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Bustouren und sogar Mietverträge: Wie Berlin anderswo Junglehrer umwirbt

Gekommen, um zu bleiben? Andrang bei den Beratungsgesprächen für auswärtige Junglehrer im Erhard-Haus.

Gekommen, um zu bleiben? Andrang bei den Beratungsgesprächen für auswärtige Junglehrer im Erhard-Haus.

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Paulus Ponizak

Verbilligte Bahn-Tickets, günstige Übernachtungsmöglichkeiten und Bustouren in ausgewählte Bezirke: Damit lockte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Sonnabend über 200 ausgebildete Nachwuchslehrer aus anderen Bundesländern nach Berlin. Zum Info-Tag ins Ludwig-Erhard-Haus, dem Sitz der Berliner Industrie- und Handelskammer, kamen auffallend viele Interessenten aus Nordrhein-Westfalen, aber auch interessierte Lehrer aus Baden-Württemberg oder Bayern. In diesen Bundesländern wird derzeit nämlich kaum ein Lehrer eingestellt, während Berlin allein in diesem Jahr wegen der vielen Pensionierungen dringend über 2 000 neue Lehrer sucht.

Die neugierig angereisten Junglehrer bekommen Häppchen serviert, es gibt Vorträge, Vertreter von landeseigenen Wohnungsgesellschaften bieten schon mal Mietverträge an. Einige Schulen haben Info-Stände aufgebaut, um noch vor Ort den Nachwuchs an sich zu binden.

Der 34-jährige Dennis Bein ist ein ausgebildeter Chemie- und Biologielehrer. Er arbeitet derzeit nur als Vertretungslehrer im Münsterland und spekuliert in Berlin auf eine feste Anstellung. „Chemie ist ja hier Mangelfach“, sagt Dennis Bein. Der Senat bietet an diesem Tag mehrere Bustouren nach Spandau und Neukölln an. Denn gerade Randregionen und Brennpunkt-Kieze werden von Junglehrern eher gemieden.

Die Jungs aus dem Münsterland haben sich für die Tour nach Spandau entschieden, das kennen sie noch nicht. Gut gefüllt ist der weiße Bus, als es mittags los geht. Zunächst geht ein professioneller Stadtführer wortreich auf Spandaus Sonderstellung innerhalb Berlins ein. Dann kommt eine Schulrätin zu Wort und schließlich präsentiert der Leiter der Grundschule im Beerwinkel seine sportbetonte Schule, die am Rande der Großsiedlung Falkenhagener Feld liegt. „Die Randlage scheint für Spandau Fluch und Segen zugleich zu sein“, sagt Dennis Bein. Vorstellen könnten sich die beiden Münsterländer es sich aber schon, dort zu arbeiten. Allerdings lieber an einem Gymnasium. „Die Anbindung ist ganz gut“, sagt Dennis Bein. „Im Münsterland sind die Fahrtwege viel länger.“

Zurück im Ludwig-Erhard-Haus steht der Pädagogen-Nachwuchs Schlange, um sich von Mitarbeitern der Bildungsverwaltung beraten zu lassen. Ein Interessent fragt, ob Berlin ihn denn auch wieder in ein anderes Bundesland ziehen lassen würde. Na klar, wird ihm beschieden. Eine andere Junglehrerin will nur in bestimmte Bezirke, viele haben Fragen zum weiteren Bewerbungsverfahren.

Den größten Lehrermangel haben in Berlin die Grundschulen. Auf Druck der Senatsverwaltung wird derzeit so mancher Oberschullehrer gebeten, für ein Jahr oder auch länger an Grundschulen zu wechseln. Dann kann man auswärtigen Bewerbern die begehrten Posten an Oberschulen anbieten. Die Bildungsverwaltung befürchtet, dass sie sonst viele nicht hinreichend ausgebildete Quereinsteiger einstellen muss. Nicht wenige solcher Quereinsteiger sind auf eigene Initiative ins Ludwig-Erhard-Haus gekommen, um sich den Schulleitern zu präsentieren.

Um kurz nach 14 Uhr startet die zweite Bustour nach Neukölln, sie führt zum Bildungscampus Rütli und zum neuen Campus Efeuweg. Schon zu Beginn der Fahrt, als der Bus die Hasenheide passiert, kündigt Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) mit Blick auf die Drogendealer an, dass hier nun gleich die „Marihuana-Parade“ beginne. Ein paar Kilometer später fahren die Besucher an der Hans-Fallada-Grundschule vorbei: Dort hat Schulleiter Carsten Paeprer ein Plakat aus dem Fenster gehängt: „Wir suchen Lehrer-innen“ steht darauf, samt E-Mail-Adresse.