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Berliner Zeitung | Bundesverdienstkreuz: Der Kalif von Neukölln
03. December 2012
http://www.berliner-zeitung.de/5818754
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Bundesverdienstkreuz: Der Kalif von Neukölln

Kazim Erdogan aus Berlin erhält für sein Bemühen um die Integration von Migrantinnen und Migranten das Bundesverdienstkreuz. 2004 gründete Erdogan die "Initiative für ein besseres Neukölln".

Kazim Erdogan aus Berlin erhält für sein Bemühen um die Integration von Migrantinnen und Migranten das Bundesverdienstkreuz. 2004 gründete Erdogan die "Initiative für ein besseres Neukölln".

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dpa

Berlin -

Es scheint erst mal nicht ins Klischee von der unterdrückten Kopftuchfrau zu passen, aber Mädchen mit türkischen Wurzeln haben es heute in gewisser Weise leichter als ihre Brüder. Während die Jungs oft in klassischen Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre gefangen sind, brechen die Mädchen durch Bildung aus. Es gibt viele Vorbilder, deutsch-türkische Autorinnen, Bloggerinnen, Moderatorinnen, Anwältinnen, und sogar drei Ministerinnen. Bei den Männern sind solche Identifikationsfiguren seltener (oder sie sind öffentlichkeitsscheu).

Eines jener seltenen Exemplare heißt Kazim Erdogan, 59 Jahre alt, Gründer der deutschlandweit ersten türkischen Väter-Gruppe. Seit 2003 arbeitet der Psychologe in Neukölln, dem Stadtviertel, das in einem Atemzug mit dem Zusatz Problemkiez genannt wird, in dem sich symbolhaft alle Konflikte der modernen Gesellschaft ballen.

Erdogan versucht seit Jahren, in dem verarmten Bezirk so etwas wie Gemeinwesen und bürgerschaftliches Engagement aufzubauen. Er ist bereits vielfach ausgezeichnet, nun kam das Bundesverdienstkreuz dazu. 25 weitere Ehrenamtliche erhielten am Montag im Schloss Bellevue die Auszeichnung, darunter aus Berlin auch Irene Melzer, die sich seit 1976 im Seepark Karlshorst engagiert.

Glaubt man Wikipedia, ist Erdogan auch der erste Deutsch-Türke, der mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wird. Einzig der frühere Staatspräsident Süleyman Demirel erhielt im Jahr 2000 von der rot-grünen Regierung das Großkreuz des Verdienstordens, das Regierungschefs bekommen können. Ob Erdogan wirklich der Einzige ist, kann das Bundespräsidialamt allerdings nicht zweifelsfrei bestätigen. „Wir erfassen keinen Migrationshintergrund“, sagt ein Sprecher.

Selbstironisch nennt Erdogan sich „Kalif von Neukölln“, er ist das Gegenstück zu Heinz Buschkowsky, seinem Dienstherr, der einen anderen Ton pflegt. Es spricht auch für den Bezirksbürgermeister, dass er Erdogan machen lässt, der mindestens genauso sendungsbewusst wie sein Chef ist. Doch während Buschkowsky Verbalradikalismus übt und damit viele vor den Kopf stößt, arbeitet Erdogan auf Augenhöhe. Einmal die Woche trifft sich die Väter-Gruppe im Büro des Psychosozialen Dienstes.

Über Gefühle reden

Es gibt Tee, Butterkekse, es geht um Gewalt, den Einfluss des Islam und Doppelmoral. Viele lernen hier zum ersten Mal, über ihre Gefühle zu reden. „Bevor ich in die Gruppe kam, wusste ich nicht, wie ich mit meiner Frau und meinen Kindern reden sollte, es gab oft Streit“, sagt der 66-jährige Dursun. Ein halbes Jahr nach der ersten Sitzung hat er seiner Frau Blumen gekauft, zum ersten Mal in seinem Leben. Berkant, 39 Jahre, ließ sich von seiner Frau bedienen, bis sie ihn verließ und er plötzlich als alleinerziehender Vater zweier Söhne dastand. Erdogan bringt diese Männer, die es nicht gewöhnt sind, Schwächen zu zeigen, zum Reden, fragt nach, muntert auf. Er ist für viele wie ein älterer Bruder. „Viele Themen werden von der türkisch-muslimischen Gesellschaft tabuisiert.“

Er lehrt die Männer auch, dass man sich in eine Debatte einmischen muss, um ernst genommen zu werden. So ließ er den Bestsellerautor Thilo Sarrazin nach Neukölln kommen, um mit den von ihm beschimpften Muslimen zu reden. Er protestierte mit seiner Vätergruppe gegen das von der schwarz-gelben Regierung verabschiedete Betreuungsgeld.

Die Männer in Neukölln nehmen ihn ernst, auch, weil er einer von ihnen ist. 1974 kam er als 21-Jähriger aus einem kurdisch-alevitischem Dorf in Zentralanatolien nach Berlin, er sollte bei einem Onkel in Neukölln unterkommen, der nahm ihm sein Erspartes ab, um es ins Wettbüro zu tragen. Bevor Erdogan zum Psychologie- und Soziologie Studium an der FU Berlin zugelassen wurde, schuftete er illegal in verschiedenen Jobs, trug Kühlschränke, putzte bei IBM. So erzählte er es später seiner Biografin Isabella Kroth. Nebenher lernte er Deutsch, den Akzent kann man bis heute hören. Er heiratete, bekam zwei Töchter, eine macht gerade ein soziales Jahr in den USA. Seine Frau war am Montag auch bei der Ehrung und machte stolz Fotos.

Das Bundesverdienstkreuz sieht er als Lohn auch für die Menschen, die ihn in den vergangenen Jahren unterstützt haben, sagte Kazim Erdogan. Er hofft, dass es ihm in Zukunft nützt, wenn er für seine Projekte Geldanträge stellt. Wann immer man ihn anruft, hat er zehn neue Initiativen im Kopf. Mindestens. „Die Integration ist wie ein Auto“, sagte er mal, „ohne Pflege rostet sie.“


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