07.02.2012

Brennpunktschulen: Berlin lernt von New York

Von Martin Klesmann
        

Schüler in New York City: Die Verwaltung der US-Metropole führte eine umfassende Schulreform durch.
Schüler in New York City: Die Verwaltung der US-Metropole führte eine umfassende Schulreform durch.
Foto: picture alliance / Image Source
Berlin –  

Die Bildungsverwaltung plant nach Vorbild der US-Metropole ein „Programm für Schulen in kritischer Lage“. Ziel ist es, Bildungsstätten in sozialen Brennpunkten zu stärken.

Berliner Problemschulen sollen mit Hilfe aus New York besser werden und leistungsstärkere Schüler hervorbringen. Vertreter der Berliner Bildungsverwaltung haben sich deshalb bereits im vergangenen Herbst mit Schulpolitikern in New York getroffen. Als Ergebnis dieser Konferenz will die Bildungsverwaltung gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung „ein Programm für Schulen in kritischer Lage“ initiieren, sagte Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Stiftung. Denn New York hat bereits im Jahr 2002 unter Bürgermeister Michael Bloomberg eine umfassende Schulreform durchgeführt, mit dem Ziel Schulen in sozialen Brennpunkten zu stärken.

Berlin machte sich ein paar Jahre später auf den Weg, sein Schulsystem zu reformieren. Die Ausgangslage in New York und Berlin war dabei durchaus ähnlich. In New York unterscheiden sich die Schülerleistungen zwischen dem sozial schwächsten und dem stärksten Stadtteil um 26 Prozent, in Berlin sogar um 34 Prozent.

Der Vergleich

Kosten: New York gibt pro Schüler 14 000 Euro jährlich aus, doppelt so viel wie im US-Durchschnitt. In New York sind das 34 Prozent des städtischen Budgets. Berlin gibt 6 600 Euro aus, 16 Prozent des Haushalts.

Schulform: In New York gibt es vor allem eine staatliche Schulform, die Schüler nach der 12. Klasse abschließen. Die Abbrecherquote liegt bei 12 Prozent, in Berlin bei 10 Prozent. Hier wechseln Schüler nach der sechsjährigen Grundschule in der Regel auf Sekundarschule oder Gymnasium.

Studie: „A Tale of two cities: Education Reform in New York City and Berlin“, heißt die Studie der Stiftung.

„Turnaround“ an New Yorker Brennpunkt-Schulen

Eine aktuelle Studie der Bosch-Stiftung macht aber deutlich, dass inzwischen viele Brennpunkt-Schulen in New York den „Turnaround“ geschafft haben, also sich zum Besseren gewandelt haben. Laut Studie sind dafür vor allem drei Elemente verantwortlich: „Schulautonomie, Leistungsverantwortlichkeit und der Ausbau von Führungskompetenzen“. Konkret heißt das: New Yorker Schulen in sozial schwierigen Gegenden haben eine deutlich größere Personal- und Finanzhoheit als Berliner Schulen.

Sie können über die Mittelvergabe und auch die Personalauswahl freier entscheiden. Im Gegenzug müssen sich die New Yorker Schulen allerdings „strikte Leistungsüberprüfungen“ gefallen lassen, für deren Ergebnisse laut Studie „die Schulleiter verantwortlich sind“. Ständige Leistungstests und Schulinspektionen münden in einen jährlichen Fortschrittsbericht ( „Progress Report“). Dieser vergleiche dann die Leistungen der Schulen, deren Schüler tatsächlich miteinander vergleichbar seien, so die Studie. Ein ähnlicher Vorstoß des ehemaligen Bildungssenators Jürgen Zöllner (SPD) war im vergangenen Jahr am Widerstand von Schulen und Bildungsforschern gescheitert.

Lehrer sollen früher in Leitungspositionen kommen

Als drittes Element erweiterte New York die Führungskompetenz der Schulleiter, deren Gehalt wurde deutlich angehoben und liegt nun 94 Prozent über dem normalen Einstiegslehrergehalt, in Berlin verdient ein Schuldirektor nur 47 Prozent mehr. Die Autoren der Studie fordern, dass Lehrer generell früher in Leitungspositionen kommen sollen. So will es die New Yorker Schulbehörde. Schulleitung funktioniere nur im Team. Das New Yorker Modell schlägt auch den Austausch von Schulleitungen vor, die ihre Ziele nicht erreichen. Zudem gibt es sogenannte „Turnaround“-Lehrer. Das sind Lehrer, die vorbildlichen Unterricht machen. Sie erhalten mehr Geld, andere Lehrer können deren Unterricht verfolgen.

In der US-Metropole gelten 27 Prozent der Schüler-Haushalte als arm, in Berlin sind es sogar 36 Prozent. Die Bildungschancen der Kinder würden sich weiter verschlechtern, wenn diese Kinder alle die „Krisenschule“ in ihrem direkten Umfeld besuchen. New York hat deshalb generell die freie Schulwahl eingeführt und die Schulen aus der Verantwortung der kommunalen Stadtbezirke herausgelöst. In Berlin bilden die Grundschulen weitgehend komplett das direkte Wohnumfeld ab, Schulträger sind hier üblicherweise die Bezirke.

Schulleiter anders auswählen

Die Studie lobt die Bemühungen Berlins, allen Schülern möglichst die gleichen Bildungschancen einzuräumen. Positiv erwähnt werden die kostenfreien Kitas, das duale Lernen ab 7. Klasse und das Losverfahren an nachgefragten Schulen. Vieles werde aber weiteren Reformbedarf nach sich ziehen. So dürften Leistungsvergleiche nicht als Strafmaßnahme verstanden werden. Schulleiter müssten „grundsätzlich anders ausgewählt und vorbereitet werden“. So sollen sie zum Beispiel teamfähig sein.

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