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Christian Y. Schmidt: „Hier sind ja überhaupt keine Leute“

Christian Y. Schmidt ist in Berlin recht entspannt. Klar, wer in Peking lebt, weiß, dass das hier ein ruhiges Dörfchen ist.

Christian Y. Schmidt ist in Berlin recht entspannt. Klar, wer in Peking lebt, weiß, dass das hier ein ruhiges Dörfchen ist.

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berliner zeitung/benjamin pritzkuleit

Christian Y. Schmidt, 56, schrieb die komisch-polemische Titanic-Kolumne „Bliefe von dlüben“. Unter dem Titel „Im Jahr des Ochsen“ wurde sie in der taz fortgeführt. Seit 1996 arbeitet er als freier Autor und beobachtet mit scharfem Auge und Witz das Leben in der chinesischen Hauptstadt. Eine Sammlung seiner Kolumnen ist jetzt in Buchform erschienen. Bei seinem letzten Berlin-Besuch haben wir Christian Y. Schmidt getroffen und mit ihm gesprochen, über die Unterschiede zwischen Berlin und Peking – und erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.

Herr Schmidt, wenn Sie aus der 20-Millionen-Metropole Peking nach Berlin kommen, finden Sie Ihre alte Heimat nicht unglaublich dörflich?

Ja, irgendwie schon. Wenn ich in Tegel ankomme und in die Stadt fahre, denke ich: Hier sind ja überhaupt keine Leute. Deutschland kommt mir mittlerweile sehr entvölkert vor. Ich finde Berlin immer sehr idyllisch: Man hört die Vögel zwitschern und in Prenzlauer Berg laufen ja nachts sogar Füchse über die Straße.

Worauf freuen Sie sich in Berlin?

Auf eine gute Currywurst. Ich esse relativ schnell nach der Ankunft eine. Ich freue mich auch auf die Beschaulichkeit und auf die gute Luft. Die ist wirklich wesentlich besser als in Peking.

Was hat sich in Berlin in den letzten Jahren verändert?

Ich stelle jedes Mal fest, dass es immer geleckter wird, immer aufgeräumter und natürlich auch teurer. Das ist wie in Peking. Peking gentrifiziert auch, wobei die Innenstadt im Kern noch zum größten Teil aus Hutongs besteht, diesen alten einstöckigen Hofhaus-Vierteln. Dort hat man das Gefühl, aus der Zeit herauskatapultiert zu sein.

Und was sehen Sie mittlerweile mit ganz anderen Augen?

Mir fällt jetzt immer auf, dass in Berlin alles relativ langsam voran geht. Zum Beispiel der Flughafen. Ich glaube, in China hätte man ihn einfach eröffnet, dann hätte vieles zwar erst nicht geklappt, aber das hätte man schrittweise verbessert. Die Chinesen gehen eher prozessual vor. Es muss nicht alles von Anfang an perfekt sein.

Es gibt ja viele Klischees über China. Mit welchen Sie oft konfrontiert?

Deutsche, die mich besuchen, sind immer wieder erstaunt, wie entwickelt Peking ist, und dass die Musik- und Clubszene sogar an Berlin erinnert. Außerdem erwarten alle Supersmog. Den gibt es manchmal, aber oft ist der Himmel auch blau. Dann ist die Luft zwar meistens auch nicht richtig gut, aber eben nicht extrem verschmutzt. Davon erfährt man in Deutschland nichts. „Heute mal wieder extrem blauer Himmel über Peking“, das ist natürlich keine Meldung. Dass in Peking überall Polizisten stehen, ist ein anderes Klischee. Abgesehen vom Tiananmen-Platz und Regierungsgebäuden ist die Polizeipräsenz in Peking geringer als in Berlin. Da treffe ich viel öfter auf welche. Und die halten mich sogar an, wenn ich mit dem Rad bei Rot über die Ampel fahre. In Peking würde das keinen Polizisten interessieren.

Sie fahren Rad in Peking?

Ja, das geht sogar sehr gut. Von der traditionellen Fahrradstadt Peking sind zwar keine Fahrräder mehr übrig, aber die Radwege. Sie ziehen sich fast überall rechts und links der Straßen entlang und sind breit wie kleine Landstraßen.

Die Berliner gehen ja im Sommer gern nach der Arbeit in eine Strandbar oder in den Park und grillen. Was macht man denn so in Peking?

Grillen und Picknick, das wird hier nicht so gemacht. In Peking treffen sich Frauen ab Mitte 40 gern im Park und tanzen in der Gruppe zu Musik aus einem Ghettoblaster. In den Parks wird auch viel Sport gemacht, musiziert und im Chor gesungen. Viele Leute treffen sich auf der Straße zum Bier und essen an mobilen Grills Lammfleischspieße.

Und nachts? Wo geht man aus?

Es gibt viele Clubs mit allen möglichen Musikgenres. Techno, Independent, Rock – wie in Berlin. Generell gehen die Pekinger sehr oft essen. Wenn sich Freunde verabreden, treffen sie sich nicht in Kneipen, sondern zum Essen. Dazu trinken sie viel Schnaps. So ein Abend ist immer relativ früh zu Ende, meistens gegen halb elf. Betrunken ist man trotzdem. Der Vorteil ist, dass man am nächsten Tag fitter ist, als wenn man wie in Berlin bis vier Uhr morgens unterwegs ist.

Wie unterscheiden sich die Pekinger von den Berlinern?

Ich glaube, sie sind sich sehr ähnlich. Auch die Taxifahrer. Wie in Berlin sind die von kräftiger Natur und schimpfen andauernd, dass die da oben nur Mist machen.

Und was ist der große Unterschied?

Die Pekinger können mehr Lärm ab. Manche brauchen ihn sogar. Vielen Chinesen, die nach Berlin gehen, ist es dort irgendwann zu ruhig. Ich kenne eine Chinesin, die an der Karl-Marx-Allee wohnte. Sie fand es dort so ruhig, dass sie Angst bekam. Sie hat Berlin wieder verlassen, weil sie die Stille nachts nicht ausgehalten hat.

Das Gespräch führte Katja Hanke.

Christian Y. Schmidt, „Im Jahr des Hasendrachen“, Verbrecher Verlag, 13 Euro