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Charité: Der Chef des kranken Hauses

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Zwischen großen Pannen und großen Aufgaben steht der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl.
Zwischen großen Pannen und großen Aufgaben steht der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Die Berliner Charité, Europas größte Klinik, hat wieder einmal mit einem Skandal zu kämpfen. Karl Max Einhäupl muss gegen interne Widersacher, Boulevardmedien und den Druck eines Riesenbetriebes bestehen.

Im Wartezimmer der Klinik sitzen Väter und Mütter mit ihren kranken Kindern, wiegen sie im Arm und reden ihnen gut zu – auf Türkisch, Arabisch oder Deutsch. Ein kleines Mädchen fängt an zu schreien. Seine Mutter steht auf und trägt es wippend durch den Raum. An der großen Glastür bleibt sie stehen und blickt auf den Gang.

Die Flure der Kinder-Notaufnahme im Virchowklinikum der Charité sind an diesem frühen Nachmittag ungewohnt leer. Die meisten Schwestern haben sich in ihrem Aufenthaltsraum im Erdgeschoss des Hauses versammelt. In dem karg möblierten, weiß gestrichenen Raum gibt es nicht genug Hocker für alle, die meisten stehen, viele mit verschränkten Armen. Die Atmosphäre ist angespannt. Der Chef der Charité, Karl Max Einhäupl, ist gekommen, um mit den Schwestern über den Missbrauchsskandal zu sprechen, der das Haus seit Tagen erschüttert.

Ein paar Meter weiter, in der Rettungsstelle, soll es vor knapp zwei Wochen passiert sein. In dem Raum stehen vier Liegen dicht nebeneinander, dazwischen leichte Stoffvorhänge, die Tür zum Gang ist offen. So war es auch in der Nacht vom 13. auf den 14. November, als das Feuerwehrauto ein 16-jähriges Mädchen aus einer anderen Berliner Klinik brachte. Es war nach einem Streit mit seiner Mutter in Atemnot geraten und hatte Beruhigungsmittel erhalten. Zusammen mit einer Kollegin entkleidete der Pfleger das Mädchen, dann war er ein paar Minuten mit ihm allein. Am nächsten Morgen vertraute sich das Mädchen seiner Mutter an: Der Mann habe ihr wehgetan, er sei mit dem Finger in sie eingedrungen.

„Die Geschichte kann nicht stimmen“, sagt eine Schwester in der kleinen Versammlung, „die Zeit war viel zu kurz, der Raum komplett offen.“ Sie kennt den Beschuldigten seit vielen Jahren, schildert ihn als freundlich und hilfsbereit, bei körperlich schweren Arbeiten sei er stets zur Stelle gewesen. Unmöglich, dass er einem Kind so etwas antun kann, sagt die Schwester. Die meisten im Raum nicken. Ein paar Schwestern blicken betreten zu Boden. Sie halten den Missbrauch für möglich, im kleinen Kreis sagen sie das auch, aber jetzt halten sie lieber den Mund.

Keine Zeit für Pausen

Durch die Abteilung geht ein Riss. Hier die treuen Kolleginnen, dort die Verräterinnen. Die beiden Lager reden nur noch dienstlich miteinander, viele schlafen schlecht. Zur Arbeit erscheinen sie trotzdem, oft sind sie mehr als acht Stunden im Einsatz, manchmal fehlt die Zeit, um etwas zu essen oder auch nur kurz auf die Toilette zu gehen. Die Schwestern beißen die Zähne zusammen, und doch fragt sich jetzt sicher die eine oder andere, was wohl mit ihr passieren würde, wenn es auf einmal so einen Verdacht gäbe. Wenn zum Beispiel ein Patient oder seine Angehörigen den unausweichlichen Körperkontakt mit dem Klinikpersonal falsch deuten – würden sie dann auch fallengelassen?

Der Fallenlasser ist an diesem Nachmittag bei den Schwestern und hört sich an, wie es aus ihnen herausbricht. Karl Max Einhäupl sitzt zusammengesunken da. Er ist von mittelgroßer Statur, eine weiße Haarsträhne fällt in seine Stirn, und er wirkt blass und erschöpft wie fast alle im Raum. „Was kann der Vorstand für euch tun?“, fragt er mehrfach und mit angenehm warmer Stimme, aber konkrete Bitten bleiben aus. Er werde wieder zum Gespräch kommen, kündigt er an, auch psychologische Hilfe werde es bald geben.

