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Clown-Trainer : "Berliner Busfahrer haben einen ganz eigenen Humor"

Humor als konsequente Lebenshaltung: Der gebürtige US-Amerikaner Paul Kustermann lebt seit 1990 in Berlin,

Humor als konsequente Lebenshaltung: Der gebürtige US-Amerikaner Paul Kustermann lebt seit 1990 in Berlin,

Paul Kustermann empfängt seinen Besuch im Büro in Schöneberg. Rampensau steht auf dem Klingelschild. So heißt die „Agentur für schweinisch gute Künstler“, zu denen auch Paul Kustermann gehört. Er ist Humor-Trainer und Clown-Ausbilder, Autor, Schauspieler, Regisseur und Coach. Der freundliche Mann mit Halbglatze kommt lachend zur Tür. Wenn sich jemand mit den Besonderheiten des Humors auskennt, dann ja wohl er. Kustermann sagt, Humor sei mehr als ein Lacher nach einem Witz. Für den gebürtigen US-Amerikaner ist Humor eine konsequente Lebenshaltung. Und ein hilfreicher Umgang in Konfliktsituationen.

Herr Kustermann, bitte beginnen Sie unser Gespräch mit einem Witz, am besten Ihrem Lieblingswitz.

Gern. Man sagt ja, einen Menschen erkennt man daran, welche Witze er mag. Also: Drei Männer leben seit 20 Jahren verschollen auf einer Insel: Ein Franzose aus Paris, ein Engländer aus London und ein Deutscher aus Berlin. Eines Tages findet der Pariser eine alte orientalische Flasche am Strand. Sie hat magische Kräfte. Er holt seine Kumpel, sie öffnen die Flasche, ein Geist erscheint und sagt, jeder habe einen Wunsch frei. Der Franzose wünscht sich, sofort nach Paris zurückzukehren. Der Geist schnippt mit dem Finger, der Franzose verschwindet. Das gleiche passiert beim Engländer, er wird nach London gezaubert. Dann ist der Berliner dran. „Das ist nicht schön, so allein ohne meine Kumpel auf der Insel. Ich wünsche mir, sie wären beide wieder hier.“ Der Geist schnippt mit dem Finger. Da sind die drei Männer wieder zusammen auf der Insel.

Was zeichnet einen guten Witz aus?

Ein Witz ist eine Anekdote, die meist eine Zweideutigkeit oder ein Paradox enthält. Das zu genießen, ist nur ein Aspekt von Humor. Humor ist eine geistige Leistung, die auch die Bereitschaft beinhaltet, mit Gedanken zu spielen. Durch sie gewinnen wir Distanz zu den Dingen, um sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Witze entschärfen Situationen, sie können aber auch zuspitzen.

Man verlässt die Realität ...

Und bekommt die Gelegenheit, darüber zu lachen. Das ist ein neurophysiologisches Phänomen: Wir haben etwas verstanden und entspannen uns. Der Geist entlädt sich mit einem Lacher, ebenso das Zwerchfell. Der Witz sagt viel aus über das Leben eines Menschen. Der humorvolle Umgang mit dem Leben setzt aber zuvor die Erkenntnis voraus, dass man eben nicht alles so ernst nehmen muss. Ein Freund von mir, er ist Clown, hat mal gesagt, es ist alles wichtig, aber nichts ist ernst. Jeder Mensch hat Humor.

Es gibt verschiedene Arten von Witzen. Den Schenkelklopfer, den zotigen Witz, den feinsinnigen, hinzu kommen Ostfriesen-, Blondinen- und Fritzchen-Witze ...

Es gibt – psychologisch gesehen – auch noch Witze, die kompensieren. Psychologisch gesehen, hilft der Witz, abzugrenzen oder auch zu kompensieren, mit dem Effekt, dass der Mensch Abstand von einem Problem gewinnt. Das trifft auf Dinge zu, vor denen wir Angst haben, wie körperliche Schwächen, etwa Inkontinenz oder Dummheit, oder auch Fremdartigkeit, also etwa Gott, Ausländer, Reiche und Arme.

Welche Art von Witzen mögen Sie am liebsten?

Ich kann alles genießen: Den Kalauer, den dunklen Humor, Galgenhumor und Sarkasmus. Ich arbeite viel mit kranken und alten Menschen, ich fahre in Krisengebiete. Es ist verständlich, dass diese Menschen sarkastisch und bitter geworden sind. Aber ich suche als Clown nach Dingen, die uns verbinden. Jeder Mensch ist verschieden, und gerade der Sprachwitz ist sehr spezifisch. Doch universell ist die Fähigkeit, durch Humor Abstand zu gewinnen und darüber lachen zu können.

Sagen Sie mal ein Beispiel!

