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Nur wenige Interessenten für die deutsche Kohle

Käufer gesucht: das Kraftwerk Jänschwalde nördlich von Cottbus.

Käufer gesucht: das Kraftwerk Jänschwalde nördlich von Cottbus.

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dpa/Patrick Pleul

POTSDAM -

Ein ernst gemeintes Angebot ist es sicher nicht gewesen. Eher eine Werbe-Aktion, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Als die Umweltorganisation Greenpeace im Oktober 2015 ankündigte, von Vattenfall die Braunkohlesparte in der Lausitz übernehmen zu wollen, schüttelten die Manager des schwedischen Staatskonzerns wohl nur verwundert den Kopf.

Schließlich sucht Vattenfall einen neuen Eigentümer und keinen Bestatter für ihre Kraftwerke und Tagebaue. Bezahlen wollten die Umweltschützer damals keinen Euro, sondern forderten noch zusätzliches Geld für die Stilllegung. Schnell wurde Greenpeace ausgeschlossen.

Vattenfall suchte weiter einen Käufer – und bis zum heutigen Mittwoch sollten die Interessenten verbindliche Angebote abgeben. Gut möglich, dass Vattenfall-Chef Magnus Hall, der den Konzern voll auf erneuerbare Energien ausrichten will, wieder nur den Kopf schüttelt. Denn die einst erhofften Einnahmen von zwei bis drei Milliarden Euro dürften wohl nicht zu erzielen sein. Vielmehr gibt es Gerüchte, dass die Angebote nicht über die Greenpeace-Offerte hinausgehen. Dass also die Bieter nicht mehr zahlen wollen als einen symbolischen Euro. Das wird zumindest von einer Käufer-Seite lanciert.

Tschechen interessiert

Vattenfall selbst äußert sich nicht zum Verkaufsprozess, der über die Investmentbank Citigroup abgewickelt wird. Nicht einmal die Bieter in der letzten Runde werden genannt. Mit den tschechischen Energie-Unternehmen CEZ und EPH und dem deutschen Versorger Steag haben drei Unternehmen selbst öffentlich ihren Hut in den Ring geworfen.

Zum Verkauf stehen die Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe im Land Brandenburg, aber auch Boxberg und ein Block der Anlage in Lippendorf (beide Sachsen). Außerdem will Vattenfall die fünf dazugehörigen Tagebaue loswerden. Knapp 8000 Menschen arbeiten in der Lausitzer Kohlesparte. Diese war in der Vergangenheit sehr profitabel. Noch 2014 soll bei einem Umsatz von 2,3 Milliarden Euro ein Gewinn von 647 Millionen Euro erzielt worden sein.

Doch das ist passé. Die deutsche Energiewelt ändert sich radikal. Immer mehr subventionierter Wind- und Sonnenstrom fließt in den Netzen, deshalb sank der Strompreis an der Leipziger Energiebörse EEX von einst etwa 35 Euro für eine Megawattstunde auf nur noch 20 Euro je Megawatt. Dadurch büßen die Kohlekraftwerke massiv an Profitabilität ein, wie Vattenfall selbst einräumt.

„Derzeit dürften sie rote Zahlen schreiben“, sagt ein Branchenkenner dieser Zeitung. Jeder Euro weniger für die Megawattstunde koste Vattenfall 50 Millionen Euro Gewinn. Diese Zahlen würden sich zumindest aus den vergangenen Geschäftsberichten ergeben.

Auch politisch gibt es weiter Gegenwind. Nach dem Weltklimagipfel in Paris soll weltweit der Ausstieg aus der Kohle vorangetrieben werden. So forderte der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, einen Strukturwandel in der Lausitz. Um die Klimaziele von Paris zu schaffen, sollten die Lausitzer Tagebaue bis 2030 geschlossen werden. Aus Bieterkreisen wurde aber bekannt, dass die von der Politik eine Bestandsgarantie bis 2035 oder 2040 fordern.

Doch Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) will sich weder auf einen recht schnellen Ausstieg noch auf längere Laufzeiten festlegen. Er betont immer wieder, dass die Kohle noch etliche Jahre als Brückentechnologie gebraucht werde, um eine sichere und bezahlbare Energieversorgung zu garantieren. Der Ausstieg werde erst kommen, wenn es ausreichend Netze und Speichertechnologien für die erneuerbaren Energien gibt.

Hoffen auf steigende Preise

Zu den Bietern für Vattenfall gehört die tschechische Energieholding EPH, hinter welcher der Milliardär Daniel Kretinsky steht. Dort glaubt man noch daran, auch künftig mit Kohle gute Geschäfte machen zu können. „Wir gehen davon aus, dass nach 2020 die Strompreise wieder steigen“, sagt ein Sprecher. Dann sollen die letzten Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden. EPH-Chef Kretinsky gilt als kühler Rechnertyp, der seine Investments auf hohe Profitabilität trimmt.

Erfahrung im Kohlegeschäft bringt auch der zweite tschechische Kaufinteressent CEZ mit. Der staatliche Energieversorger erwirtschaftete trotz fallender Energiepreise eine Milliarden Euro Gewinn im vergangenen Jahr.

Bieter Nummer drei, der Energieversorger Steag aus Essen in Nordrhein-Westfalen, betreibt elf größere Kraftwerke in Deutschland. Hinter dem Unternehmen stehen mehrere Stadtwerke. Zu Vattenfall hüllt sich Steag in Schweigen.

Vor Jahren, als schon einmal über den Rückzug von Vattenfall spekuliert wurde, hieß es, dass der damalige Potsdamer Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Die Linke) von seinem Hause prüfen lasse, ob nicht das Land Brandenburg die Gruben und Kraftwerke übernehmen könne. Offiziell wurde dieses Szenario immer dementiert.

Und es gilt auch jetzt als sehr unwahrscheinlich. Denn das Land ist ja auch nicht eingestiegen, als die Bahn vor Monaten sein unrentables Reparaturwerk in Eberswalde mit gerade mal 350 Leuten für einen Euro zum Kauf anbot.