blz_logo12,9

Bunte 111: Roma-Integration in Reinickendorf

Das Haus sei in einem desolaten Zustand gewesen, erinnert sich Kerstin Kirsch, Geschäftsführerin der Gewobag MB, an ihren ersten Eindruck von der Scharnweberstraße 111. Als das Wohnungsbauunternehmen das Gebäude in Reinickendorf im vergangenen Jahr erwarb, seien Hof und Durchgänge verdreckt und die Wohnungen im Hinterhaus überbelegt gewesen. Dort lebten damals fünf Romafamilien teilweise ohne Strom und funktionierende Sanitäranlagen. „Die Situation war stellweise unzumutbar“, berichtet Kirsch.

Frontlinie zwischen Vorder- und Hinterhaus

Doch nicht nur der bauliche Zustand war prekär. Auch menschlich brodelte es zwischen den alteingesessenen Bewohnern im Vorderhaus und ihren neuen Nachbarn aus Rumänien: „Zwischen Vorder- und Hinterhaus verlief eine Frontlinie. Es gab unterschiedliche Lebensstile und eine Sprachbarriere“, sagt Daniel Berger, dessen Verein Phinove Romafamilien in Berlin betreut, sie etwa bei Behördengängen unterstützt und Sprachkurse anbietet.

Seit einigen Monaten versucht der Verein nun in einem gemeinsamen Modellprojekt mit Senat, Bezirk und Vermieter die bestehenden Spannungen abzubauen und die Inklusion der Roma voranzutreiben.

So hat etwa die Gewobag die Wohnsituation der Familien verbessert. Sie ließ fünf leerstehende Wohnungen instand setzen, die anschließend von den Romafamilien renoviert und bezogen worden. Diese erhielten erstmals auch eigene Mietverträge, bisher hatten sie oft nur als Untermieter in dem Haus gelebt. Im Gegenzug untersagte die Gewobag den neuen Mietern selbst Matratzen unterzuvermieten, um eine erneute Überbelegung der Wohnungen zu verhindern.

Der Verein Phinove erhielt für seine Arbeit kostenlos Räume im Seitenflügel des Hinterhauses. Berger sieht ihn als „Mittler, zwischen den nichtrumänisch sprechenden Bewohnern und den Roma.“ Neben der dennoch weiterhin bestehenden Sprachbarriere sieht er einen Grund für die Spannungen in den unterschiedlichen Lebensstilen: „In Südeuropa ist es normal, dass das Leben viel auf der Straße stattfindet. Für Deutsche ist das ungewohnt.“

Außerdem sieht Berger eine gewisse Kinderfeindlichkeit in der Bevölkerung, die sich etwa aus Lärmgründen gegen Kitas wehren würde: „Diese Kinderfeindlichkeit lässt sich sehr leicht auf Roma projizieren, die oft viele Kinder haben.“

Dass das gemeinsame Integrationsprojekt nun Früchte trägt, lässt sich seiner Ansicht nach auch am Zustand des nun mehr gepflegten Hofes ablesen: „Durch die Mietverträge wurde auch die Bereitschaft gesteigert, sich in die Hausgemeinschaft einzubringen“, sagt Berger.

Die sichtbaren Spuren sind seit dem Wochenende noch deutlicher und bunter geworden. Das Gewobag Streetart-Projekt Urban Nation hatte ein sechsköpfiges internationales Künstlerteam eingeladen, gemeinsam mit den Bewohnern die beiden Häuser in der Scharnweberstraße 111 zu verschönern.

Das Ergebnis ist farbenfroh. Die vormals graue Fassade des Hinterhauses schmücken nun bunte Blätter, im Durchgang wird eine ausgedehnte Stadtsilhouette von Vögeln umschwirrt. Vor allem die Kinder hätten sich rege beteiligt, freute sich Kirsch bei der feierlichen Präsentation der „Bunte 111“, wie der Komplex nun genannt werden soll, am Montag.

