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Buch „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei“: Christopher Lauer und Sascha Lobo nehmen die Piraten auseinander

Mit Sendungsbewusstsein: Christopher Lauer (rechts) hat ein Buch über die Piraten geschrieben, Sascha Lobo hat bei der Analyse geholfen.

Mit Sendungsbewusstsein: Christopher Lauer (rechts) hat ein Buch über die Piraten geschrieben, Sascha Lobo hat bei der Analyse geholfen.

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Benjamin Biel

Als Christopher Lauer am 18. September seine Partei verließ, schien es, als habe einer der bekanntesten und umstrittensten Piraten bundesweit einfach so hingeschmissen. Doch das Datum war nicht zufällig gewählt. Auf den Tag drei Jahre zuvor, am 18. September 2011, waren die Piraten mit einem unerwartet hohen Stimmenanteil von 8,9 Prozent aus den Abgeordnetenhauswahlen hervorgegangen und hatten den Einzug in das erste Landesparlament Deutschlands geschafft. Seitdem ging es eigentlich nur bergab, in Umfragen erreichten die Piraten zuletzt nur noch drei Prozent. Und dann zog sich auch noch Parteichef Lauer aus der Verantwortung.

Doch dieser Schritt war auch das Ergebnis eines Prozesses, die Piraten waren ihm schon lange fremd geworden. „Ich musste erkennen, dass die Partei, für die ich in den letzten fünf Jahren gelebt und gearbeitet hatte, nicht mehr meine Partei war und schlimmer noch, es vielleicht nie gewesen war.“ Das schreibt Lauer in einem Buch, das er mit dem Autor und Blogger Sascha Lobo verfasst hat. „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei“ heißt es und ist seit diesem Montag als E-Book zum Preis von 3,99 Euro bei sobooks.de erhältlich.

„Unfähig, was die soziale Parteiarbeit anging“

Der Kauf lohnt sich, denn erfreulicherweise durchzieht dieser larmoyante Ton nicht das Buch. Auf 200 Seiten versuchen Lauer und Lobo, „ein Stück jüngste politische Geschichte fassbar zu machen“ und „ein Mikrosittengemälde der digitalen Gesellschaft“ zu entwerfen. Herausgekommen ist eine Kombination aus Erlebnisbericht und Außendarstellung, in der sie die Geschichte der Piraten seit Lauers Eintritt im Jahr 2009 beschreiben. In jedem Kapitel schildert zunächst Lauer in kursiver Schrift seine subjektive Sicht, der eine mit Lobo gemeinsam verfasste Analyse folgt.

Lobo begleitet seit 2009 „das politische Internetphänomen Piratenpartei“ kritisch, was seine Mitautorenschaft erklärt. Lauers Herangehensweise als kritisch zu beschreiben, wäre untertrieben. Das Buch kann auch als verbitterte, aber aufschlussreiche Abrechnung Lauers verstanden werden, mit den Piraten – und sich selbst. „Ich war schlichtweg unfähig, was die soziale Parteiarbeit anging“, schreibt der 30-Jährige. Ich wollte eine zentrale Figur in der Partei sein, aber ich habe mich einfach nicht wie eine zentrale Figur verhalten, sondern wie ein Enfant terrible.“

Nach einem einjährigen Aufenthalt in China trat Lauer 2009 bei den Piraten ein. Zu einer Zeit, als die Öffentlichkeit über den Plan der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) stritt, eine Netzsperre gegen Kinderpornografie einzurichten. Die Zensur-Debatte brachte den Piraten, die als die Verfechter einer digitalen Mitbestimmung im Netz galten, enorme Popularität. Jeden Dienstag ging Lauer in eine Kneipe an der Skalitzer Straße in Kreuzberg, in der sich der Landesverband traf und fühlte sich unter Gleichgesinnten. „Für mich kam überraschend, dass ich vor Ort keine langhaarigen, ungepflegten Nerds traf, die bloß Musik kostenlos runterladen wollten“, schreibt er. „Sondern Leute aller Schichten, die etwas zum Positiven verändern wollten. Das war nicht die Spaßguerilla, das waren Leute, die eine gerechtere, fairere Welt wollten und glaubten, das Internet kann dabei helfen.“

