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Countertenor Edson Cordeiro: „Berlin ist eine sichere Stadt“

Edson Cordeiro

Edson Cordeiro

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Berliner Zeitung/Christian Schulz

Edson Cordeiro empfängt in einer großzügigen Schöneberger Wohnung zum Interview. Im Gespräch ist der Mann, der auf der Bühne groß und divenhaft wirkt, sehr entspannt, von zarter Statur und gar leiser Stimme. Wohlüberlegt artikuliert er sich, spricht humorvoll über seine Karriere und die Zeit als Straßenmusiker und ernsthaft über diese Stadt und seine Erfahrungen mit Homophobie und Ausgrenzung.

Herr Cordeiro, Sie sind ein Brasilianer in Berlin. Wie fühlt sich das an?

Ich habe viele brasilianische Freunde hier, aber ich habe schon drauf geachtet, dass ich nicht in einem „Ghetto“ lebe, ich verspüre kein Heimweh und kein Bedürfnis danach in einer Art brasilianischer Community zu leben. Ich brauche Deutsche um mich herum, mein deutsch ist immer noch verbesserungsfähig . Zudem bin ich nun hier und will andere Menschen kennenlernen, fremde Menschen. Brasilianer kenne ich ja nun schon zu genüge (lacht). Ich vermisse nur ab und an meine Familie. Aber natürlich ist auch mein Mann Oliver Teil meiner Familie.

Vermissen Sie denn hier nicht die vielgerühmte brasilianische Lebensart, diese angebliche Leichtigkeit?

Nein. Brasilien ist ja in mir. Man muss mit sich im Reinen sein, sich gefunden haben, dann kann man sich auch problemlos an einem anderen Ort anpassen. Ich bin sehr glücklich und darüber hinaus bin ich Weltbürger, ein Kosmopolit. Außerdem muss man sagen, dass Brasilien kein sicheres Land ist, es gibt unfassbar viel Gewalt, viel Korruption, viel Drogenkriminalität. Ich lebe daher auch in ständiger Angst um meine Familienmitglieder in Brasilien. Das ist nicht übertrieben, doch hier kann man das nicht nachvollziehen. Die Lebensqualität ist in Deutschland wirklich wesentlich höher. Berlin ist ein Paradies. Meine Familie lebt in São Paulo, da ist jeden Tag Krieg. Das ist kein Klischee. Als ich das erste Mal hier war, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, um Mitternacht von irgendwo in der Stadt nach Hause zu laufen, ich wollte immer ein Taxi nehmen, egal für welche Distanz. Alle schauten mich immer verständnislos an, aber in Brasilien kann „nach Hause laufen“ eine lebensgefährliche Angelegenheit sein.

"Sicherheit muss man auch lernen"

Sie meinen, Sie mussten erst lernen, mit der Sicherheit umzugehen?

Genau, Sicherheit muss man auch erlernen. Und Berlin ist eine sichere Stadt. Aber natürlich gibt es auch hier Idioten, Rassisten und Homophobie. Sogar hier in Schöneberg wurden wir angefeindet. Das schlimm dabei war aber, dass wir, also Oliver und ich, von einem Brasilianer bedroht wurden. In Brasilien wird Homophobie geduldet, das gehört es für die brasilianischen Männer zum guten Ton, Schwule und Lesben zu verachten. Homophobie ist dort kein Verbrechen. Brasilien ist ein sehr katholisches Land.

Ist Berlin denn per se eine homophobe Stadt?

Die Welt ist ein gefährlicher Ort und Idioten gibt es überall. Berlin ist nicht per se homophob, nicht grundsätzlich gefährlich. Religion und Fundamentalismus sind gefährlich, nicht der Ort.

Sie fühlen sich also wohl hier?

Ja, das einzige, was ich manchmal verstörend finde, ist eine Art zwischenmenschlicher Kälte. Wie die Leute hier in Berlin auf der Straße sind, niemand lacht, niemand lächelt einen an. In Berlin guckt man grimmig.

Nehmen Sie am schwulen Leben Berlins teil? Gehen Sie beispielsweise ins legendäre Berghain?