Von seinem Missbrauchsvorwurf weicht der Klinikchef jedoch nicht ab. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass das Mädchen gelogen habe, hatte er ein paar Tage zuvor den Journalisten gesagt, viel wahrscheinlicher sei die Schuld des Mannes. Es war die Pressekonferenz, bei der Einhäupl zugeben musste, dass er früher als zunächst berichtet von dem Fall hätte wissen können und dass der beschuldigte Pfleger in den Vorjahren bereits dreimal auffällig wurde. Die aufgebrachten Journalisten sprachen von Verschleppung, gar von Lüge, und so ging es dann auch durch die Medien.

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Was ist eigentlich los in der Charité? Erst die Keime auf der Frühgeborenenstation, dann wird ein Arzt von den Angehörigen einer Patientin niedergeschlagen, in den Labors des Forschungsneubaus fließt kein warmes Wasser und jetzt auch noch Kindesmissbrauch. Die Berliner sind erschrocken, das übrige Land hat nach Flughafendesaster und S-Bahn-Chaos einen Grund mehr, über die Hauptstadt zu lästern. Für die Charité jedoch kann es schlimmer kaum kommen. Sie lebt vom Vertrauen der Patienten, und das ist erschüttert.

Hat die Charité Bilanzen gefälscht? Eine Prüfung soll das klären.
Hat die Charité Bilanzen gefälscht? Eine Prüfung soll das klären.
Foto: Imago

Da hilft es nicht viel, wenn sich ein Vorwurf als unberechtigt erweist. Zum Beispiel bei den Serratien-Keimen: Nicht die Keime führten zum Tod eines herzkranken Neugeborenen, das Kind starb vielmehr an einer angeborenen Krankheit. Genau das hatte Einhäupl wochenlang standhaft wiederholt, zum Schluss gaben ihm die Staatsanwälte recht. Dennoch klebt die Mär vom Keim an der Charité – wahrscheinlich für viele Jahre.

Mikroben kann man eindeutig nachweisen, im aktuellen Missbrauchsfall wird das kaum gelingen. Es gibt keine Spuren, keine Zeugen, und während sich alle Welt aufregt, sind sowohl das mutmaßliche Opfer samt Familie wie auch der unverzüglich nach der Elternbeschwerde vom Dienst suspendierte Pfleger verschwunden. Sein Haus wurde von Kamerateams belagert, er hat es nicht mehr ausgehalten. Die Charité hat spät Anzeige gegen ihn erstattet, die Eltern wollten es nicht tun. Die Faktenlage ist undurchsichtig, die Polizei ermittelt.

Die Patientenliste ist lang und prominent

Der mediale Rummel, der mit Vorverurteilungen und Falschmeldungen begann – zunächst war von einer 14-Jährigen die Rede, die aus der Narkose aufwachend vergewaltigt wurde – , ist wieder abgeklungen. Richtigstellungen gab es nicht, allenfalls richtigere Geschichten im zweiten Anlauf. Bald wird man in Berlin wieder bei Normalnull angelangt sein: ein Zustand zwischen frömmelnder Verehrung für „unsere“ Charité und lauernder Gier auf die nächste Panne. Insgesamt eine bizarre Situation.

Für Karl Max Einhäupl sollte der Posten des Charité-Vorsitzenden die Krönung seiner Karriere werden. Und bis vor einigen Monaten lief es wie gewünscht: Zum ersten Mal seit 2007 schreibt das Klinikum nach hartem Sparkurs wieder schwarze Zahlen, die Sanierung der maroden Kliniken in Mitte und Steglitz ist beschlossene Sache. Nun aber muss Einhäupl nicht nur um den guten Ruf seiner Klinik kämpfen, sondern auch um seinen eigenen. Denn ausgerechnet er, der es weit gebracht hat mit seiner gewinnenden Art, mit seinem besonderen Gesprächstalent, muss nun immer wieder öffentlich Kommunikationspannen einräumen.

