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Hunderte Flüchtlinge sollen in Frankfurt in der Platte untergebracht werden

Milena Manns ist bei Braunschweig aufgewachsen, studierte in Frankfurt an der Oder und wohnt jetzt in Polen.

Milena Manns ist bei Braunschweig aufgewachsen, studierte in Frankfurt an der Oder und wohnt jetzt in Polen.

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Berliner Zeitung

FRANKFURT (ODER) -

Eine ganz normale Wohnung ist das: 85 Quadratmeter, drei Zimmer, Küche, Bad. Frisch geweißte Wände, saubere Böden, saubere Fenster. Zweite Etage in einem recht hübschen Plattenbau aus DDR-Zeiten. Und dann auch noch in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums von Frankfurt (Oder). Noch sind die Wohnungen leer, doch das wird sich bald ändern, denn bald werden Flüchtlinge einziehen. So viel ist bereits klar. Unklar ist noch, wer es sein wird.

Aber es gibt ganz klare Festlegungen, wie schon allein durch die Belegung der Wohnungen dafür gesorgt werden soll, dass es nicht zu Konflikten wegen der neuen Bewohner kommt. „In einer Wohnung mit drei Zimmern sollen maximal fünf Leute wohnen“, sagt Milena Manns, zuständig für Sozialmanagement bei der Wohnungswirtschaft, einer 100-prozentigen Tochter der Stadt. Bei mehr Bewohnern könnte es zu laut sein für manche Nachbarn. Und die sollen sich ja gerade nicht durch die Neuen gestört fühlen. „Und in jedem Haus sollen nicht mehr als zehn bis zwanzig Prozent der Bewohner Flüchtlinge sein“, sagt sie. Es gehe ja gerade darum, eine Ghettoisierung zu verhindern.

Nachteil als Chance

Frankfurt (Oder), die Grenzstadt ganz im Osten des Landes, macht es vor, dass Flüchtlinge auch anders untergebracht werden können: Nicht nur in Massenunterkünften, Containern oder Zelten, sondern möglichst schnell in Wohnungen – vor allem Frauen und Kinder, Kranke und Alte. Nicht irgendwo in Kasernen weit außerhalb der Stadt, sondern möglichst integrationsfördernd mitten unter den Frankfurtern. Und das in einer Stadt, in der es die AfD bei der letzten Landtagswahl im Herbst 2014 mit 19,7 Prozent auf Platz 3 schaffte hinter SPD und Linkspartei.

Milena Manns reagiert fast ein wenig irritiert auf die Frage, warum Frankfurt sich für dieses Modell entschieden hat. „Es ist doch ganz einfach“, sagt die 33-Jährige. „Das Asylrecht steht im Grundgesetz und ist nicht verhandelbar. Da gibt es für uns keine Diskussionen. Wir haben eine soziale Verantwortung, die Leute menschenwürdig unterzubringen. Und dieser Verantwortung stellen wir uns. Ganz einfach.“

Doch sie weiß natürlich, dass dies weder einfach noch üblich ist. Sie muss zugeben: „Ich kenne keine andere Stadt, die es so macht.“ Die Stadt hat mit der Wohnungswirtschaft zwei Verträge geschlossen, sodass insgesamt etwa 490 Flüchtlinge dezentral untergebracht werden können. Aktuell leben bereits 261 in 93 Wohnungen. Die werden dann wie heimische Hartz-IV-Empfänger behandelt, gehen selbst zum Vermietungscenter und bekommen dann mehrere Wohnungen gezeigt.

Wichtig ist der Stadt, dass kein Wohnungsmangel entsteht, keine Neiddebatte. Der Vorteil: Die Wohnungswirtschaft hat derzeit 540 vermietungsfähige leere Wohnungen. Deshalb hat Frankfurt gute Voraussetzungen für dieses Modell – oder besser gesagt: Die bisherigen Probleme der Stadt werden jetzt zum Pluspunkt. Seit der Wende herrscht wirtschaftliche Katerstimmung, massenhaft Jobs vor allem in der Elektronikbranche fielen weg, die Jugend zog Richtung Westen, seit 1988 sank die Einwohnerzahl von 88.000 auf nun 58.000. Die Wohnungswirtschaft hat derzeit 8000 Wohnungen, bis Ende letzten Jahres mussten 4800 abgerissen werden.

