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Berliner Zeitung | China-Restaurant seit 1969: Der älteste Chinese Berlins
11. February 2016
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China-Restaurant seit 1969: Der älteste Chinese Berlins

Lon Men bedeutet im Chinesischen Drachentor. „Sehr standhaft“, sagt Cheng-Kuo Ting mit einem milden Lächeln. Und es bleibt offen: Meint der seit 56 Jahren in Wilmersdorf lebende Gastronom sich oder eher sein Restaurant in der Bamberger Straße?

Über dem Eingang wirbt das Lon Men mit einer dunkelgrünen Leuchtreklame ohne jeglichen Asia-Hauch. Sie sieht eher nach Siebzigerjahre-Bierromantik mit Buletten aus – was auch der Werbespruch untermalt: „Die älteste chinesische Gaststätte in Berlin – seit 1969“. Cheng-Kuo Ting ist stolz auf diese Art von Lokal-Kolorit inmitten des bürgerlichen Wohnkiezes im Bayerischen Viertel. „Wir leben von vielen Stammgästen, die seit Jahrzehnten kommen“, sagt er, „und hinzu kommen nun junge Gäste, die neugierig auf die echte chinesische Küche sind.“

„In der Schule waren wir Exoten“

Cheng-Kuo Ting war knapp zehn Jahre alt, als sein aus Taiwan stammender Vater das Lon Men eröffnete. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie gegenüber der Bar zeigt die fünfköpfige Familie – der heutige Besitzer Hand in Hand mit Bruder und Schwester – kurz nach der Ankunft in Berlin. Vorher hatte der Vater dem König von Saudi-Arabien als Leibkoch gedient, und nach Beendigung dieses Dienstverhältnisses wollte er unbedingt weiter im Ausland arbeiten. In Berlin gab es Bekannte, die hier studierten. Cheng-Kuo Ting: „Es lebten zu der Zeit erst wenige Ausländer hier, in der Schule waren wir die Exoten.“

Von Beginn an wurde im Lon Men traditionell und auf hohem Niveau gekocht, und Cheng-Kuo Ting wuchs ganz selbstverständlich damit auf: „Es war früh klar, dass ich das Restaurant einmal übernehmen würde.“ Er erlebte den Boom der China-Restaurants in den 70er-Jahren, als die Deutschen nach der Hausmannskost der Nachkriegsjahre mit „Ente süß-sauer“ oder den „Sieben Köstlichkeiten“ das Essengehen entdeckten (neben ihrem Lieblingsitaliener und dem Ouzo-seligen Griechen in der Nachbarschaft). „Vor 20 Jahren musste man nur zwei rote Laternen vor der Tür anbringen – und der Laden brummte“, erinnert sich der Lon- Men-Chef.

Das „China-Restaurant“, mit austauschbarer Einrichtung und an einer an hiesige Geschmäcker angepasste Standard-Speisekarte, entwickelte sich auch in Berlin zu einer Institution. Die allerdings mit der vielseitigen, durch unterschiedliche Regionen geprägten Küche Chinas wenig gemein hatte. Vom chinesischen Kunst-Rebellen Ai Weiwei kursiert die Anekdote, dass er nach einem Besuch eines China-Restaurants in Kassel unter Schockzustand gesagt haben soll, das eingenommene Gericht schmecke nach „Weltraumnahrung“. In den vergangenen Jahren geriet diese Küche wegen der Verwendung von Geschmacksverstärkern wie Glutamat zudem in den Generalverdacht, gesundheitsgefährdend zu sein.

Das Lon Men, in dem bis heute ausschließlich in China ausgebildete Köche arbeiten, hat alle Wellenbewegungen des Zeitgeists gut überstanden. Die überwiegend in Rot gehaltene Einrichtung im fensterlosen, gemütlichen Gastraum ist nahezu unverändert – und wirkt heute so authentisch wie die Speisekarte, in der der Anteil der scharfen Szechuan-Küche sowie typisch taiwanesischer Tapas („Ährenfisch mit schwarzen Bohnen“) in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgeweitet worden ist. Und das bei bodenständigen Preisen (die meisten Hauptgerichte unter zehn Euro). Eine Entwicklung, zu der auch Chen-Kuo Tings Sohn Hsiang-Pong maßgeblich beiträgt.

Der 35-Jährige ist nach seiner Ausbildung im Hotel Adlon voll ins Geschäft eingestiegen und kümmert sich verstärkt um Marketing und neue Geschäftsfelder wie den Lieferservice (der in der Bilanz eine zunehmend größere Rolle spielt). Die Zahl chinesischer Restaurants in Berlin ist stark rückläufig, rund 400 sollen es noch sein. Vietnamesische Imbisse und Trendlokale im coolen Lounge-Stil haben den Markt erobert, vor allem in Mitte und Prenzlauer Berg. Nach der Wende sei die Verlockung groß gewesen, auch eine Filiale im Osten von Berlin zu eröffnen, sagt Chen-Kuo Ting: „Heute bin ich froh, dass ich es nicht gemacht habe, denn viele meine chinesischen Kollegen sind dort pleitegegangen.“ Außerdem sei er „mit Leib und Seele ein West-Berliner“, während sein inzwischen 86-jähriger Vater nach Taiwan zurückgegangen sei, um dort seinen Ruhestand zu genießen.

Hotspot Nudelsuppe

Traditionelle Kochkunst und Familienbande: Damit wollen die Tings ihr Geschäft in die Generation der Enkel überführen. Dazu zählt auch Lon Men’s Noodle House in der Kantstraße, eine vom jüngeren Bruder geführte Nudelsuppen-Küche nach traditioneller taiwanesischer Art. Es ist ein Hotspot auf engstem Raum und mit ungewöhnlichen Gerüchen, der sich selbst unter Berlin-Besuchern aus New York herumgesprochen hat. Und ein historisch passender Ort: Mit dem Tientsin wurde in der Kantstraße 1923 Berlins erstes chinesisches Lokal eröffnet. Hier trafen sich Studenten aus dem Reich der Mitte mit den Künstlern des wilden Berlins der 20er-Jahre – was dann durch die Arisierung der Nazis wieder unterbunden wurde.

Das Lon Men in der ruhigen Bamberger Straße ist kein Ort mit hoher Promidichte. Der einzige namhafte Gast, der sich neben dem Familienfoto verewigt hat, ist Markus Lüpertz. Er fertigte nach dem Essen spontan eine Zeichnung als Dankeschön an. Lüpertz ist nicht nur ein Kunst-Star, sondern auch ein anspruchsvoller Gourmet.


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