Sympathisch am jüdischen Humor zum Beispiel ist die Selbstironie, die auch in den dunkelsten Momenten etwas Humanes vorweist. Das hat mit der Geschichte der Juden zu tun, ihrer Vertreibung, dem Holocaust, dem Fakt, dass sie so viel Unheilvolles erleben mussten. Ihre Sprachform enthält sehr viel Witz und Selbstironie, sie nehmen sich nicht so wichtig. Sie sind froh, dass sie leben. Ein Witz fällt mir dazu ein. Levi und Noah treffen sich in New York bei Isaak. Bei ihm steht ein Bild von Hitler auf dem Schreibtisch. Schockiert fragen die Besucher, warum er das Bild aufgestellt hat. „Das ist gegen Heimweh“, sagt Isaak.

Da fällt das Lachen schwer.

Für einen Deutschen ist es peinlich. Für Juden geht es um die Bewältigung ihrer eigene Geschichte. Aber auch diese Form des Witzes, der im Halse stecken bleibt, zeigt ein Stück der Kraft von Humor. Da lädt sich erst eine Spannung um ein Tabu-Thema auf, doch mit einem scharfen Messer kann man da hineinstechen, und die Spannung entlädt sich.

Sie bringen Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, einen humorvollen Umgang mit den Patienten bei. Welche Voraussetzungen brauchen Ihre Kursteilnehmer?

Das wichtigste ist eine wohlwollende Haltung. Es geht um die Frage: Was kann ich dem Tag Gutes abgewinnen? Das führt beim Clown zu einer Begeisterung für das Spielen. Wenn man jongliert, spielt man mit den Naturgesetzen. Man kann sie nicht außer Kraft setzen und auch nicht bezwingen, aber man kann mit ihnen spielen! Oder die Zauberei: Ein Spiel mit der Wahrnehmung. Niemand zerlegt eine Jungfrau in zwei Teile. Die Zauberei wirkt glaubhaft, wenn man eine wohlwollende wertschätzende Haltung hat.

Im Alltag lassen sich viele lustige Dinge und Skurrilitäten entdecken. Manchmal sind es Zettel an Straßenlaternen und in Hausfluren. Merken Sie sich solche Botschaften?

Ich laufe nicht durch die Gegend und versuche, alles was lustig ist, mir zu merken. Das wäre neurotisch, als würde ich vorbeugen wollen, etwas zu verlieren, was eigentlich allgegenwärtig ist. Humor im Alltag ist eine gesunde Normalität, und das lasse ich einfach geschehen.

Sie haben bei Ihrer Arbeit im Krankenhaus auch mit Demenzkranken zu tun.

Ja. Für die Betroffenen schließt sich eine Welt der Wahrnehmung, und es öffnet sich eine andere. Man hat weniger Verantwortung und mehr Zeit zum Nichtstun. Man merkt, dass man nicht mehr wie bisher alles selbstbestimmen kann. Man muss lernen, wie man sich helfen lässt. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben des Älterwerdens. Wir wollen ein Leben lang kompetent und selbstbestimmt sein. Da fällt es schwer, plötzlich etwas abzugeben und nach Hilfe zu fragen. Ich übe das jetzt schon und frage etwa junge Leute, ob sie mir helfen, meinen schweren Koffer die Treppe hochzutragen.

Ich möchte Ihnen zwei Alltagssituationen schildern und Sie bitten, mir zu sagen, wie Sie damit umgehen. Morgens kippt mir die volle Kaffeetasse um...

Scheiße! (lacht laut). Ich ärgere mich darüber wie jeder andere auch. Doch als professioneller Helfer in einer Krisensituation geht es darum, eine andere Haltung zu bewahren, sich nicht ärgern zu lassen, nicht cholerisch und wütend zu reagieren. Aus einer anderen Rolle, etwa als Clown, gelingt mir das. Wenn mich zum Beispiel jemand angreift und mich blöd findet, trete ich einen Schritt zurück und frage mich: Wozu könnte es jetzt gut sein, dass dieser Mensch mich blöd findet? Vielleicht sage ich dann: Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben, dass ich blöd bin in Ihren Augen!

Nächste Situation: Das Finanzamt fordert Sie auf, 5000 Euro Steuern nachzuzahlen.

Das macht erst einmal betroffen. Doch dann frage ich mich: Wozu könnte dieser Brief gut sein? Dann komme ich schnell auf Antworten: Ich könnte mich darüber freuen, dass ich so gut verdiene, dass ich dieses Geld schnell wieder verdient habe. Eine andere Antwort: Geld ist ein Tauschmittel, ich gebe es aus, es kommt wieder rein. Die spannende Frage ist doch, was kann ich in einer Krise tun. Dafür habe ich einen Krisenplan. Den habe ich erprobt, der funktioniert. Als erstes immer einen Schritt zurücktreten, Distanz gewinnen, eine neutrale Haltung einnehmen, die einen nicht so betroffen macht.

Welche Form von Humor begegnet Ihnen in Berlin?

