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Bürgerinitiative in Berlin Oberschöneweide: Berliner kämpfen gegen Wohnbebauung in Industriegebiet

Oberschöneweide: Es ist noch viel Entwicklung möglich – und nötig.

Oberschöneweide: Es ist noch viel Entwicklung möglich – und nötig.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Der Stein des Anstoßes ist zweidimensional – noch, muss man dazu sagen. Es sind mehrere Rechtecke auf einem Projektplan für das alte Industriegebiet Oberschöneweide, zwischen Spree und Wilhelminenhofstraße. Die Vierecke stellen Wohnungen dar, die an der nordöstlichen Seite des Flusses gebaut werden sollen. So stellt es sich der Eigentümer vor, die irische Toruro GmbH & Co. KG, der die großen Flächen mit den hohen Hallen vor Jahren gekauft hat. Bei den Parlamentariern im Bezirk ist die Bereitschaft groß, auf dem Areal eine gemeinsame Nutzung durch Wohnen und Gewerbe zuzulassen.

Nicht so bei Unternehmern und Kritikern, die eine schleichende Verdrängung von Gewerbe fürchten, wenn einmal Wohnungen gebaut sind. Eine Bürgerinitiative hatte Unterschriften zu einem Einwohnerantrag gesammelt, mit dem die Wohnbebauung in dem früheren Industrieareal verhindert werden soll. 1 000 Unterschriften von Bürgern aus dem Bezirk waren notwendig, damit sich die Bezirksverordnetenversammlung mit dem Thema befassen muss. Diese hat die Initiative zusammen.

Konflikte nicht zu vermeiden

Der Einwohnerantrag ist kurz, aber eindeutig: „Das Bezirksamt wird ersucht, den Bebauungsplan 9-58 („Rathenau-Hallen“) dahingehend zu ändern, dass ausschließlich gewerbliche Entwicklung in den Bestandsgebäuden zugelassen werden und auf die Ausweisung eines Wohnanteils komplett verzichtet wird.“ Der Antrag soll an diesem Mittwoch dem Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung übergeben werden. Am Abend wird sich der Ausschuss für Stadtentwicklung mit dem Thema befassen.

Die Initiatoren klagen, dass die Pläne mit der Wohnbebauung „auf Dauer den Gewerbestandort kaputtmachen“, sagt Susanne Reumschüssel, die auf dem Gelände den Industriesalon mitaufgebaut hat. Dort werden mittlerweile schon fast historische Zeugnisse aus den alten Betrieben wie TRO und KWO aus DDR-Zeiten ausgestellt. Wohnen und produzierendes Gewerbe an einem solch kompakten Standort würden „unweigerlich zu Konflikten führen“, die letztendlich Gewerbe vertreiben würde.

Sie verweist ebenso wie Mitstreiter Stefan Förster, Vorsitzender des Bezirksdenkmalsrats und viele Jahre selbst Bezirksverordneter, auf den unvermeidlichen Lkw- oder Gabelstaplerverkehr, der mit der Nutzung als gewerblich genutzte Fläche einhergehen würde – und den sich Besitzer von teuren Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft nicht lange ansehen würden. Die Wohnbebauung komme ihr wie ein Kuckucksei vor, das in das Nest des Industriestandortes gelegt werde. Sie glaube nicht an ein friedvolles Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe am Standort.

„Oberkante 25 Prozent“

Auch der örtliche Unternehmerkreis, dem etwa die First Sensor AG und der Batteriehersteller BAE angehören, hat große Bedenken. Die ehemaligen Industrieflächen seien von den jetzigen Eigentümern als Flächen für gewerbliche Nutzungen erworben worden, sagt die stellvertretende Vorsitzende Janin Weller. Das vorgestellte Nutzungskonzept für die Rathenau-Hallen lege aber den Wohnungsbau als Basis für jegliche Entwicklungen zugrunde.

Konflikte, die das Gewerbe einschränken oder auch zum Erliegen bringen, seien vorprogrammiert. Die Wirtschaftsförderer vom Regionalmanagement Schöneweide sprechen sich dafür aus, dass die gewerbliche Entwicklung zu mindestens 80 Prozent abgeschlossen sein sollte, bevor der Wohnungsbau realisiert wird.

Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) widerspricht energisch. Es sei zwar völlig klar, dass das alte Industriegebiet Oberschöneweide großes Potenzial für gewerbliche Ansiedlungen habe, „vielleicht sogar eines der größten in der Stadt“. Aber er betont: „Ich sehe nicht, dass wir uns mit einem Anteil Wohnungsbau auf dem Gelände etwas verschenken. Wenn sich Gewerbe und Wohnungen so sehr ausschließen, wie die Kritiker meinen, dann dürfte es in der ganzen Stadt kein Nebeneinander von wohnen und arbeiten geben.“ Es gebe immer eine Lösung, sagt er, auch bei Lärmbelastungen: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

Der Bezirksbürgermeister verweist darauf, dass „laut Angaben der Stadtplanung auf dem gesamten Gelände bis zu 25 Prozent Wohnungsbau möglich“ sei. Das sei dem Investor eigentlich zu wenig, „aber wir im Bezirk sagen: Das ist die Oberkante, das muss reichen“.