Ich habe da mal gesungen im Rahmen der Yellow Lounge. Aber ich war da natürlich auch schon clubben, in meinen 30ern war ich ein richtiges Club-Kid. Ich habe eine sehr erfolgreiche Platte mit Club-Musik gemacht. Aber ich habe keine Lust mehr auf Nachtleben, ich verspüre einfach kein Bedürfnis mehr danach. Ich trinke nicht mal mehr Alkohol. Aber ich habe alles gemacht, alles probiert. Ich bin einmal durch die Hölle und zurück und ich muss sagen: Es war sehr lustig in der Hölle.

Als Kind in der Kirche gesungen

Wie hat Ihre Karriere begonnen? In Brasilien sind Sie ein Star.

Ich habe schon als Kind in Brasilien in der Kirche gesungen, das ist ein musikalisches Land, es läuft auch immer Musik, es ist nie still. Ich war ein religiöses Kind und habe ständig religiöse Lieder gesungen, bis ein Priester versuchte, mich zu vergewaltigen. Da war ich 15, danach habe ich Schluss gemacht mit der Kirche und wurde das, was ich heute bin: ein Künstler. 1990 war ich Straßensänger und Teil einer Rock-Show, zu dieser Zeit wurde ich von meinem damaligen Manager, einem Journalisten, entdeckt. Ich habe Demo-Tapes aufgenommen, so hat meine Karriere begonnen. Und ich sage Ihnen: Ich habe auf der Straße angefangen, ich weiß, wovon ich rede, wenn ich von den Mühen einer Karriere spreche. Aber ich habe schon auf der Straße als Sänger gutes Geld gemacht.

Wollten Ihre Eltern nicht, dass Sie einen anständigen Beruf erlernen?

Doch, aber das änderte sich, als sie das Geld sahen, das ich verdiente. Ich wohnte ja noch zu Hause. Das ist in Brasilien ja anders als hier, da ist die Familie alles.

Sie sind Countertenor, singen klassisches Repertoire, aber auch Pop in recht flamboyanten Shows. Wo würden Sie sich künstlerisch verorten?

Ach, Schubladen interessieren mich nicht besonders. Ich bin in erster Linie Entertainer – ein Countertainer, das ist eine eigene Wortschöpfung, ein Countertenor, der unterhält. Ich kann Bach und Händel singen, aber ich will mehr, ich will auch Schauspieler sein und unterhalten. Ich hätte niemals eine klassische Opernkarriere machen wollen, ich will auch mal der Clown sein können. Sehen Sie, meine Alben, die ich als Countertenor eingespielt habe, waren nominiert für den Grammy, aber ich brauche die Möglichkeit, etwas anderes machen zu können, wenn ich es will.

Countertenor ist eine seltene Stimmlage ...

Ja, heute aber nicht mehr so sehr, allein aus Deutschland kamen und kommen drei der besten Countertenöre der Welt: Klaus Nomi, Jochen Kowalski und Andreas Scholl.

"Die Stimme ist kein Geschenk für immer"

Kann man diese Stimmlage sein ganzes Leben lang behalten?

Also Opernsänger sollte man wissen, dass die Stimme kein Geschenk für immer ist. Das Singen an der Oper ist eine athletische Art zu singen, man gibt sehr schnell sehr viel. Das hält man nicht ewig durch. Ansonsten mit der richtigen Behandlung jedoch kann man Countertenor sehr lange singen. Ich singe ja auch in anderen Stimmlagen, kann meine Countertenor-Stimme also auch pausieren lassen und schonen, um es mal sehr vereinfacht zu sagen.

Verstehen Sie, wenn Menschen Countertenöre seltsam finden? Diese irgendwie außerweltliche und androgyne Art, die mit dieser Stimmer einhergeht?

Das ist doch toll und diese Androgynität auf der Bühne hat eine lange Geschichte und ist immer noch ein großer Überraschungseffekt. Ich will doch nicht langweilen mit meiner Bühnenpräsenz. Die Kastraten beispielsweise waren zur ihrer Zeit große, große Stars. Ich wäre nicht in Berlin, wenn ich mich nicht in der Tradition dieser Bühnenmenschen sehen würde. Auf einer Bühne eine extravagante Erscheinung zu sein, das geht in Berlin ganz wunderbar.