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Bryan Adams: Rock me, Oberschöneweide!

Verrostet und vermodert, aber mit viel Potenzial: eine der vier Reinbeckhallen.

Verrostet und vermodert, aber mit viel Potenzial: eine der vier Reinbeckhallen.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Es ist wahrlich keine Gegend mit hohem Glamourfaktor. Aus den eingeschlagenen Fenstern der Werkhallen auf dem alten AEG-Gelände an der Reinbeckstraße in Oberschöneweide wachsen Pappeln und Birken. Durchs kaputte Dach regnet es rein. Die vier denkmalgeschützten Backsteinhallen, jede 78 Meter lang und knapp 15 Meter breit, modern vor sich hin. Wo bis 1996 Transformatoren gebaut wurden, ist heute Industriewüste. Man muss schon Visionär sein, wenn man in diesem Ort etwas anderes sieht als eine triste Gegend tief im Südosten der Stadt.

Genau dort, wo Oberschöneweide am trostlosesten scheint, hat der kanadische Rocksänger Bryan Adams eine der vier alten Reinbeckhallen gekauft. Wofür braucht ein Weltstar eine Fabrikhalle, und wieso gerade dort? „Es ist die Gegend Berlins, die in den kommenden drei, vier Jahren das größte Potenzial hat, ein Ort für Kunst und Kultur zu werden“, sagt Michael Pauseback, Galerist am Pfefferberg und ein Bekannter des Rockstars.

Bryan Adams pflegt seit Jahren eine enge Verbindung zu Berlin. In der Stadt stellt der Sänger, der auch ein bekannter Fotograf ist, seine Fotos in Galerien aus, er präsentierte hier das Zoo Magazine, eine Zeitschrift für Fotografie, die er 2004 in Berlin gegründet hat und deren Mitherausgeber er ist. Auch bei der Fashion Week war der sympathische Sänger schon mehrfach zu Gast.

Und nun, so Pauseback, habe Adams in Berlin nach einem eigenen Ort für Kultur gesucht. Für ein Atelier und eine Fotogalerie, und als Arbeitsmöglichkeit für andere Kreative. „Weil er dafür am liebsten eine alte Fabrikhalle wollte, habe ich ihm im März die Reinbeckhallen gezeigt“, sagt Pauseback.

Große Pläne ohne Erfolg

Nach zehn Minuten Besichtigung war das Geschäft klar. Inzwischen ist der Kaufvertrag unterschrieben, arbeitet ein Architekt an Adams’ Projekt. Wann und was genau in der alten Halle passieren soll, steht noch nicht fest. Nur so viel: „Etwas qualitativ Hochwertiges soll dort entstehen, das auch öffentlich sein soll“, sagt Pauseback. Etwas, das der Gegend den entscheidenden Impuls geben soll. Denn Kultur und Kunst spielen in Oberschöneweide schon seit Jahren eine Rolle. Mehr als 400 Künstler arbeiten dort.

Auch in den Reinbeckhallen geht es seit Jahren um Kultur. Zunächst versuchte ein Verein, mit Veranstaltungen zahlendes Publikum dorthin zu holen. Doch der Verein ging pleite, die Hallen verfielen. Schließlich kauften ein Galerist aus Frankfurt am Main und ein Anwalt aus Berlin die Hallen von der TLG Immobilien. Ihr Enthusiasmus war groß. „Schauhallen“ nannten sie ihr Kulturprojekt, in das zehn Millionen Euro investiert werden sollten. Auf 9 500 Quadratmetern sollten 16 Galerien, zwei Privatsammlungen, zwei Filialen namhafter Museen moderner Kunst sowie Restaurants am Spreeufer entstehen. Doch die Idee misslang gründlich.

Zwar gab es einige ernsthafte Interessenten, wie das Museum für Moderne Kunst aus Frankfurt am Main, das seine Berliner Dependancen gern dort eingerichtet hätte. Zwar legte das Land Berlin für rund drei Millionen Euro an den geplanten „Schauhallen“ einen Stadtplatz an und baute auch den „Kaisersteg“ über die Spree wieder auf. Aber, so Galerist Pauseback: „Vor acht Jahren war noch nicht die Zeit für solche Visionen.“

Zumal das Zugpferd des geplanten Kulturortes, der chinesische Künstler Ai Weiwei, der eine der Reinbeckhallen als Atelier kaufen wollte, kurz zuvor verhaftet wurde. „Ai Weiwei hätte die Entwicklung maßgeblich voran getrieben“, sagt Pauseback.

Wellen im Wasser

Das soll jetzt Bryan Adams tun. Von einem „Aufschlag, der Wellen im Wasser erzeugt“, spricht man im Bezirksamt Treptow-Köpenick. Im dortigen Bauamt hat Bryan Adams bereits vorgesprochen, sagt Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD). Man befand: „Es gibt keine erkennbaren Kontroversen zu unserer Planung, die dort ein Sondergebiet für Galerien und Kunst vorsieht.“

Vielleicht kommt ja jetzt mit Adams doch ein wenig Glamour. Langsam soll sich die Gegend entwickeln, wünscht sich Michael Pauseback. Kein Event- oder Party-Ort soll entstehen. Pauseback und der Eigentümer der übrigen drei alten Hallen planen auch für diese einen Neuanfang. Denn jetzt sei die Zeit für Oberschöneweide gekommen.

Die bisherige Entwicklung scheint ihm recht zu geben. Gerade beginnt sich der Ortsteil zu verändern. Wo vor dem Mauerfall 25 000 Menschen in DDR-Großbetrieben gearbeitet und noch mal so viele gewohnt haben und wo nach dem Zusammenbruch der Industrie die große Bewohnerflucht einsetzte, ziehen Familien mit Kindern zu, die die niedrigen Mieten in den sanierten Altbauten sowie das nahe Waldgebiet der Wuhlheide schätzen.

Auch Studenten entdecken den Ortsteil langsam für sich. Gut 10.000 junge Leute bevölkern inzwischen den neuen Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft an der Wilhelminenhofstraße. Jedoch verlassen die meisten von ihnen die Gegend nach den Lehrveranstaltungen noch immer Richtung Innenstadt. Inzwischen sind aber erste Studentenappartements vor Ort gut gefüllt, neue sind geplant.

Wenn jetzt noch hochwertige Kunst hinzukomme, sagt Galerist Pauseback, dann werde Oberschöneweide etwas ganz Besonderes.