Die Bürgermeister der sechs am meisten betroffenen Kommunen, die 50000 Einwohner vertreten, haben kürzlich in einem Statement gefordert, dass sich etwas ändern muss. Da nicht viel passiert ist, sammeln wir nun seit einer Woche Unterschriften. Knapp 1000 sind bereits zusammengekommen. Die Gewerbetreibenden legen die Listen aus, und die Kliniken unterstützen uns. Es ist wirklich enorm, wie viele Rückmeldungen wir schon haben.

Und dann?

Wir sammeln vier Wochen. Dann geht eine Petition an die Infrastrukturministerin in Potsdam, an den Landtag und den Bundestag, denn es geht um eine Bundesautobahn.

Was sind Ihre Forderungen?

Unfälle können wir nicht verhindern und haben Verständnis, dass in solchen Ausnahmesituationen Umleitungen nötig sind und dass es dann bei uns Staus gibt. Wir wollen aber, dass unsere Orte während der alltäglichen Baumaßnahmen mehr vom Verkehr entlastet werden. Die Umleitungen müssen so sein, dass der Verkehr weitläufig verteilt und nicht nur eine Region belastet wird.

Was könnte noch getan werden?

Wir fordern eine weitere Reduzierung der Geschwindigkeit im Baustellenbereich von Tempo 60 auf 50. Dann fließt der Verkehr flüssiger und es gibt weniger Unfälle. Wir fordern, dass nicht nur tagsüber gebaut wird, sondern auch nachts und an Sonntagen. Und dann sind da die Problem mit der Ampelschaltung …

Der Bürgermeister kann also nicht mal die Ampelschaltung ändern?

Nein. Es ist eine Bundesstraße. Ich kann nur mit den Bürgern und Gewerbetreibenden mitleiden, aber nichts ändern. Der Verkehr durch Beelitz wird auf dieser Strecke mit zwei Ampeln gesteuert – und die Grünphase ist so kurz, dass nur drei Laster über die Kreuzung kommen.

Was gibt es noch für Probleme?

Die schön sanierten Straßen der Stadt leiden, die Bordsteine, die Blumeninseln, die von den Lastern kaputt gefahren werden. Wir wollen, dass Land und Bund nach Beendigung der Baumaßnahmen alles wieder herrichten, wie es war.

Was heißt der Dauerstau für die Spargelsaison, die gerade beginnt?

Die Spargelhöfe leben von Ausflüglern aus Berlin, die aber werden von den täglichen Stau- und Unfallmeldungen abgeschreckt. Auch unsere Feuerwehr leidet, weil sie ständig zu Unfällen auf der Autobahn gerufen wird oder weil sie bei Notfällen nicht durch die Stadt kommt, sondern im Stau steht. Viele Leute aus Berlin sind in unsere Region gezogen. Sie fahren mit dem Bus zur Bahn und pendeln dann nach Berlin. Doch kein Bus ist mehr pünktlich. Die Pendler müssen jetzt morgens noch eine Stunde früher los.

Wie lange wird noch gebaut?

Bis 2020. Da versteht bestimmt jeder, dass die Bürger frustriert sind. Diese untragbaren Zuständen weitere drei Jahre zu erdulden, würde das gesellschaftliche Leben in unserer schönen Stadt kaputt machen.