26.01.2012

Bürgerplattform Neukölln gegründet: "Wir wollen nicht in einer Parallelgesellschaft leben"

Von Andrea Beyerlein
        

Die Zivilgesellschaft von Neukölln: Über Tausend Teilnehmer kamen zur Gründungsfeier der neuen Bürgerplattform.
Die Zivilgesellschaft von Neukölln: Über Tausend Teilnehmer kamen zur Gründungsfeier der neuen Bürgerplattform.
Foto: Gunter Jancke
Berlin –  

In Neukölln haben 30 Vereine, Institutionen und Gemeinden verschiedener Religionen die dritte Berliner Bürgerplattform gegründet. Die Themenliste ist lang: Von Wachschutz an den Schulen bis zu den langen Warteschlangen am Jobcenter.

Ayse Erygit ist Mitglied einer islamischen Gemeinde in Neukölln. Die junge Frau mit dem Kopftuch steht zusammen mit Elisabeth Wackers auf der Bühne. Die ältere Dame engagiert sich in der Katholischen St.-Clara-Gemeinde. „Ich bin neugierig darauf, neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Wir wollen als organisierte Bürger ernst genommen werden“, sagt Ayse Erygit. Dann lacht sie etwas verlegen. „Und ich bin sehr aufgeregt.“ Vor ihr im Saal sitzen über Tausend Menschen und fangen an zu applaudieren.

Im Festsaal Villa Müzikhol am Kiehlufer werden oft türkische Hochzeiten gefeiert. Am Mittwochabend ist dort eine sehr bunte Gesellschaft zusammengekommen, um die Bürgerplattform Neukölln nach gut zweijähriger Vorbereitungszeit feierlich zu gründen. 30 Gemeinden, Vereine und Institutionen aus dem Bezirk sind daran beteiligt und eine Reihe von Unternehmen, die das Projekt finanziell unterstützen.

Kräfte bündeln

Nach Schöneweide und Wedding/Moabit ist es die dritte Plattform in Berlin, die sich nach dem in den USA seit Jahrzehnten praktizierten und auch in London überaus erfolgreichen Modell des „Communal Organizing“ zusammen- schließt. Die Grundidee ist es, in sogenannten Problemvierteln die Kräfte all jener zu bündeln, die etwas voranbringen, zum Besseren verändern wollen. Nach Berlin importiert hat diese Idee der US-amerikanische Theologe Leo Penta, Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Karlshorst und Leiter des angeschlossenen Deutschen Instituts für Community Organizing (DICO).

Die vor zehn Jahren gegründete Plattform in Schöneweide etwa hat die Ansiedlung der Hochschule für Technik und Wirtschaft auf einer ehemaligen Industriebrache durchgesetzt. Das DICO finanziert sich ausschließlich aus Spenden von Unternehmen und Zuwendungen etwa der BMW- und der Körber-Stiftung sowie des Generali-Zukunftsfonds.

Die Motoren für die Gründung und das weitere Funktionieren der Bürgerplattformen sind beim DICO angestellte hauptamtliche Organizer wie Gunther Jancke. Der gebürtige Lichtenberger hat an der Hochschule für Sozialwesen studiert und war schon in Schöneweide dabei. Gemeinsam mit einer Kollegin hat er die Gründungsphase in Neukölln betreut und wird in Kürze als DICO-Beauftragter für Nordrhein-Westfalen dortige Initiativen unterstützen.

Endlich zeigen, was wir können

„Es ist ein bisschen wie das Erwecken von Leuten, die nicht mehr glauben, dass sie politisch etwas gestalten können“, sagt Jancke. „Wir suchen Führungspersonen für die Zivilgesellschaft.“ Im Englischen nenne man solche Persönlichkeiten community leader. „Im Deutschen gibt es kein Wort dafür.“ Auch wenn in den verschiedenen Stadtteilen Neuköllns schon funktionierende, aktive Netzwerke existierten, hätten sich viele der Protagonisten der neuen Bürgerplattform zuvor noch nie gesehen, sagt Jancke.

Das gilt zum Beispiel auch für Ayse Erygit und Elisabeth Wackers, die mittlerweile befreundet sind. In der Vorbereitungszeit haben sich die beiden Frauen öfter zum Arbeitsfrühstück getroffen und sind gemeinsam nach London gereist. Dort konnten sie miterleben, wie viel Einfluss solche Plattformen entwickeln können – mittlerweile gibt es dort 18 im gesamten Stadtgebiet. Die sind inzwischen auch ein gefragtes Forum im gegenwärtigen Londoner Bürgermeister-Wahlkampf. Eine im Berliner Wahlkampf von den Plattformen organisierte Befragung der Spitzenkandidaten mit über Tausend Teilnehmern scheiterte noch an der Absage von Klaus Wowereit.

Das Gründungstreffen am Mittwochabend in der Villa Müzikhol ist straff organisiert. In kappen Worten erklärt auf der Bühne ein Sprecher jeder Mitgliedsgruppe, warum er dabei sein will. „Wir wollen nicht in einer Parallelgesellschaft leben“, sagt die Vertreterin der Neuköllner Begegnungsstätte. „Wir sind deutsche Muslime, die endlich zeigen wollen, was sie können. Das geht nur in einer Gemeinschaft.“

Welche Themen die Plattform als Erstes aufgreift – Vorschläge reichen vom Wachsschutz an den Schulen bis zu den langen Warteschlangen am Jobcenter – soll auf Beratungstreffen in den kommenden Wochen entschieden werden. Aber einen Namen hat sie sich schon gegeben:. „Wir in Neukölln – WIN“.

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