Lauer stieg in den Bundesvorstand auf. Doch schnell ging ihm die Unprofessionalität der jungen Partei auf die Nerven. Die Piraten seien „eine Flughafenattrappe samt Bodenpersonal“ gewesen. Sie „imitierten in ihrem Auftreten und Verhalten von Beginn an andere Parteien, ohne genau zu wissen, was sie da taten.“

Lauer beschreibt, wie Basisdemokratie, die die Piraten zum Prinzip erhoben haben, eine Partei lähmen kann, die sich nicht die nötigen Strukturen gegeben hat, um Beschlüsse zu fassen. Es gab keine Kreisverbände, kein Delegiertensystem. „Leider wurde der Begriff Basisdemokratie auch zur Verhinderung missliebiger politischer Entwicklungen benutzt. Dafür reichte es, laut genug zu schreien, dass irgendwas nicht basisdemokratisch beschlossen sei.“ Im Jahr 2010 überwarf sich Lauer mit der Bundespartei, die lieber über Standheizungen für den Parteitag statt über Inhalte debattiere. Der linksalternative Berliner Landesverband war im Bund immer in der Minderheit.

Doch auch im Berliner Landesverband hatte sich Lauer, der als schwierig im Umgang gilt, Feinde gemacht. Für die Abgeordnetenhauswahl 2011 landete er im Sommer nur auf dem zu dieser Zeit wenig aussichtsreich erscheinenden zehnten Listenplatz. Lauer versuchte, über ein anderes Wahlverfahren auf einen besseren Platz vorzurücken. „Die Aktion, die unter #7Piraten bekanntwurde, ging total nach hinten los.“ Innerparteiliche Gegner wie Fabio Reinhardt, inzwischen der integrationspolitische Sprecher der Piratenfraktion, hätten diese Initiative für eine Generalabrechnung genutzt.

Nach einem originellen Wahlkampf der Piraten „Wir sind die mit den Fragen, ihr seid die mit den Antworten“ erzielte die Partei einen Überraschungserfolg. Lauer konnte doch ins Abgeordnetenhaus einziehen. Das habe sich unwirklich angefühlt, aber auch wie ein Gefühl des Aufbruchs. Im Parlament machte sich Lauer mit launigen, manchmal bizarren Redebeiträgen rasch einen Namen. Er wurde zu Talkshows eingeladen und mit Joschka Fischer verglichen. Sein Stand in der Partei habe sich dadurch nicht verbessert. Lauer glaubt, dass die Piraten ihm den Erfolg in den Medien geneidet haben.

Die 15 Abgeordneten der Piratenfraktion hätten sich „Machtspielchen im Kindergartenstyle“ geliefert. „Die Streits, die in der Fraktion entstanden, zum Beispiel um die Verteilung der Büros, waren fast allesamt Stellvertreterkämpfe. Die wahren Konflikte traute man sich nicht auszutragen, vor allem wegen der Furcht vor der unerbittlichen Transparenz.“ Nicht nur bei ihm habe das zu Rückzug, Verbitterung und Pose geführt. Dennoch habe die Fraktion schnell zu einer fundierten Zusammenarbeit gefunden. Fraktionschef Martin Delius, dem Lauer im Buch dankt, übernahm im BER-Untersuchungsausschuss den Vorsitz. Auch Lauer, der der Fraktion nach seinem Parteiaustritt weiter angehört, profilierte sich als Innenpolitiker.

Hass im Netz

Warum die Piraten dennoch an Zustimmung verlieren, erklären Lobo und Lauer im Analyseteil mit den Phänomenen „Regener und Twitter“. Der Musiker und Schriftsteller Sven Regener hatte sich 2012 empört, dass die Piraten das Urheberrecht abschaffen wollen. Auf einmal standen sie als Partei da, die Künstler enteignen wollen. Das habe den Piraten schwer geschadet. Am meisten hätten sie sich jedoch selbst mit ständigen Hassbotschaften auf Twitter beschädigt.

2013 war Lauer Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt, weil er sich in die Tochter der Pressesprecherin verliebt hatte. Auch aus seiner Fraktion kam Kritik. Wieder habe ihn Reinhardt angegriffen und 33 Fragen präsentiert, „die meiner öffentlichen Demontage dienen sollten“. In diesem Jahr scheiterte Lauer zudem mit einer Kandidatur für den Bundesvorstand. Er zog einen Schlussstrich. Ein Fazit seiner Zeit als Pirat zog einer seiner Follower auf Twitter: „Hätt ja auch alles klappen können.“



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