Meine erste Antwort auf diese Frage ist immer sehr klischeehaft: An einem richtig verregneten Tag wartet der Busfahrer geduldig, bis ich direkt vor der Tür stehe. Vor meiner Nase macht er die Tür zu und fährt los. Berliner Busfahrer haben einen ganz eigenen Humor! Es gibt aber auch Busfahrer, die warten auf mich. Dann bedanke ich mich ganz ausführlich. Meistens nicken sie nur ganz kurz, als wäre nichts gewesen. Das nenne ich eine herzliche Kaltschnäuzigkeit!

So eine Einschätzung des Berliner Humors habe ich noch nie gehört.

Mir ist das sehr vertraut von Chicago, der Brutstätte der harten Liebe. Hard love. Der Gründer der Provokativ-Therapie, Frank Farrelly, kommt aus Chicago. Er ist Psychotherapeut und praktiziert eine sehr direkte Form von ironischer Ehrlichkeit. Also eine herzliche Kaltschnäuzigkeit, die schnell auf den Kern der Sache geht und leicht provoziert. Das ist etwas Typisches am Berliner Humor: Nichts beschönigen, alles einfach gerade heraus.

Wenden Sie Farrellys Praxis an?

Ich halte sehr viel davon. Ich besuche als Clown Patienten in geriatrischen Abteilungen. Oft sagen mir die Patienten, sie wollen sterben. Immer wieder. Die Pfleger umschiffen dieses Thema gern. Meine erste Antwort lautet dann: Wie kann ich behilflich sein? Das ist nicht böse gemeint, doch die Patienten haben so eine Antwort noch nie gehört. Ich frage: Soll ich jemanden anrufen? Wollen Sie noch eine schöne letzte Mahlzeit? Soll ich eine Kerze anzünden? Soll ich Sie aufs Dach bringen? Und da lachen sie und sagen: Ne, ne! Das ist mir zu gefährlich! Mir geht es dabei um eine nichtmoralische Haltung zum Selbstmord. Wenn es den Betroffenen helfen würde, dass sie jemanden finden, der mit ihnen aufs Dach geht, dann würde ich diese Person sein.

Wirklich? Im Kostüm eines Clowns?

Es ist bisher zum Glück noch nicht passiert, dass die Feuerwehr kommen musste und sich wunderte, dass da ein Clown auf dem Dach steht ….

Ein Horrorclown…

Im Gegenteil, eher ein Todesengel. Meine geistige und moralische Haltung dazu lautet, dass jemand, der nichts mehr hat, worauf er sich im Leben freuen kann, nicht moralisiert und unter Druck gesetzt werden soll, sondern begleitet. Ich bin bereit, Begleiter zu sein, damit die Person nicht allein ist.

Das klingt alles so traurig, was Sie da erzählen, wo Sie doch als Clown unterwegs sind!

Lachen und Weinen liegen eben sehr nah beieinander. Wir sind oft im Deutschen Herzzentrum. Die Kranken und ihre Angehörigen dort sind ständig mit dem schweren Schicksal beschäftigt, und dann kommen wir und merken, wie wohltuend es ist, mal eine Stunde Urlaub zu haben von all den Sorgen und Krankheiten. Wir machen ein Spiel, erzählen eine Geschichte und ernten dafür Lachen und Leichtigkeit. Es fließen Tränen, manchmal sind es Tränen der Erleichterung.

Welche Humoristen mögen Sie?

Amerika hat eine große Comedy-Kultur. In meiner Kindheit habe ich gern Johnny Carson und Bob Hope gesehen, es gab viele Ferienserien in den 60er- und 70er-Jahren, die mir eine dauerhafte Leichtigkeit und einen über allem schwebenden Humor vorlebten.

Und was halten Sie von Ihren deutschen Kollegen?

Kurt Krömer finde ich geil, weil er so eine sympathisch zurückhaltende Art hat, aber auch provokant sein kann. Ich liebe Mirco Nontschew wegen seiner mimischen Übertreibung und Olli Dietrich für seine große Gabe, Figuren zu schaffen, die eine gewisse Alltagskomik aufgreifen und wirklich Humor haben, statt nur gelernte pointierte Witze zu liefern.

Schauen Sie Comedy im Fernsehen?

Leider macht das deutsche Fernsehen zu gern englische und US-Komödien nach, statt originales Material zu schöpfen und auf die eigenen Wurzeln und kulturelle Geschichte zu referieren. Daher fehlt es häufig an Authentizität und Aktualität. Eine markante Ausnahme war Loriot. Heute sind Sendungen wie die „heute show“ oder „Neues aus der Anstalt“ würdige Nachfolger. Sonst ist mir einfach zu viel zu platt und meist auf den allerbilligsten Lachreiz reduziert, nämlich auf die Schadenfreude.

Das Gespräch führte Stefan Strauß.