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Berliner Zeitung | Charlottenburg-Wilmersdorf: Angriff auf die Laubenpieper
04. January 2013
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Charlottenburg-Wilmersdorf: Angriff auf die Laubenpieper

Nicht mehr gesichert seit 2010 ist die Wilmersdorfer Kolonie Durlach. Sie ist vom Senat für Baugemeinschaften vorgesehen. Bislang gibt es noch keine Bewerber.

Nicht mehr gesichert seit 2010 ist die Wilmersdorfer Kolonie Durlach. Sie ist vom Senat für Baugemeinschaften vorgesehen. Bislang gibt es noch keine Bewerber.

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dpa

Berlin -

In der Pankower Kleingartenanlage Famos sind die Bagger angerückt, dort will eine Baugruppe tätig werden. Auf dem Gelände der früheren Kolonie Württemberg in Wilmersdorf werden bald Luxuswohnungen bezogen. Die Kolonie Fliedergrund in Neukölln soll mit Zustimmung des Bezirks Eigenheimen weichen. Auch für die Kleingartenanlage Oeynhausen an der Forckenbeckstraße in Schmargendorf sieht es nicht gut aus. Dort hat die Lorac, eine Tochter des US-amerikanischen Lone Star Fund, 2008 günstig zwei Drittel des Geländes von der Post erworben. Jetzt will sie ihren Kauf versilbern – und dort ebenfalls Wohnhäuser errichten.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, der einst Solidarität mit den Schrebergärtnern versprach und das Areal per Bebauungsplan als Dauerkleingartenanlage sichern wollte, ist zurückgerudert. Stadtentwicklungsstadtrat Marc Schulte (SPD) verhandelt nur noch über den Erhalt der halben Kolonie. Den vorliegenden Entwurf des Bebauungsplanes hat er nicht unterschrieben. Zum Stand der Gespräche mit der Lorac äußert er sich nicht: „Vertraulichkeit ist vereinbart.“ Dass der Bezirk von seinem Versprechen nichts mehr wissen will, ist wohl nicht nur möglichen Schadensersatzforderungen seitens der Lorac zuzuschreiben.

Schulte spricht von einem Prozessrisiko von 25 Millionen Euro, auch wenn zwei von drei Gutachtern renommierter Kanzleien viel geringere Summen veranschlagen. Doch die Verhandlungen mit dem Investor könnten auch nicht nur den Grund haben, möglichen Schaden vom Bezirk abzuwenden. Wohnungsbau auf Gartenland ist nämlich für Berliner Politiker längst kein Tabuthema mehr. Schließlich will der rot-schwarze Senat erreichen, dass jährlich rund 6000 neue Wohnungen in Berlin entstehen. Bereits jetzt sind bezahlbare Wohnungen in der Innenstadt knapp. Und nach der aktuellen Bevölkerungsprognose des Senats werden bis 2030 die Einwohnerzahlen in der Hauptstadt voraussichtlich um weitere 250.000 Menschen steigen.

Angesichts dessen betonte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) kürzlich, dass auch Kleingärten und Grün für günstigen Wohnraum in der Stadt weichen müssten. „Es wird möglicherweise Wiesen in der Innenstadt geben oder auch Kleingartenanlagen mit 30 Parzellen, von denen wir sagen, wir brauchen den Platz für Wohnungen.“ Da seien Auseinandersetzungen zu erwarten, die die Politik aushalten müsse. Das sind Aussagen, die Günter Landgraf, den Präsidenten des Verbandes der Berliner Gartenfreunde, wütend machen.

Unkontrollierter Wohnungsbau

Er fordert, „endlich über wirklich intelligente Lösungen für bezahlbaren innerstädtischen Wohnungsbau nachzudenken“. Er sagt, „dass nach Jahren des geduldeten mietpolitisch unkontrollierten Bauens von Luxus- und Prestigeobjekten nun offensichtlich die Normalverdiener gegeneinander aufgebracht werden sollen“ – Wohnungssuchende versus Kleingärtner. Der Verband fordere, zusammen mit Naturschutz- und Umweltverbänden und Mietervereinigungen in die Suche geeigneter Wohnungsbaustandorte einbezogen zu werden. Die Kleingärtner würden sich dagegen wehren, „dass die Grünflächen der Stadt zu Spekulationsobjekten für weltweit enttäuschte Immobilienanleger werden“, kündigt er an.

Ein Bezirk hat schon versichert, beim Wohnungsbau nicht auf Kleingärten zurückzugreifen: Lichtenberg will sich auf Areale konzentrieren, die bereits einmal bebaut waren wie ehemalige Gewerbeflächen oder leerstehende Immobilien. Ein Vorgehen, das auch der Verband der Gartenfreunde empfiehlt. Auch die Schmargendorfer Kleingärtner geben nicht auf. Ein Bürgerbegehren für den Erhalt ihrer Parzellen ist seit dieser Woche genehmigt, ab 19. Januar werden sie Unterschriften sammeln. Gegen Stadtrat Schulte haben sie Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt, unter anderem wegen Verletzung von Sorgfalts- und Neutralitätspflichten sowie nicht ausreichender Information der Öffentlichkeit.