„Vielleicht doch kein Pack“

Berger hält Kinder ohnehin für die wichtigsten Vermittler, denn diese würden schnell miteinander spielen, egal ob sie Deutsche oder Roma seinen: „Die Eltern machen dann die Erfahrung, dass die Roma vielleicht doch kein Pack sind, mit dem man nichts zu tun haben will.“ Es sei jedoch noch ein weiter Weg bis sich das Verhältnis zwischen Alt- und Neumietern normalisiert: „Frust und Vorurteile, die sich über Jahre aufgebaut haben, sind schwer über Nacht abzubauen“, erklärt Berger. Auch Kirsch sagt: „Die Frontlinie ist nicht abgebaut, sondern eher aufgeweicht.“

Und so fanden sich bei der Präsentation der Streetart-Aktion am Montagvormittag kaum Bewohner des Vorderhauses. Lediglich eine Rentnerin aus dem Nachbarhaus, die dort nach eigenen Angaben seit über 40 Jahren wohnt, beantwortete einige Fragen und war dabei spürbar um diplomatische Antworten bemüht. Sie störe vor allem der Lärm der Kinder. Kinder würden zwar immer laut sein, aber seit dem die Roma hier wohnen, sei es extrem. Ihren Balkon könne sie deshalb nicht mehr benutzen. Aber immerhin sei es jetzt schön bunt geworden.

Trotz der offenbar vorhandenen Zurückhaltung in der Nachbarschaft ist das Modellprojekt für die Politik, die am Montag in Person der Integrationsbeauftragten des Senats, Monika Lüke, und des Bezirksstadtrat für Wirtschaft, Gesundheit und Bürgerdienste in Reinickendorf, Uwe Brockhausen, vertreten war, ein Vorzeigeversuch der Integration.

Zuzug der Roma eine „gewaltige Herausforderung“

Beide fanden viele lobende Worte. „Wir hoffen, dass die Scharnweberstraße 111 eine Signalwirkung hat. Wir brauchen mehr solcher Projekte“, fordert Brockhausen, der im Zuzug der Roma eine „gewaltige Herausforderung“ für seinen Bezirk sieht, die dieser nur begrenzt beherrschen könne. So müssten etwa Kita- und Schulplätze für die Kinder bereitgestellt und vor allem Sprachbarrieren abgebaut werden. Brockhausen berichtet, dass bei vielen Roma-Familien auch eine gewisse Skepsis gegenüber Hilfsangeboten und Behörden herrsche.

Vom Senat erhofft er sich mehr Unterstützung bei der Integration der Roma, auch wenn dieser etwa bereits die Arbeit von Phinove gefördert habe. „Natürlich sind die finanziellen Möglichkeiten des Senats begrenzt, aber man muss eben Prioritäten setzen. Wenn man sieht, dass Probleme da sind, muss man gezielt gegensteuern.“

Der Bezirksstadtrat betont jedoch auch, dass Roma nur ein Thema von vielen im sozialen Brennpunkt rund um die Scharnweberstraße seien. Brockhausen würde sich daher wünschen, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Gegend als ein besonders förderbedürftiges Quartier definiert, so dass der Bereich durch zusätzliche Mittel und ein Quartiermanagement gemeinsam mit den Bürgern vorangebracht werden könnte.

Wie dies gehen kann, zeigt sich, zumindest in Ansätzen, an der „Bunten 111“. Die Gewobag hat dort im Hinterhaus mittlerweile auch die übrigen acht leerstehenden Wohnungen renoviert und sucht für diese nun neue Mieter, die bereit sind das Projekt weiter voranzubringen. Im November sollen die Bewohner gemeinsam mit Landschaftsarchitektur-Studenten über die künftige Hofgestaltung entscheiden. Die dabei entstehenden Pläne sollen dann im kommenden Jahr umgesetzt werden



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?