Dass er aus München stammt, hört man Einhäupl deutlich an. 1947 wurde er dort geboren, aufgewachsen ist er in einer Architektenfamilie. Nach dem Medizinstudium in seiner Heimatstadt wurde er Neurologe und kam 1992 nach Berlin, um einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität zu übernehmen. Es begann ein steiler Aufstieg: zunächst als Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Charité, dann als Vorsitzender des einflussreichen Wissenschaftsrats, der Bund und Länder in Fragen von Forschung und Lehre berät. Lang ist die Liste der Politiker und Berühmtheiten, die er behandelte. Einmal, als Arzt der ukrainischen Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko, gelangte er sogar in die internationalen Schlagzeilen. Karl Max Einhäupl hat den Ruhm der Charité gemehrt, zumal als ihr Vorstandsvorsitzender seit 2008.

Seit gut vier Jahren leitet er nun die größte Klinik Europas. Mit mehr als 3000 Betten, fast 13.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro ist die Charité fast dreimal so groß wie eine normale deutsche Universitätsklinik. Ihre vier Standorte liegen über die ganze Stadt verteilt in Mitte, Steglitz, Wedding und Buch.

Aber auch alles Geld der Welt reicht nicht aus, um die Risse zu kitten, die in den letzten Wochen entstanden sind. Da sind die Konflikte in der Führungsriege, etwa zwischen Einhäupl und seinem Ärztlichen Direktor Ulrich Frei, der im Missbrauchsskandal erst spät Alarm schlug und seinen Chef dadurch gefährdete. Und angesichts der Tatsache, dass es fast eine Woche dauerte, bis die Nachricht vom Verdacht beim Vorstandsvorsitzenden ankam, muss der sich den Vorwurf gefallen lassen, er habe sein Haus nicht im Griff. Der Charité-Chef ist angezählt, und er weiß es.

Sowohl der Bund wie auch das Land Berlin wollen ihn im Amt behalten. Einhäupl musste im aktuellen Fall zwar öffentlich Besserung geloben, Untersuchungskommissionen gründen und neue Kommunikationsstrukturen ankündigen – von oben forderte jedoch niemand seinen Rücktritt. Zumal die Charité nun richtig Tempo macht: Alle Ärzte, Schwestern und Pfleger in den Kinderkliniken und in der Psychiatrie sollen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen, ein Acht-Punkte-Plan zur Verbesserung der internen Kommunikation liegt dem Berliner Senat bereits vor, und über ein umfassendes Präventionsprogramm zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs wird derzeit diskutiert.

Institut von Weltrang

All das stärkt Einhäupls Position und verschafft ihm die nötige Luft für ein weiteres Großprojekt. Der Charité-Chef soll nach dem Willen von Bund und Land ein neuartiges wissenschaftliches Institut von internationalem Rang in der Stadt etablieren. Es geht um das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG), das jährlich 80 Millionen Euro aus der Bundeskasse in die Stadt bringen wird. Geplant ist eine Teilfusion von Charité und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Buch, um die Ergebnisse der Grundlagenforschung schneller in die Praxis zu überführen. Ein Institut dieser Größe und dieses Zuschnitts wäre einmalig in Europa und ein Anziehungspunkt für Mediziner aus aller Welt.

Die Sache ist eilig, denn die Bundesregierung will sich im Wahlkampf mit dem Leuchtturmprojekt schmücken. Gegründet wurde das BIG Anfang November, schon im Februar kommenden Jahres werden erste Projekte beschlossen, im April soll die Arbeit beginnen.

Chef des neuen Superinstituts wolle er nicht werden, sagt Einhäupl, es werde ein externer Wissenschaftler gesucht. Aber bei den jetzt laufenden Verhandlungen möglichst viel für die Charité herauszuholen, das würde ihn schon reizen.
Im September kommenden Jahres läuft Einhäupls Vertrag aus. Wird er ihn verlängern, wenn man ihn darum bittet? Zum ersten Mal wirkt der sonst so energiegeladene Wissenschaftsmanager mutlos. Vielleicht hat er erst jetzt die Größe der Aufgabe wirklich erfasst. Wenn interne Widersacher, sensationshungrige Medien und ein so fehleranfälliger Betrieb wie ein Krankenhaus zusammentreffen, kann man als Chef schnell ins Stolpern geraten.

In der Rettungsstelle des Virchowklinikums in Wedding versuchen die Pflegekräfte unterdessen, sich vor ihren Patienten nichts anmerken zu lassen. „Gestern haben sich einige sogar bei uns bedankt, das passiert sonst fast nie“, sagt eine junge Kinderkrankenschwester. Es wird jetzt Zeit brauchen, um die Skandale vergessen zu machen. Um die Charité wieder aus der Schmuddelzone zu holen, in die sie nie hineingehörte.

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