Neuer Inhalt

Brennpunkt in Berlin-Kreuzberg: Das Kottbusser Tor ist ein Ort zum Fürchten

Das Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Das Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Foto:

Markus Wächter / Waechter

Gleich am Treppenaufgang von der U8 rauf zum Kottbusser Tor steht eine Frau mit fahrigem Blick. Sie steht mit offener Jacke da, schlampig gefärbten Haaren und fleckigen schlabberigen Hosen. Sie ist die erste, die man sieht und sie fragt nach Geld. Warum hier? Warum bettelt sie an einem Ort, an dem niemand etwas übrig hat, wo Berlin ganz unten ist? Wer soll hier schon Geld geben? Er bräuchte es doch selbst. „Warum nicht hier“, entgegnet die Frau, „ich kann nicht so weit laufen.“ Und dann humpelt sie beiseite, weil sie gar keine Zuwendung erwartet hat.

Das Kottbusser Tor ist ein verwahrloster Ort. Seit vielen Jahren schon. Die Polizei nennt den Platz gefährlich, einen Brennpunkt, weil es dort zu so vielen Straftaten kommt: Drogen, Ladendiebstähle, Körperverletzung. Einsatzkräfte der Polizei verbringen jedes Jahr Tausende Stunden dort. Mit Tendenz nach oben. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Zahlen fast verdoppelt. Mehr Drogendelikte und Diebstähle. Seit keine Dealer mehr im Görlitzer Park geduldet werden, stehen sie oft hier. Am Sonntag war mal wieder der U-Bahnhof gesperrt – eine Razzia der Polizei. Mittlerweile sind drei Kontaktbereichsbeamte nur für diesen Platz zuständig. Wie ist es an so einem Ort? Kann man ihn noch betreten?

Warten auf Stoff

Die Treppe rauf weht ein kalter Wind. In der Rinne neben den Stufen liegt Erbrochenes. Oben stehen mindestens 30 ausgemergelte Gestalten. Sie stehen dicht zusammen. Manche reden miteinander, die meisten stehen einfach nur da. Sie sind dürr, haben tiefe Schatten unter den Augen, wirre Haare, Ekzeme im Gesicht, schiefe Zähne. Man sieht ihnen an, dass sie seit Jahren harte Drogen nehmen. Man will da nicht durch. Lieber einen großen Bogen machen. Es fühlt sich an, wie ein Klumpen im Bauch. Passanten umschiffen die Gruppe. Ihnen geht es offenbar auch so.

Kalle und Serena sind zwei dieser Gestalten. „Keine Nachnamen“, sagen sie. Sie seien Ende 20, sagen sie. Beide sehen aus wie Ende 40. Und sie seien jeden Tag hier. Was tun sie dann? „Die Zeit vertrödeln, auf Stoff warten“, sagt Kalle. Mehr will er nicht sagen.

Auf der anderen Seite der Hochbahn, in dem großen Mietshaus an der Admiralstraße Ecke Skalitzer Straße kann man nachempfinden, wie sich das Drogenelend für die Mieter der Wohnhäuser anfühlt. Die Tür geht auf, wenn man beim Zahnarzt klingelt. In der 11. Etage ist es dunkel. An den Wänden sind Fragmente aufgemalter Blumen zu sehen, Reste eines Aktes der Verschönerung. Es ist dämmrig. Das Treppenhaus ist mit einer Holzplatte versperrt. Dahinter schreit jemand. Es klingt nach Schmerzen. Spätestens jetzt will man nur noch weg. Ein Stockwerk tiefer findet man Zugang. Die Flecken an den Wänden sehen nach Blutspritzern aus. Ein mittelalter Mann hockt auf den Treppenstufen und guckt verschreckt. Offenbar hat er Angst. Das ist eine eigenartige Erfahrung. Er ist doch derjenige, der Angst macht. Nein, Hilfe will er nicht. Eigentlich müsste man trotzdem. Es fühlt sich falsch an, jetzt zu gehen. Aber wenn er doch nicht will.

Handschuh und Mundschutz

Vielleicht ist es Zeit, dem Fluchtreflex nachzugeben. Der Fahrstuhl kommt sofort. Die Tür geht auf. Ein Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, quiekt leise auf. „Erschreckt?“ Sie nickt. Sie will ins Erdgeschoss. In der einen Hand hat sie einen Mundschutz, in der anderen Einmal-Handschuhe. „Im Keller ist es so eklig“, sagt sie. Begleitet werden will sie allerdings nicht und auf ein Gespräch lässt sie sich auch nicht ein.

Wieder draußen, kommt man einem Baum vorbei, in dem Fotos von Menschen hängen. „Friedensbaum“, steht auf einem Schild, „Ankara, 10.10.2015“. Der Baum erinnert an einen Anschlag auf eine Friedensdemo, bei dem 86 Menschen gestorben sind. Ein Mann kommt mit zwei Kindern vorbei, die Schulranzen tragen. Vielleicht gibt es ja auch Normalität an diesem Ort.

Es ist Zeit für einen heißen türkischen Tee. Bei dem orientalischen Friseur Hamdi Hamdi in einer kleinen Ladenpassage, die sich zum Kottbusser Damm erstreckt, gibt es immer einen. Gerade legt er einem Kunden einen akkuraten Scheitel und sprüht Haarfestiger darüber. Dann hat er Zeit. „Der Kotti ist doch nicht gefährlich. Das ist eine seltsame Behauptung. In Istanbul, da ist es gefährlich, letztes Jahr, das Jahr davor, dieses Jahr. Immer gibt es Anschläge“, sagt Hamdi. Die Junkies am Kottbusser Tor findet er nicht bedrohlich, die seien einfach nur arm dran. „Sieht man doch, eine Frau kann hier ganz allein Interviews machen. Es ist nicht gefährlich.“ So richtig überzeugt einen das zwar nicht, aber es beruhigt.

Draußen auf dem Platz schließt eine Frau eine öffentliche Toilette für einen jungen Mann auf. Am Boden liegen Spritzen. „Komm doch mit rein“, sagt der Mann. „Nee, ist mir zu eklig“, sagt sie.

Dunkle Passagen

Auf der anderen Seite der Hochbahn, an der Adalbertstraße, gibt es noch mehr Passagen. Auf der westlichen Straßenseite sind es verwinkelte zugige Durchgänge. Ungemütlich. „Die dunkle Seite des Mondes“ steht in großen Lettern auf einem Filmplakat. Das wirkt irgendwie passend an diesem Ort.

Auf der anderen Straßenseite ist es allerdings noch wesentlich dunkler. Schwarze Fliesen auf dem Boden, schwarze Gitter an der Decke und schwarze Farbe an den Wänden. Wer hat sich das ausgedacht? Man könnte hier prima Horrorfilme drehen. Irgendwo in der Ferne ist eine einzelne Lampe zu erkennen, wie ein Punkt am Horizont. Auch durch diesen Gang möchte man nicht gehen. Macht auch kaum jemand. Nur wer zu dem kleinen Fischladen auf halber Strecke will, dem bleibt nichts anderes übrig. Eine Frau steht an der Auslage und sucht Fische zum Abendessen aus. Schön finde sie die dunkle Passage auch nicht, sagt sie, „aber was soll’s“. Pragmatisch könnte man ihren Umgang mit der Situation am Kottbusser Tor nennen. Resigniert, würde es auch treffen.


Die 23 gefährlichsten Orte Berlins