Wer in die Stadt kommt, sieht zum Beispiel einen Plattenbau-Block mit kaputten Fensterscheiben, der weg soll. Andere Städte würden dort notgedrungen ihre Flüchtlinge unterbringen. Frankfurt hat das nicht nötig. Milena Manns erzählt, dass es einige Millionen kosten würde, solche Objekte wieder bewohnbar zu machen. „Außerdem: Wer Integration ernst meint, muss für Durchmischung der Einwohnerschaft sorgen: Fremde und Einheimische, Arme und Reichere, Junge und Alte.“

Eli, eine 43-jährige Frau aus Kenia, kommt gerade mit ihrem drei Monate alten Kind vom Arzt. Sie hat seit September eine eigene Wohnung, vorher lebte sie anderthalb Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft. „Dort war es zu laut und dreckig“, erzählt sie. „Jetzt habe ich mein eigenes Bad, meine Küche, meine Ruhe.“ Als sie aus der Massenunterkunft auszog, gab es bei ihr keinerlei Traurigkeit, nur Freude. „Obwohl ich dort viele Leute kannte, bin ich froh, weg zu sein. Fast alle meine Bekannten wohnen jetzt in Wohnungen. Wir telefonieren und treffen uns in der Stadt.“

Sie sagt, die Frankfurter seien freundlich, und zu den Nachbarn habe sie „Hallo-Kontakt“. Einmal aber, als sie mit ihrem Kind spazieren ging, habe ein Mann sie aus einem Auto heraus mit Wasser beworfen. „Das war nicht schön“, sagt sie. „Ist aber nur einmal passiert.“ Die Stadt sei grün und nicht so laut und sehr schön, um ein Kind groß zu ziehen. „Ich will nicht mehr in meine Heimat zurück“, sagt Eli. „Für mein Kind ist Frankfurt die Heimat. Also auch für mich.“

Wer die Leute auf der Straße fragt, bekommt keine euphorischen Reaktionen auf das Modell, aber akzeptierende. „Bis jetzt hatte ich noch keinen Ärger mit denen“, sagt ein Frankfurter im Rentenalter, der seinen Namen nicht nennen will. Das ist die klassische Reaktion: So lange sie uns nicht stören, ist es gut. Und es sei besser, als alle „zusammenzusperren“, sagt eine Frau.

„Es gibt sehr viel Unsicherheit, viele Gerüchte, viel Unwissenheit“, sagt Milena Manns. Deshalb sei es wichtig, die Einheimischen möglichst früh über ihre neuen Nachbarn aufzuklären, Leute mit Sprachkenntnissen zu vermitteln und bei Alltagsproblemen zu helfen. Zum Beispiel den Flüchtlingen erklären, warum die Deutschen auch Weltmeister beim Recycling sind und wie die Mülltrennung funktioniert.

Sie erzählt ein anderes Beispiel: Eine Iranerin zieht in ein Haus und hätte gern mehr Kontakt zu den Nachbarn. In Iran ist es üblich, dass die Nachbarn die Neuen mit Essen begrüßen. In Deutschland warten die Nachbarn, dass die Neuen sich vorstellen. „Das eine ist nicht besser als das andere“, sagt Milena Manns. „Aber es hilft sehr viel, wenn die Leute es wissen. Wir sind alle Lernende in diesem Prozess.“

Viel in der Welt rumgekommen

Sie selbst empfindet andere Kulturen als enorme Bereicherung und ist auch eine Zugezogene. „Wer neu herkommt, hat einen anderen Blick auf die Stadt“, sagt sie. Ihre Großeltern stammen aus Schlesien, sie selbst ist bei Braunschweig aufgewachsen, war zum Schüleraustausch in den USA, später ein Jahr in Australien. Dann kam sie 2003 an die Oder zum Studium der Kulturwissenschaften an der Europa-Uni. Sie war auch für ein Semester in Spanien – und nun lebt sie auf der anderen Seite der Oder in Polen, weil sie die Ruhe mag und das Dorfleben. „Aber ich liebe Frankfurt, weil die Stadt noch nicht fertig ist, und weil man hier noch so viel gestalten kann.“

Und dann erzählt sie von den Kontakten zwischen den neuen und den alten Frankfurtern, davon, dass ein alter Mann stirbt und die Erben am liebsten Geld ausgeben würden, damit die Möbel zur Müllabfuhr kommen. Dann aber wird der Umzug der Möbel zu Flüchtlingen organisiert. „Und die Afrikanerin findet ihr deutsches Massivholzwohnzimmer aus den 70er-Jahren richtig super“, erzählt Milena Manns. „Diese ganze Sache ist natürlich kein Selbstläufer. Man muss es wollen, und man muss zusätzlich Zeit und Kraft dafür aufbringen, um die Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Das Modell taugt auch nicht für Städte mit Wohnungsmangel. „Aber dieses Modell wäre auch für viele andere Städte in Brandenburg wünschenswert“, sagt sie.

Aber ein Problem bleibt: In Frankfurt (Oder) gibt es zu wenige Jobs. Flüchtlinge haben natürlich Chancen in Pflegeberufen, aber sonst kaum. „Aber wenn sie sich bei uns wohlfühlen, dann bleiben sie vielleicht bei uns wohnen und pendeln – wie so viele andere Frankfurter – zur Arbeit nach Berlin.“