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Zugvögel: Aufruhr im Storchenland

Störche

Die Stöchen-Population ging in den vergangenen Jahren in Brandenburg zurück.

Foto:

Felix Kästle/dpa

POTSDAM -

Die ersten kommen nun an und niemand kann sagen, wie viele es dieses Jahr werden. Im Herbst flüchteten die Störche vor der Kälte in den warmen Süden, nun kehren sie langsam auch nach Brandenburg zurück, um hier zu brüten. Doch zur Begrüßung tobt eine hitzige Storchen-Debatte.

Es geht darum, wer daran Schuld sein könnte, dass die Zahl der Brutpaare im vergangenen Jahr gegenüber 2014 wahrnehmbar gesunken ist: von 1424 Paaren auf 1362. Der Naturschutzbund (Nabu) macht die Bauern mitverantwortlich – Tenor: Neben den üblichen Witterungseinflüssen sorge die industrialisierte Landwirtschaft dafür, dass die Störche weniger Futter finden.

Sofort protestierte der Landesbauernverband. „Brandenburg ist im Bundesvergleich das Storchenland Nr. 1, dies spricht für die guten Bedingungen vor Ort“, sagte Verbandssprecher Holger Brantsch. Es würden sogar Störche aus Polen einwandern, da sie optimale Bedingungen fänden. Der Verband sagt, dass die Bauern auch für ausreichend Flächen zum Futtersuchen sorgen. Im Vorjahr gab es 300.000 Hektar Grünland, das seien 10 000 Hektar mehr als 2014. „Die Schwankungen in der Population den Landwirten anzulasten, ist schlicht nicht richtig“, sagte Brantsch. Schwankungen seien normal und waren in Vorjahr meist witterungsbedingt.

Vorwurf der „Propagandalüge“

Das Forum Natur wirft dem Nabu „plumpe Propagandalüge und Stimmungsmache“ vor. Das Forum ist eine im vergangenen Juli gegründete Lobby-Dachorganisation verschiedener Verbände: Bauern, Jäger, Angler, Fischer sowie Grund- und Waldbesitzer. Der Vorsitzende Gernot Schmidt (SPD), auch Landrat in Märkisch-Oderland, verweist darauf, dass Störchen als Kulturfolger gelten, dass sie also die Nähe des Menschen suchen und auf ihren Feldern fressen. Jeder kenne das Bild, dass die Vögel hinter Traktoren herlaufen, um Futter zu suchen, wenn die Fahrzeuge bei der Mahd, beim Pflügen oder Ernten über Felder fahren. Schmidt sagte, dass er vom Nabu eine Richtigstellung erwarte, denn langfristig sei die Zahl der Störche gestiegen: Auch im angeblichen „Krisenjahr“ 2015 waren es 181 Paare mehr als im Jahr 2005.

Doch der Nabu bleibt bei der grundsätzlichen Kritik. Von Anfang an sei darauf verwiesen worden, dass es mehrere Gründe für den Rückgang gab, auch schwierige Witterungsbedingungen, sagte Heidrun Schöning vom Nabu. „Im vergangenen Frühjahr war es lange kalt, die Störche kamen ungewöhnlich spät und viele Paare begannen nicht zu brüten.“ Vielerorts gab es auch lange Horstkämpfe und dabei zerstörten Störche auch Eier anderer Störche, für die es dann zu spät war, noch einmal neu zu brüten. Zudem sei der Sommer extrem trocken gewesen, was das Nahrungsangebot ebenfalls beeinträchtigte.

„Ein Aspekt aber, warum Störche und andere Vögel weniger Futter finden, ist die Intensivlandwirtschaft mit vielen Monokulturen“, sagte sie. Die Störche, die vor allem Frösche, Mäuse, Insekten und Reptilien fressen, fänden in den riesigen Feldern mit hohem Mais oder Raps weniger Nahrung. Es wäre aber reine Spekulation, wie viele Störche es im Land mehr geben würde, wenn Brandenburgs Bauern kleinteilig wirtschaften würden.

„Weil auch viele Pestizide eingesetzt werden, gibt es immer weniger Insekten“, sagte Schöning. Es sei festgestellt worden, dass die Störche inzwischen immer seltener in der Nähe großer Felder und der Dörfer leben. „Sie konzentrieren sich mehr und mehr in den Flusslandschaften von Elbe, Oder und Havel, wo sie noch Nahrung finden.“

Alle Kraniche sind schon da

Nun da die Störche kommen, sind die Kraniche längst da. „Sie kamen in diesem Jahr ungewöhnlich früh“, sagte Beate Blahy, die in der Verwaltung des nordbrandenburgischen Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin arbeitet. „Wir sind das Gebiet mit der bundesweit größten Brutdichte.“ Auf 1300 Quadratkilometern brüten mehr als 500 Kranichpaare. „Das ist sensationell viel und fast alle sind schon hier.“ Viele Tiere hätten sogar hier überwintert. Aber es ziehen auch noch massenhaft Kraniche über Brandenburg hinweg – weiter nach Norden, in ihre Brutgebiete in Skandinavien.

Die Kraniche sind nur im Herbst gesellig. Vor dem Flug in den Süden treffen sie sich zu Zehntausenden an ihren Sammelstellen wie bei Linum in Havelland. Nun aber – in der Brutzeit – leben die Paare allein im Wald und ziehen mehr als ein Vierteljahr lang ihre Jungvögel groß. „Sie leben sehr versteckt und finden ideale Bedingungen in den riesigen Wäldern des Biosphärenreservats“ , sagte Beate Blahy. „Auch, weil der Mensch nur sparsam vertreten ist.“



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