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Bundeskongress der Straßenkinder: „Wir sind die Einzigen, die überlebt haben“

In der AG „Das Jobcenter+Ich“ berichten die Jugendlichen von ihren Erfahrungen mit der Behörde.

In der AG „Das Jobcenter+Ich“ berichten die Jugendlichen von ihren Erfahrungen mit der Behörde.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann (2)

Am späten Samstagmorgen ziehen die Kongressteilnehmer mit lautem Gejohle in ihre Workshops. Einige Punks in dem wilden Haufen halten ihre selbst gebastelten Transparente hoch: „Das Jugendamt+Ich“ steht da drauf, „Das Jobcenter+Ich“ und „Gelderwerb und Grundeinkommen“. Elf solcher Komplexe hat sich Vorbereitungsgruppe ausgedacht, über diese Themen wollen die Straßenkinder auf ihrem ersten Bundeskongress reden.

Die jüngste Teilnehmerin ist 13 Jahre alt

Etwa 120 Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Land sind angereist, ganz offiziell mit Bahnfahrkarten und einer Kongresseinladung im Gepäck. Die jüngste Teilnehmerin ist 13 Jahre alt, einige Frauen haben ihre kleinen Kinder dabei. Am Rande der Stadt, in einer Montessori-Schule im Ortsteil Buch, verbringen sie drei Tage zusammen, mit Workshops, Spielen, Gesprächen, Kino und Konzerten. „Die Geschichten der anderer interessieren mich“, sagt Alina, ein 15-jähriges Mädchen, das auf der Straße lebt. Deshalb habe sie sich die Arbeitsgruppe „Wie ich auf der Straße gelandet bin“ ausgesucht.

Die Kongressräume sind Sitzungssaal und Schlafunterkunft zugleich, überall liegen Schlafsäcke und Isomatten, Klamotten und Handtücher. Die Jugendlichen sitzen im Kreis, alle stellen sich vor. Antje erzählt, sie sei 13 gewesen, als sie von zu Hause fortging und auf der Straße lebte. Sie wurde heroinabhängig. Heute ist sie 34, sie hat zwei Kinder und macht eine Ausbildung. Ihre Sucht behandelt sie mit Methadon. Antje hat beim Kongress Sabrina wiedergetroffen, die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit am Kölner Hauptbahnhof. „Wir sind die Einzigen von damals, die überlebt haben“, sagt Antje. „Alle anderen sind entweder tot oder ganz am Ende.“

Gewalt, Drogen, Betteln

Die Leute im Kreis hören aufmerksam zu, die meisten reden ohne Scheu über ihr bisheriges Leben, viele haben Ähnliches erlebt, Gutes ist selten dabei. Als sie auf der Straße landeten, ging es weiter: Gewalt, Drogen, Betteln, eine Unterkunft für die Nacht suchen. „Den meisten Menschen ist gar nicht klar, dass es Kinder gibt, die auf der Straße leben müssen“, sagt jemand. „Viele Eltern übertragen ihre Probleme auf ihre Kinder“, sagt eine Frau. „Jedes Kind hat das Recht, gewaltfrei aufzuwachsen. Und wir haben auch eine Verantwortung für die anderen Kinder.“ Alle nicken.

Jan, ein Betreuer, moderiert die Runde, sein Kollege bietet den Teilnehmern an, zwischendurch auch mal mit ihnen rauszugehen, wenn die emotionale Belastung zu groß werde und sie weinen müssten. Jan fragt nach Gründen, warum die Kinder auf der Straße gelandet sind. Schnell kommen die Antworten aus der Runde: falsche Freunde, sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt, Sucht der Eltern, Inkompetenz des Jugendamtes. „Manche Eltern versagen als Grundausbilder ihrer Kinder“, sagt Sabrina.

Auch Koks und Speed gehörten dazu

Das hat auch Nico spüren müssen. Der 16-jährige Berliner erzählt, er sei mit sechs Jahren ins Heim gekommen, habe in etwa 40 Einrichtungen und auf der Straße gelebt, zurzeit schlafe er bei einem Freund auf einer Matratze. Nico sagt, seine Mutter sei hartherzig, er konnte nicht bei ihr bleiben. Lange begann sein Tag mit „aufstehen, chillen und kiffen.“ Auch Koks und Speed gehörten dazu. Therapeuten haben viele Jahre mit Nico geredet, das Geschehene mit ihm aufgearbeitet. „Heute kann ich über meine Vergangenheit reden. Heute weiß ich, dass das Leben nicht nur aus Abhängen und Feiern besteht.“

Nico ist selbstbewusst, er redet reflektiert über sein Schicksal. Heute besucht er eine Tagesgruppe in Lichtenberg, er lernt dort, seinem Leben eine Struktur zu geben. Bald will er in eine betreute Wohnung ziehen, eine Ausbildung zum Koch machen, Fachabitur und danach studieren. „Über all das will ich auf dem Kongress reden. Wir haben doch alle die gleichen Probleme!“

Sie wollen sich wiedertreffen

Die Ergebnisse des Kongresses wollen die Teilnehmer nun Bundesfamilienministern Manuela Schwesig vorstellen. Sie fordern mehr Respekt und unbürokratische Hilfe, Chancen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, qualifiziertes Personal bei den Jugendämtern und der Polizei. „Den Straßenkindern ist klar, dass sie mit ihren Erfahrungen wie häusliche Gewalt, Missbrauch und Sucht besondere Bedürfnisse bei der Bewältigung ihrer Traumata benötigen, um ihren individuellen Platz im Leben zu finden“, sagt Jörg Richert vom Verein Karuna, der den Kongress mitorganisiert hat.

Und noch etwas haben die Straßenkinder beschlossen. Sie wollen sich wiedertreffen. Zur zweiten Bundeskonferenz im nächsten Jahr.



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