image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Chemiefirma Asca Berlin Adlershof: Nach Jobverlust nach vorn gekämpft

Schuster, bleib bei deinem Leisten - zwei Chemiker gründen nach der Kündigung ein eigenes Unternehmen.

Schuster, bleib bei deinem Leisten - zwei Chemiker gründen nach der Kündigung ein eigenes Unternehmen.

Foto:

imago/eckphoto

Berlin -

Christine Wedlers Vergangenheit liegt gleich um die Ecke. Sie muss nur von ihrem Chefsessel aufstehen, mit dem gläsernen Aufzug nach unten fahren und ein paar Schritte gehen. Schon ist sie da, wo sie über 30 Jahre als Chemikerin gearbeitet hat. Einst stand hier ein klotziger Plattenbau. Heute ist davon nur noch ein Stück Wiese übrig.

Vor ein paar Jahren wurde er abgerissen, der Klotz, so wie viele Gebäude in Adlershof, dem boomenden Wissenschafts- und Technologiepark im Berliner Südosten. Architekten kamen und bauten Modernes. Mit viel Glas, Aluminium, bunten Scheiben oder begrünter Fassade. Durch die Straßen, die die Namen von Albert Einstein oder Justus von Liebig tragen, weht heute Gründergeist. Zwei Meter hohe Buchstaben empfangen den Besucher an der Rudower Chaussee. „Adlershof. Science at work“ steht da. Der weiße Schriftzug erinnert an Hollywood.

Christine Wedler hat ihr gesamtes berufliches Leben in Adlershof verbracht. Hier hat sie Abstieg und Aufstieg erlebt, und eine Zeit lang hat sie ausharren, sich in Geduld üben müssen. Aufgegeben hat sie nie, sie ist zäh. Nach der Wende hatte Christine Wedler ihre Stelle verloren, heute ist sie Chefin der Chemiefirma Asca. Sie ist jetzt 63. Sie arbeitet nicht mehr im Labor, sondern in einem Büro. Ein schmaler Raum, schlichte Möbel, recht bescheiden für eine Managerin. Glaskolben und Pipetten hat sie gegen Regale voller Akten eingetauscht.

„Ach“, sagt sie wegwerfend und schüttelt den dunklen Kurzhaarschnitt. „Eine Firma ist auch nicht anders als ein normaler Haushalt.“ Was nehmen wir ein, was geben wir aus? Gar nicht so schwer. Viel Nachhilfe in Kapitalismus hat sie nicht gebraucht, nie ein Business-Seminar besucht.

„Man lernt es, indem man es einfach tut“, sagt die Frau mit der aufrechten Körperhaltung. Sie hat eine feste Stimme, die nach Anpacken klingt. Man würde mit ihr auf eine stramme Wanderung gehen, wohl wissend, dass sie einen unter allen Umständen ans Ziel bringen würde. Man kann sie sich aber auch als Schirmherrin auf einer Benefizgala vorstellen, weil sie Freundlichkeit und Seriosität zugleich ausstrahlt. Äußerlich ähnelt sie ein bisschen Loki Schmidt. Allerdings hat Christine Wedler hier genauso viel Macht wie der Mann, der neben ihr sitzt.

Es ist Hans Schick, ihr Geschäftspartner, ein Herr im braunen Jackett, der mit 77 Jahren eigentlich schon in Rente sein könnte. „Mit 60 bekam ich die Kündigung. Doch dann ging es erst richtig los“, sagt er und lacht wie jemand, der dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen hat. Ihn und Wedler verbindet eine lange Geschichte. Zu DDR-Zeiten war er ihr Direktor, sie zählte zu seinen 750 Mitarbeitern. Heute sind sie gleichberechtigte Geschäftsführer der Firma, die nach neuen Wirkstoffen für Medikamente forscht. Er kümmert sich um die Forschung, sie macht das Management.

Die Gutachter kommen

Christine Wedler wurde in einem Dorf im Harz geboren, studierte an der Berliner Humboldt-Universität und begann danach, am Zentralinstitut für organische Chemie der DDR-Akademie der Wissenschaften zu arbeiten. „Das war eine tolle Stelle“, sagt sie. „Die Aufgabe war anspruchsvoll.“ Natürlich habe es rückblickend viele Beeinträchtigungen gegeben. Einige Chemikalien waren nur im Westen gegen Devisen zu bekommen. Manchmal habe sie lange darauf warten müssen. „Heute haben wir die innerhalb von 24 Stunden.“ Der Zugang zu internationaler Fachliteratur sei eingeschränkt gewesen. Auch spezielle Geräte fehlten. „Doch die Atmosphäre war sehr kollegial“, sagt Wedler. „Angst um den Arbeitsplatz kannten wir nicht.“ Sie klingt dabei nicht wehmütig. Sentimentalität ist nicht ihre Art.

„Wir haben uns mit den Gegebenheiten arrangiert und das Beste daraus gemacht – damals wie heute“, sagt Hans Schick, dem Ende der Sechzigerjahre die Synthese einer wichtigen Schlüsselverbindung für die Herstellung der Anti-Baby-Pille gelang. Ein Verfahren, das heute noch weltweit genutzt wird.

Als Direktor des Chemie-Instituts reiste er regelmäßig ins westliche Ausland, besuchte Tagungen in Schweden, England, USA und Japan. „Ich hatte die Wahl. Ich hätte auch gehen können“, sagt er. Manchmal, wenn er damals in Berlin über den Rosenthaler Platz ging, hörte er die West-U-Bahn unten im Schacht rumpeln. „Aber das war nicht unsere Sache. Nie hätte ich gedacht, dass wir damit mal fahren würden.“

Der Mauerfall überrascht Schick und Wedler. 1991 bangen sie zum ersten Mal um ihre Jobs. Die Gutachter kommen nach Adlershof. Im Auftrag des Wissenschaftsrats sollen sie die Ost-Forschung auf ihre Tauglichkeit prüfen, beurteilen, wer nach den Maßstäben der neuen Welt konkurrenzfähig ist. Von den ehemals 5500 Mitarbeitern der Akademie der Wissenschaften in Adlershof bleiben etwa 1500. Schick und Wedler sind darunter. Ihr Institut wird für erhaltenswert befunden, es bekommt einen neuen Namen: Institut für Angewandte Chemie (ACA). Sie haben die Evaluierung überstanden, sie sind motiviert. „Jetzt wollten wir zeigen, was wir draufhaben“, sagt Wedler.

Doch es kommt anders. Zwei Jahre später sind Wedler und Schick zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos. Der Berliner Senat will sparen und kürzt die Mittel für das eben erst neugegründete Institut. Die Hälfte der Mitarbeiter muss gehen – trotz erfolgreicher Forschung. Christine Wedler versteht die Welt nicht mehr. Und diesmal trifft es auch sie. Die Abfindung: ein halbes Monatsgehalt. Wedler ist Mitte 40, Schick 60 Jahre alt. Es ist das Jahr 1997. Die Arbeitslosenquote liegt in Berlin und den neuen Ländern bei 19,1 Prozent.

„Das war scheußlich“, sagt Christine Wedler. Die Ungewissheit belastete sie sehr. Was bringt die Zukunft? Was wird aus uns? Finden wir in unserem Alter noch einmal eine Stelle? Sie denkt dabei nicht nur an sich, sondern immer auch an ihre Kollegen, spricht von „wir“ statt von „ich“. Ein bisschen ist sie immer noch empört. „Das waren Top-Leute“, sagt sie, „die konnten was.“

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie sich Christine Wedler plötzlich in der Welt des Geldes wiederfindet.

nächste Seite Seite 1 von 2